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Das Geistliche Wort | 31.12.2017 | 08:35 Uhr

Alles auf Anfang

Ich liebe es, einen neuen Kalender zu kaufen. Ich finde es wunderbar, wenn alle Seiten noch so völlig leer und unberührt sind. 365 Tage frische, unverplante Zeit.. Der neue Kalender kommt mir immer vor wie frisch gefallener Schnee, in dem noch keiner herumgelaufen ist. Alles auf Anfang. Das ist natürlich Illusion. Es sind ja schon viele Pläne und Termine da, auch wenn ich sie noch nicht reingeschrieben habe.

Viele Dinge stehen ja schon lange fest, die wir machen werden – so Gott will und wir leben. Außerdem: der Kalender ist zwar neu, das Jahr ist zwar neu – aber ich selber bin der Alte. Und im Gegensatz zum neuen Kalender bin ich selbst kein unbeschriebenes Blatt. Wir sind alle Blätter, auf die das Leben schon einiges geschrieben hat. Und all das nehmen wir mit, wenn wir in ein neues Jahr gehen. Das Kind, das wir waren, vielleicht vor langer Zeit, der oder die Jugendliche, die wir gewesen sind. Unsere Freude, unsere Begeisterung, die Höhepunkte in unserem Leben, und genauso die Schmerzen, die Wunden, die schweren Erfahrungen – all das steht auf diesem Blatt, und all das nehmen wir mit. Das ist ja nicht mit dem ersten Januar einfach verschwunden.

Und Sie werden das kennen: beschriebene Blätter bekommt man auch mit Radiergummi oder TippEx oder Tintenkiller niemals wieder in den Urzustand. Es bleiben immer Spuren. Ich habe gelernt, dass das sogar bei Computerdateien so ist: auch da lassen sich alte Texte nicht völlig löschen. Sondern nur überschreiben. So ist das bei uns auch: wir können in unserem Leben nicht einfach „alles auf Anfang“ setzen. Wir fangen nicht auf einem leeren Blatt völlig neu an. Wir können aber auf dem Blatt unseres Lebens neue Texte schreiben. Neue Gedichte. Auch wenn da Spuren des Alten bleiben. Und das ist die spannende Frage: welche neuen Gedichte möchten Sie auf Ihr Lebensblatt schreiben in diesem Jahr? Welche neuen Gedichte möchte Gott auf Ihrem, auf meinem Blatt des Lebens schreiben?

Musik 1: Tracy Chapman, Telling Stories, CD: Greatest Hits (remastered), Track 1, Text+Musik: Tracy Chapman, Verlag: PURPLE RABBIT MUSIC, Label: Rhino/Elektra (Warner), LC: 02982

Ich habe mal überlegt: wann habe ich wirklich wichtige Dinge in meinem Leben verändert? Eigentlich nie zu einem von mir geplanten Termin. Irgendwann war da ein Buch, das ich gelesen habe, ein Gespräch, das ich geführt habe, irgendein Anstoß, der gekommen ist, und der mir das Gefühl gegeben hat: So, das ist jetzt dran! Jetzt! Das ist jetzt der richtige Moment! Es gibt im Griechischen ein Wort für diesen richtigen Moment, das Wort Kairos. Kairos bedeutet: die richtige Zeit, der geeignete, günstige, bestimmte Zeitpunkt. Es kann sein, dass Sie zehnmal versucht haben, irgendwas Bestimmtes zu verändern. Und nie hat es geklappt.

Und dann kommt Ihr Kairos, Ihr richtiger Moment, und plötzlich geht es. Und dieser Kairos, den setzen wir selber nicht fest. Jesus verwendet dieses Wort, als er am Anfang seiner Tätigkeit predigt: „Der Kairos ist erfüllt - das Reich Gottes ist ganz nahe! Darum ändert Euren Sinn und vertraut der guten Nachricht!“ Das war seine Botschaft: Jetzt berührt Gott Euer Leben in ganz besonderer Weise. Jetzt kann sich etwas wandeln bei Euch. Und die Begegnung mit Jesus wird ja für viele Menschen auch zum entscheidenden Kairos in ihrem Leben. Da ist zum Beispiel ein Mann namens Levi, der für die römischen Besatzer den Zoll eintreibt. Der sitzt seit Jahren an seiner Zollstelle und macht seine Arbeit. Und eines Tages kommt Jesus vorbei und sieht ihn an und sagt: „Komm mit! Folge mir! Schließ Dich uns an!“ Und dieser Zolleintreiber lässt alles stehen und liegen und folgt ihm. Was läuft da eigentlich ab? Man könnte ja sagen: Na ja, Jesus ist mit seinem göttlichen Wort und seiner Ausstrahlung so unwiderstehlich, da muss man einfach mitgehen. Aber so ist es doch nicht. Gottes Wort ist nicht unwiderstehlich. Wenn es so wäre, hätte niemand Jesus verfolgt und ans Kreuz geschlagen. Alle hätten seinem göttlichen Charme erliegen müssen. Gottes Wort zwingt keinem Menschen seinen Willen auf. Es lockt, es lädt ein, es wirbt, es streckt die offenen Arme aus. Und es schafft erfüllte, besondere Momente, in denen sich etwas ändern kann – aber nicht muss. Levi hätte auch sitzenbleiben können, so wie viele andere. Aber er hat offenbar ein Gespür für diesen besonderen Moment. Vielleicht hat er schon mehrmals über sein Leben nachgedacht, auch über seine nicht ganz sauberen Methoden. Vielleicht hat er schon mehrmals überlegt, dass er irgendwas ändern sollte – und es hat zu nichts geführt. Und jetzt begegnet ihm dieser Rabbi aus Nazareth, und er spürt deutlich: das ist der Moment. Jetzt geht das, was zehnmal nicht gegangen ist.

Ein Therapeut hat mir eine Geschichte erzählt. Es ging um einen Mann, der alkoholabhängig war. Dieser Mann hatte schon mehrere Therapien gemacht. Und immer wieder war er in die alte Abhängigkeit zurückgefallen. Irgendwann startet er dann wieder eine Behandlung. Und fragt seinen neuen Therapeuten: „Was kann ich denn machen, um da rauszukommen?“ Und der Therapeut antwortet ihm: „Hören Sie auf zu trinken.“ – Ein ganz banaler Satz. Bei dem man sich fragt: Wie soll das denn weiterhelfen? Das weiß doch nun wirklich jeder! Für diesen Mann aber war dieser Satz genau das richtige im richtigen Moment nach seiner langen Therapiegeschichte. Weil ihm in diesem Moment aufgegangen ist: „Ich suche seit Jahren danach, dass mir einer ein Rezept in die Hand drückt, mit dem alles leichter geht. Dieses Rezept gibt es nicht. Es gibt Werkzeuge, aber kein Rezept. Ich selber muss eine Entscheidung treffen. Und zwar jetzt!“ Das war sein Kairos. Und natürlich kann man fragen: hätte er das nicht schon früher sehen können? Es ist müßig, so zu fragen. Wir wissen es nicht. Wichtig ist nur: jetzt hat er es begriffen. Er hat diesen Kairos genutzt und seine Entscheidung getroffen. Er hat sich weiter helfen lassen, aber das Entscheidende hat er selber getan.

Darauf kommt es an: auf das Gespür für den Kairos, für den richtigen Moment. Es bringt nichts, viele gute Vorsätze zu machen. Viel wichtiger ist, achtsam durch das neue Jahr zu gehen. Dass wir wach sind, wenn Gott uns einen Kairos zuspielt, einen geeigneten Moment. Und dass wir dann sagen: „Jetzt! Jetzt ist es dran! Und zwar sofort!“ Das wird nur selten der erste Januar sein. Vielleicht ist es der 13. Mai. Oder der 29. September. Oder sonst ein Tag. Deswegen ist es gut, die Augen offen zu halten. Und das Herz.

Musik 2: Judy Bailey, New Beginning, CD: Traveling, Track 12, Text+Musik: Judy Bailey, Verlag: DYBA MUSIC, label: Gerth Medien, LC: 13743

„Alles auf Anfang“ – ich musste um Weihnachten herum noch in anderer Hinsicht an dieses Motto denken. Ich hatte Probleme mit meinem Handy. Ich hatte mir ein Update runtergeladen. Und danach funktionierte Etliches nicht mehr. Sie müssen wissen: ich bin immer ganz entspannt und geduldig, wenn meine Technik nicht funktioniert. Jedenfalls: ich bin irgendwann darauf gekommen, mein Handy „auf Werkseinstellungen zurückzustellen“. Es gibt da ja diese wundervolle Funktion: „auf Werkseinstellungen zurückstellen“. Das machte dann noch etwas Arbeit. Aber hinterher funktionierte alles wieder.

Ich habe dann gedacht: Wie schön wäre es, wenn das nicht nur bei Handys ginge. Wenn wir manchmal auch unseren Kopf und unser Herz wieder „auf Werkseinstellungen zurücksetzen“ könnten, um frei zu werden – von schädlichen Updates, von stressigen Situationen, von zerstörerischen Gedanken, von Dingen, die unsere Verbindung zum Leben stören. Ich weiß, unser Kopf ist kein Handy. Und es wäre ja auch schlimm, wenn da plötzlich alles gelöscht wäre. Trotzdem hat mich das fasziniert: mich selber ab und zu „zurückzustellen auf Werkseinstellungen“. Wie könnte das gehen? Was sind denn überhaupt unsere „Werkseinstellungen“? Was ist uns mitgegeben, wenn wir auf diese Welt kommen? Was tun wir als erstes, wenn wir das Licht der Welt erblicken? Wir atmen. Unsere erste, selbständige Tätigkeit ist Atmen. Eine fundamentale Grundeinstellung unseres Lebens. Es ist kein Zufall, dass alle religiösen und spirituellen Traditionen genau dazu raten: wenn Dein Arbeitsspeicher überfüllt ist mit tausend Sachen, wenn Du voller Unruhe bist, wenn die Gedanken durch Deinen Kopf rennen wie eine Affenhorde, dann setz Dich – und atme. Tu nichts anderes als zu schauen, wie die Luft in Dich hinein- und aus Dir herausströmt. Das ist das Fundamentale. Geh in Deinem Alltag immer wieder zurück zu dieser Werkseinstellung. Und wenn Du das tust, wirst Du nach einiger Zeit erleben, wie etwas in Dir zur Ruhe kommt. Die Gedanken sind dann nicht weg, die verschwinden nicht einfach, aber sie rücken in den Hintergrund. Sie beherrschen Dich nicht mehr völlig. Und Du wirst das Entscheidende wieder stärker spüren: Deine Verbindung zum Leben!

Musik 3: Julian und Roman Wasserfuhr, Tutto, CD: Landed in Brooklyn, Track 2, Musik: Julian Wasserfuhr & Roman Wasserfuhr, Label: Act (Edel), LC: 01666

Es gibt noch eine andere wichtige Werkseinstellung, zu der wir immer wieder zurückkehren dürfen. Am Anfang des Weges Jesu steht seine Taufe im Jordan. Und bei dieser Taufe hört Jesus eine Stimme, die aus dem offenen Himmel kommt und ihm zusagt: „Du bist mein lieber Sohn, an Dir habe ich Wohlgefallen.“ Bevor Jesus auch nur einen Satz predigt, bekommt er das hier zugesprochen. Das ist sozusagen seine „geistliche Werkseinstellung“: die Gewissheit, ein geliebtes Kind Gottes zu sein. Das ist die innere Voraussetzung für alles, was er tun und sagen wird.

Die Evangelien erzählen, wie Jesus sich auf seinem Weg immer wieder zurückgezogen hat, meistens auf einen Berg, um mit Gott im Gespräch zu sein. Das war seine Art, seine Seele auf Werkseinstellung zurückzustellen: die ganzen Erwartungen und Zuschreibungen anderer Menschen, all das, was andere in ihn hineinprojiziert haben an Sehnsüchten und Ängsten, all die Auseinandersetzungen des Tages, die ja etwas mit unserer und auch seiner Seele machen – all das hat er da Gott in die Hände gelegt und dadurch die eigene Seele zurückgesetzt auf diese ursprüngliche Zusage, auf das göttliche Versprechen: „Du bist mein Kind!

Abgrundtief geliebt von Anfang an. Unabhängig von dem, was Du erreichst, von der Zahl Deiner Anhänger, von Deinen Erfolgen. Du bist und bleibst mein Kind, an dem ich mich von Herzen freue!“ Wie viel neue Kraft muss ihm das gegeben haben! Und wie gut würde es uns tun, wenn wir ihm da folgen würden: immer wieder an den Ursprung gehen. Auf die Werkseinstellung zurücksetzen, die Gott uns allen ja mitgegeben hat: sein geliebtes Kind zu sein. Egal, was die andere sagen. Egal, wir selber von uns halten. Der Psychologe Carl Rogers hat geschrieben: „Wenn ich mich akzeptiere, wie ich bin, dann ändere ich mich.“ Ich füge hinzu: „Wenn ich mir bewusst mache, dass Gott mich liebt, wie ich bin – dann kann ich mich ändern.“

Ich bin Joachim Römelt, Pfarrer aus Solingen-Dorp, und ich wünsche uns: Halten wir Augen und Herzen offen und schauen wir: wann Gott bei uns ankommen und neu anfangen will. Welche neuen Gedichte er auf den alten Blättern unseres Lebens schreiben will – mit uns zusammen

Musik 4: Tracy Chapman, New Beginning, CD: New Beginning, Track 2, Text+Musik: Tracy Chapman, Verlag: PURPLE RABBIT MUSIC, Label: Rhino/Elektra (Warner), LC: 02982

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