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Kirche in WDR 5 | 16.05.2018 | 06:55 Uhr

„Lassen Sie uns aufeinander achtgeben!“

„Lassen Sie uns aufeinander achtgeben!“ Mit diesen Worten schloss Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier seine Weihnachtsansprache im vergangenen Jahr. Bei mir ist der Satz hängengeblieben. Bis heute. Ein eigentlich einfacher Wunsch, der aber als Aufruf in die ganze Gesellschaft hinein zur Herausforderung wird. – Denn wie gibt man heutzutage im Großen aufeinander acht, wo das schon im Kleinen immer herausfordernder wird?

Ein Szenewechsel bringt mich auf die Spur. Ich reise durch den Oman. Im Norden des Landes liegt Misfat al A‘briyeen. Es gibt keinen einzigen Brunnen. Dennoch fallen schon von weitem die vielen bunten Gärten, Obstbäume und Palmen auf.

Wie ist das möglich?

Das Geheimnis ist ein zweitausend Jahre altes Bewässerungssystem, das sich aus nur einer Quelle speist, die in den Felsen oberhalb der Ortschaft entspringt. Mithilfe unendlich vieler kleiner Kanäle findet das Wasser seinen Weg in Gärten und auf Felder. Es gibt eine feste Reihenfolge für die Bewässerung. Und es gibt jemanden, dem das Vertrauen aller Bewohner gilt, Sorge zu tragen für das, wovon hier alle leben. Dieser „Jemand“ heißt Mas’?d Al Ebrei.

Der große Mann um die 50 ist der „Hüter des Wassers“. Er gibt darauf Acht, dass die zum Teil sehr alten Kanäle in Ordnung sind, dass nichts verstopft und nichts verdreckt. Und er weiß, was zu tun ist, damit jeder Garten, jedes Feld, jede Baumplantage die notwendige Menge Wasser erhält. Dafür müssen Mas‘?d und einige Helfer an 365 Tagen im Jahr Kanäle schließen, an anderer Stelle öffnen, das Wasser leiten und umleiten. Das ausgeklügelte System lässt es zu, dass ganz genau alle acht Tage das Wasser überall dorthin kommt, wo es benötigt wird.

Während ich durch die alten Gassen mit ihren unzähligen Treppenstufen laufe, klingen Mas’?ds Worte in mir nach. Niemand im Ort scheint zu befürchten, dass es bei der Wasserverteilung nicht gerecht zugehen könnte. Immerhin bebaut auch Mas‘?ds Familie ja seit Generationen eigene Flächen und Gärten hier. Es scheint auch niemand je mehr Wasser beanspruchen zu wollen, als es das verblüffend einfache System für alle hergibt. Nur so funktioniert das Leben an diesem Ort, der inmitten von Wüstengestein aussieht, wie ein kleines Paradies. Es funktioniert, weil hier keiner dem anderen das sprichwörtliche Wasser abgräbt – im wahrsten Sinne dieses Wortes!

Mir kommt dazu ein altes biblisches Bild in den Sinn: vom neuen Himmel und der neuen Erde, in der die Gerechtigkeit wohnt (vgl. 2 Petr 3,13; Jes 65,17; Offb 21,1). Nicht als ewige Verheißung, sondern als Alltag im Heute und Hier. Dieser Alltag lebt vom Aufeinander-Achtgeben. Er lebt vom Wissen um die gemeinsame Quelle und vom guten Willen, einander das Wasser des Lebens nicht abzugraben. Unter keinen Umständen. Und so ist für mich in einer Welt, die im Großen wie im Kleinen – auch in Deutschland – immer mehr auf Abgrenzung setzt, das Aufeinander-Achtgeben tatsächlich ein wegweisendes Gebot der Stunde. Denn beim Aufeinander-Achtgeben geht es um das Verbindende zwischen uns Menschen; darum – um im Bild meines Erlebens im Oman zu bleiben –, dass wir auch über unseren eigenen Gartenzaun hinaus das Leben mitempfinden, mitdenken und mitverantworten. Dafür muss ich zu einem größeren Ganzen wirklich gehören wollen und auch anderen Platz darin lassen. Genauso viel, wie ich es mir für mich selber wünsche. Jesus von Nazaret sagt die goldenen Worte so: „Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen“ (Lk 6,31). Einen guten Tag wünscht Vera Krause aus Köln.

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