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Kirche in WDR 3 | 08.08.2018 | 07:50 Uhr

Ein Rand um das Feld

Die Geschichte mit den lebenden Hühnern im Pappkarton auf dem Gepäcknetz des Zuges ist die lustigste. Ab und zu erzählte mein Vater von seinen Kindheitsabenteuern. Der Karton wurde undicht, und es tropfte durch. Als Kinder haben wir begeistert zugehört. Wenn mein Vater heute nochmals davon erzählt, stockt mir der Atem. Ein zehnjähriges Kind nur zusammen mit seinem Bruder, hunderte von Kilometern allein mit dem Zug durch ein zerbombtes Land fahren lassen – nur um ein paar Hühner zu organisieren? Es war eine andere Welt, nur so war Überleben nach dem Krieg möglich: durch „Organisieren“ und durch die Solidarität der Verwandten. Viele haben die karge Nachkriegszeit nur überstanden, weil auf dem Land etwas zu holen war, weil auf dem abgeernteten Acker doch immer noch ein paar Kartoffeln zu finden waren.

Diese Erfahrungen haben unmittelbar mit der Bibel zu tun. Und zwar mit der Frage: Wie „geht“ Nächstenliebe?

Klar: Der Begriff ist Christen bekannt durch die Worte von Jesus. Wenn Sie so wollen, ist das vielleicht einer seiner bekanntesten Worte: „Du sollst Gott lieben – du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Wer kennt den Satz nicht?

Und den meisten fällt dann vielleicht noch die Geschichte vom barmherzigen Samariter ein, der Nächstenliebe vorlebt. Aber eigentlich wartet die Bibel darüber hinaus noch mit ganz konkreten Ausfaltungen dessen auf, was Nächstenliebe bedeutet.

Dazu lohnt der Blick in das Buch, von dem her auch Jesus das Gebot der Nächstenliebe formulierte. Ich meine das dritte Buch Mose, das Buch Levitikus. Im 19. Kapitel scharen sich um das doch abstrakte Gebot ganz handfeste Alltagsregeln. Und die eine hat mit den nicht ganz leeren Kartoffelfeldern der Nachkriegsgeneration zu tun. Denn da heißt es:

„Wenn ihr die Ernte eures Landes erntet, sollst du den Rand deines Feldes nicht vollständig abernten, eine Nachlese deiner Ernte darfst du nicht halten. Und deinen Weinberg sollst du nicht nachernten, und die abgefallenen Beeren sollst du nicht nachlesen. Dem Armen und dem Fremden sollst du sie übriglassen. Ich bin der HERR, euer Gott.“ (Lev 19,9-10).

So lautet das Gebot. Dahinter steht die Idee, aus dem eigenen Ertrag etwas für die Armen übrig zu lassen, die selbst kein Land besitzen.

Die Idee mit dem Übriglassen hat einen gewissen Charme. Sie bedeutet, dass die Armen ihren Unterhalt nicht untertänig-dankbar aus der Hand der Landbesitzer entgegennehmen müssen, sondern dass sie ihn sich selbst durch Nachlese erarbeiten können. Das bewahrt ihre Würde.

Aus dieser Vorschrift höre ich noch mehr heraus als die Grundsätze für einen biblisch korrekten Landwirt. „Du sollst den Acker nicht vollständig abernten, du sollst einen Rand lassen“: Darin steckt ein Wirtschaftsprinzip, das auch heute noch explosiv ist. Das heißt doch auch: Hole nicht den allerletzten Gewinn aus deinem Wirtschaften. Vielleicht bleibt auch einmal etwas übrig, ohne dass es geholt wird. Auch das muss man ertragen.

Heute, wo die Insekten aussterben, weil die Ackerränder verschwunden sind, mahnt das Gebot, dass Effizienz nicht alles ist. Wir sind nicht nur für uns verantwortlich. Es geht darum, in größeren Zusammenhängen zu denken. Es soll etwas übrigbleiben, für die Natur, für die anderen Menschen. Die Bibel bindet Ökologie, Sozialethik und die Gottesfrage zusammen. Nächstenliebe zielt auf privates Handeln, aber sie achtet auch darauf, wie Wirtschaftssysteme organisiert sind.

„Hol nicht das letzte für dich heraus. Lass einen Rand, lass Raum für andere“. So buchstabiert die Bibel Nächstenliebe durch. Und das soll ein Grundsatz für jeden einzelnen sein, aber auch für die Gesellschaft. Auf Dauer lebt es sich so menschlicher.

Ob die Bauern in der Nachkriegszeit dieses Gebot in der Bibel gelesen haben, weiß ich nicht. Aber manche haben es gelebt. Einen guten Tag wünscht Egbert Ballhorn aus Dortmund.

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