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Das Geistliche Wort | 10.05.2018 | 08:35 Uhr

Was schaut ihr hinauf zum Himmel?

Autor: Von einer Kanonenkugel möchte ich Ihnen heute Morgen erzählen und von den Weiten des Weltalls, dazu vom Himmel und den Bildern, die wir von ihm haben. Und das alles natürlich deshalb, weil wir heute den Himmelfahrtstag feiern. Wobei, feiern und wir, das ist ziemlich übertrieben ausgedrückt. Für die meisten Menschen gibt es zwar viele Gründe, sich auf diesen freien Tag zu freuen, sein ursprünglicher Anlass gehört aber eher kaum dazu, und wenn sie an diesem Tag etwas feiern, dann ist es nur selten die Himmelfahrt Jesu. Das mag auch daran liegen, dass dieses Ereignis auch im Neuen Testament nicht von zentraler Bedeutung ist. In den Evangelien von Matthäus und Johannes ist nichts davon zu lesen, und bei Markus und Lukas findet sich jeweils nur ein einziger knapper Satz dazu. Nur unwesentlich länger ist die Darstellung in der Apostelgeschichte des Lukas. Zunächst erinnert er daran, dass Jesus sich nach seiner Auferstehung noch vierzig Tage lang „immer wieder gezeigt und vom Reich Gottes gesprochen“ (1,3) hat. Anschließend berichtet er, wie Jesus seinen Jüngerkreis ermutigt: „Ihr werdet aber Kraft empfangen, wenn der heilige Geist über euch kommt, und ihr werdet meine Zeugen sein … bis an die Enden der Welt.“ (1,8). Und ganz knapp heißt es dann: „Als er dies gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken.“ (1,9) Wie und auf welche Weise genau diese Himmelfahrt geschah, wird nirgends erwähnt. Wichtig ist allein, dass Jesus in den Himmel auffuhr.

Musik 1: Karusellen, CD: Jazz Only Jazz. Winter Jazz Nights, Vol. 4 (Chilled Jazz Edition), Track 16/36, Komponist: Martin Tingvall, Interpret: Tingvall Trio, Label: KNM Special Marketing

Autor: Leider berichtet das Neue Testament nicht, wie und auf welche Weise diese Himmelfahrt sich ereignet hat. Gerade das aber wollten spätere Generationen gerne genauer wissen. Sie wollten sich im wahrsten Wortsinn ein Bild davon machen. Eine der ältesten Darstellungen ist ein Elfenbein-Relief aus dem 4. Jahrhundert. Auf ihm besteigt Jesus einen steilen Hügel; aus einer Wolke erstreckt sich eine Hand Gottes, umfasst die seine und zieht ihn zu sich herauf. In späteren Zeiten finden sich auf Gemälden Engel, die Jesus in den Himmel heben. Und in Süddeutschland gibt es in einigen barocken Kirchen ein sogenanntes Heiliggeistloch, durch welches eine Statue des auferstandenen Jesus in der Himmelfahrtsmesse vor aller Augen auf den Dachboden gehievt wird. Und im Gegenzug dazu wird dann zu Pfingsten durch dasselbe Loch die Nachbildung einer Taube als Zeichen für den Heiligen Geist herabgesenkt.

Andere fragen und fragten sich, wo denn genau der Himmel sei, in welchem Jesus nun „zur Rechten des Vaters“ sitzt, wie es im apostolischen Glaubensbekenntnis heißt. Zu ihnen gehörte auch Otto Zöckler; der war Ende des 19. Jahrhunderts ein konservativer Theologieprofessor in Greifswald mit einer etwas unglücklichen Liebe zur Naturwissenschaft. Bei einem Festessen fand er Platz neben seinem liberalen Fakultätskollegen Johann Wilhelm Hanne. Dieser nutzte die Gelegenheit zu einer mit argloser Miene vorgetragenen Frage: „Wo liegt eigentlich der Himmel?“ Zöckler antwortete: „Weit, sehr weit – noch hinter dem Sirius.“ Darauf Hanne: „So. Und wie rasch ist Christus gen Himmel gefahren?“ Zöckler witterte jetzt Gefahr und meinte vorsichtig, so schnell wie eine Kanonenkugel könne der Herr wohl geflogen sein. Das kommentierte Hanne mit der knappen Bemerkung: „Dann fliegt er immer noch.“

Der Sirius, der hellste Stern am nächtlichen Himmel, ist nämlich rund 8,6 Lichtjahre von der Erde entfernt. Wenn Zöcklers Kanonenkugel nun mit etwa tausend Stundenkilometern durch das All rasen würde, benötigte sie allein bis zum Sirius viele Millionen Jahre.

Zöckler hat also die unendlichen Weiten des Weltraums unterschätzt. Vor allem aber hat er den Fehler gemacht, den Himmel dort zu verorten, wo er nicht zu finden ist, nämlich am Himmel. Dieser scheinbare Widerspruch lässt sich leicht auflösen, denn mit dem einen Wort Himmel verbinden wir im Deutschen zwei unterschiedliche Bedeutungen. Das ist im Englischen anders, dort gibt es sky und heaven. Sky ist der sichtbare bestirnte Himmel über uns, heaven hingegen der nicht sichtbare Ort Gottes. Der lässt sich nicht festlegen, denn nirgends ist er, und zugleich kann er überall sein. Nicht wo der Himmel ist, ist Gott, sondern wo Gott ist, da ist der Himmel.

Musik 2: Blueno, CD: Jazz Only Jazz. Winter Jazz Nights, Vol. 4 (Chilled Jazz Edition), Track 17/36, Komposition: Bruno Müller & Ulf Kleiner, Interpret: Bruno Müller, Label: KNM Special Marketing

Autor: Wo Gott ist, da ist der Himmel. Das ist zwar richtig, doch recht allgemein und abstrakt. Etwas genauer und konkreter sollte sie schon sein, unsere Vorstellung vom Himmel. Doch leider ist das Neue Testament an dieser Stelle recht spröde. Jesus sagt nicht, was der Himmel ist, sondern er erzählt Gleichnisse: „Mit dem Himmelreich ist es wie…“ (Matthäus 13,24), und dann vergleicht er es etwa mit einem gefundenen Schatz oder einer kostbaren Perle. Am eindrücklichsten finde ich einen Abschnitt im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes. Hier (21,1-5) heißt es in einer Vision, dass Gott und Mensch wieder zusammen wohnen werden: „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. … Und Gott wird abwischen jede Träne von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, und kein Leid, kein Geschrei und keine Mühsal wird mehr sein; denn was zuerst war ist vergangen. … Siehe, ich mache alles neu.“ Der Himmel, ein Ort voller Freude und frei von Leid. Ein schönes, ein tröstliches Bild. Ein Gegenbild zur leidvollen und todesbedrohten Wirklichkeit damals wie heute.

Ein ähnliches Trostbild malte Paul Gerhardt kurz nach Ende des grauenvollen Dreißigjährigen Krieges in seinem Lied „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“. In ihm vergleicht er den Himmel mit einem goldenen Schloss und mit einem blühenden Garten, in dem Engel fröhliche Lieder singen, in die er gerne einstimmt. Man mag das naiv nennen, aber wer wollte schon in einen Himmel kommen, in dem es nicht fröhlich zugeht, der unsicher ist und öde.

Alle Beschreibungen eines neuen, ganz anderen und zukünftigen Himmels sind Hoffnungsbilder und dabei zumeist Gegenbilder zu einer Wirklichkeit , in der es wenig Trost und Hoffnung gibt. Für viele sind diese Bilder vom neuen Himmel schön und überzeugend. Sie zeigen eine Wahrheit. Aber was Friedrich Schleiermacher, der bedeutendste evangelische Theologe des 19. Jahrhunderts, über ein Wiedersehen nach dem Tode schreibt, gilt auch für die Vorstellung vom Himmel: „Wir können nichts darüber erkennen, sondern nur dichten.“ Wobei anzumerken ist, dass dieses „nur“ bei dem Seelenverwandten und Freund romantischer Dichter alles andere als abwertend gemeint ist.

Musik 3: Geh aus, mein Herz, und suche Freud, CD: Codera goes choral, Track 7, Interpret: Wolf Codera, Verlag: Creative Kirche im Lutherverlag (2003), Label: CREATIVE KIRCHE MUSIK

Autor: „Und während sie ihm unverwandt nachschauten, wie er in den Himmel auffuhr, da standen auf einmal zwei Männer in weißen Kleidern bei ihnen, die sagten: Ihr Leute aus Galiläa, was steht ihr da und schaut hinauf zum Himmel?“ So geht es weiter in der Apostelgeschichte des Lukas. Die Jünger erkennen, dass sie nicht nach oben, sondern nach vorne schauen sollen. Sie verlassen den Ort der Himmelfahrt, kehren zurück nach Jerusalem. Hier bleiben sie zusammen und erleben bald darauf, dass der Geist Gottes sie begeistert und stärkt. Sie geben nun ihrerseits durch Worte und Taten weiter, was sie von Jesus über Gott gehört und gelernt haben. Sie sorgen dafür, dass die Sache Jesu weitergeht, dass sie nicht beschränkt bleibt auf den damaligen Kreis von Männern und Frauen, die mit ihm verbunden waren. Himmelfahrt und die bald darauf erfolgte Ausschüttung des Heiligen Geistes zu Pfingsten bewirken, dass Christus mit seinem Geist unter den Menschen bleibt.

Was Gott für diese Welt will, ist in Jesus sichtbar geworden. Die himmlischen Maßstäbe Gottes gelten auch weiterhin auf Erden. Nach christlichem Verständnis wollen sie Leitlinien sein für unser Privatleben, unser Gemeinschaftsleben, unser Berufsleben, auch für unser Leben in Gesellschaft und Politik. In einem wichtigen Bekenntnis unserer Kirche, der Barmer Theologischen Erklärung von 1934, heißt es, Jesus Christus sei „Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben.“ Verworfen wird darum „die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären“.

Im Vaterunser beten wir „Dein Wille geschehe“, und dann unmittelbar darauf „wie im Himmel, so auf Erden.“ Was Gottes Wille ist, das wissen wir durch Gottes Gebote und deren Auslegung in der Bergpredigt Jesu sowie durch Jesu Handeln und Reden. Dass im Himmel Gottes Wille geschieht, ist vorausgesetzt. Aber in unserem Leben hier auf Erden geschieht Gottes Wille in sehr vielen Bereichen nicht, kaum oder nur ansatzweise. Ansonsten wäre diese Bitte ja unnötig.

Christi Himmelfahrt, das ist für mich die Erinnerung daran, dass das Wirken Jesu keine Episode vergangener Zeiten ist. Dieser Tag richtet unsere Augen auf unser Leben, unsere Welt, damit wir beide nach den himmlischen Maßstäben Gottes ausrichten. Unsere Erde soll nicht zur Hölle verkommen. Der Glaube an Gott im Himmel fordert uns heraus, sie himmlischer zu gestalten. Wer an den Himmel glaubt, wird nicht weltabgewandt, sondern bleibt der Erde treu. Für unser ganzes Miteinander gilt daher das, was Martin Luther zuerst Brautpaaren ans Herz gelegt haben soll, nämlich so freundlich und zugewandt, nachsichtig und vergebungsbereit zu leben, dass sie einander in den Himmel bringen.

„Erinnert euch daran, nach oben zu den Sternen zu blicken und nicht auf eure Füße“, sagte der am 14. März verstorbene Astrophysiker Stephen Hawking in seiner letzten Videobotschaft. Aber welche Schritte wir machen, in welche Richtung wir gehen, ob wir uns dabei vom Geist Gottes leiten lassen oder nicht, das bleibt für mich ziemlich entscheidend. „Was steht ihr da und schaut hinauf zum Himmel?“ (Apostelgeschichte 1,11), fragen die Boten in der Apostelgeschichte. Das klingt für mich wie: Hört stattdessen auf die Worte Jesu, der im Himmel sitzt zur Rechten Gottes, lasst seine Worte eures Fußes Leuchte sein (Psalm 119,105) und lenkt eure „Füße auf den Weg des Friedens“ (Lukas 1,79).

Einen schönen Himmelfahrtstag wünscht Ihnen Ihr Pastor Werner Max Ruschke von der evangelischen Kirche in Soest.

Musik 4: Medvind, CD: Jazz Only Jazz. Winter Jazz Nights, Vol. 4 (Chilled Jazz Edition), Track 10/36, Komponist: Martin Tingvall, Interpret: Tingvall Trio, Label: KNM Special Marketing

Quellenangaben:

Der Zöckler-Witz ist weitgehend wörtlich übernommen aus Hans von Campenhausen: Theologenspieß und -spaß. Kaum 400 christliche und unchristliche Scherze; Siebenstern-Taschenbuch 172, Hamburg 1973, Seite 44f.

Das Schleiermacher-Zitat ist entnommen aus: Friedrich Schleiermachers Briefwechsel mit seiner Braut, hg. von Heinrich Meisner; Brief an Henriette von Willich vom 25.3.1807; Gotha 1919, Seite 74.

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