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katholisch

Das Geistliche Wort | 01.01.2018 | 08:35 Uhr

„Zeitgutscheine“

1.Time stopper – for ever young

Guten Morgen und zunächst einmal ein frohes und gesegnetes neues Jahr 2018!

Viele von Ihnen haben sicherlich das neue Jahr mit einem Feuerwerk begrüßt. Bei uns am Michaelskloster der Augustiner Chorfrauen, zu denen ich gehöre, hat sich in der Paderborner Innenstadt das Glockengeläut der Kirchen ins Zischen, Pfeifen und Knallen der Feuerwerkskörper gemischt. Wie jedes Jahr frage ich mich bei der Jahreswende: Wo sind denn die vergangenen 365 Tage geblieben? Schon wieder ein Jahr vorbei! Je älter ich werde – und ich bin jetzt 59 Jahre –, umso mehr empfinde ich es so, als würde die Zeitreise im Leben Jahr für Jahr an Geschwindigkeit zunehmen. Wie die Zeit verlangsamen? Ich möchte verhindern, dass die Zeit einfach so verstreicht. Sie zwischendurch einmal aufhalten, das wäre doch was!

Musik I

Genau diesen Wunsch, die Zeit anzuhalten, drückt der bereits 2005 mit 54 Jahren verstorbene Künstler Rainer Hercks in einem Bild aus. Es trägt den Titel: “Time stopper – for ever young.” Zu Deutsch: „Zeitstopper – ewig jung”. Auf dem Bild ist eine große Sanduhr zu sehen. Darin steht – im unteren Teil ein Clown. Der bemüht sich - mit geballter Faust die Sandkörner am Durchrieseln durch die Enge der Sanduhr zu hindern – vergeblich. Seine Faust dichtet die Engstelle nicht vollständig ab. Unaufhörlich rieseln die Körner durch, wenn auch verlangsamt. Mit einem Fuß versinkt er bereits im Sand. Irgendwann ist der obere Teil der Sanduhr leer, ist die Zeit abgelaufen. So sehr sich der Clown anstrengt, er kann den Zeitfluss nicht stoppen, kann damit auch das Altern nicht verhindern. Das Ziel, ewig jung zu bleiben, ist zum Scheitern verurteilt. Der Versuch, die Zeit anzuhalten, ist lächerlich, eben eine Clownerie. Hinzu kommt: Während der Clown sich nur mit dem Anhalten der Zeit beschäftigt und im Sand versinkt, versäumt er anderes, Wichtiges in der Gegenwart. Die Ironie des Bildes liegt auf der Hand. Der Künstler hält dem Betrachter einen Spiegel vor: Vertue nicht deine Zeit mit sinnlosen Tätigkeiten. Der Lauf der Zeit lässt sich weder unterbrechen noch zum Stillstand bringen, nicht in der Sanduhr und nicht im eigenen Leben.

Musik II

2.Zeitguthaben

Ein Jahreswechsel oder auch Geburtstage können vor Augen führen, wieviel Zeit meines Lebens vorüber ist. Außer in der Erinnerung ist die Tür eines vergangenen Jahres unabänderlich ins Schloss gefallen. Es gibt nichts, womit die Vergangenheit noch einmal zurückgeholt werden kann. Ganz zu schweigen davon, dass nichts Vergangenes ungeschehen gemacht werden kann. Und trotzdem bleibt die Erinnerung an zurückliegende Ereignisse bestehen, gibt es eine Kultur der Erinnerung.

Eine solche Kulturform stellt das Lukasevangelium vor in einem Abschnitt, der heute in der katholischen Kirche im Gottesdienst vorgetragen wird. Da heißt es von Maria, der Mutter Jesu, nachdem sie die Botschaft gehört hatte, sie werde – ausgehend vom Hl. Geist – ein Kind empfangen: „Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen, und dachte darüber nach.“1 Dabei hätte Maria durchaus anders reagieren können. Sie hätte geradezu aus der Haut fahren können – ein Kind zu empfangen. Sie hätte sich sträuben oder wehren können, hätte Einwände oder andere Pläne vorbringen können. Unglaube, vielleicht auch Aggression, Verzweiflung oder Angst vor der ungewissen Zukunft wären als Reaktionen möglich gewesen. Doch das Evangelium stellt Maria vor als eine in sich ruhende, gesammelte Frau. Sie hat sich nicht aus der Fassung bringen lassen.

Etwas im Herzen bewahren und darüber nachdenken, was mir widerfährt, was die Zeit mit sich bringt, das kann eigentlich jeder Mensch, selbst wenn die Zeit nicht zurückgedreht und Vergangenes nicht ausgelöscht oder wiederhergestellt werden kann. Worüber ich nachgedacht habe oder womit ich mich befasst habe, das gehört zu mir. Und das prägt mich. Es geht nichts verloren. Alles, was mir widerfährt, nimmt Platz in meinem Innern. Mehr noch: Es macht mich gegenüber anderen Menschen unverwechselbar. Im Erinnern lässt sich das, was in tiefen Schichten meines Innern lebt, wieder ans Tageslicht befördern. Die verflossene Zeit steht mir zwar nicht mehr zur Verfügung, aber all das, was ich erlebt habe, ist für meine Lebensgeschichte keineswegs verloren. Im Laufe der Zeit häuft sich sogar ein ganz beträchtliches Guthaben an, wie Sedimentschichten auf dem Meeresboden durch Jahrmillionen, die darauf warten, gesichtet zu werden. Ereignisse, die zu Erfahrungen wurden, tragen ein unverwechselbares Gesicht für mich und wirken sich in meinem Leben weiterhin aus, prägen mich.

Daher über etwas nachdenken und das, was mir widerfahren ist, im Herzen zu erwägen und zu bewahren, hält den Zeitenstrom zwar nicht auf, aber es vertieft mich in ihm. Ich lebe im Einklang mit der Zeit.

Musik III

3.Perspektivwechsel

Die verstreichende Zeit als Verlust zu erleben, ist eine Seite der Medaille. Eine andere zeigt die Geschichte des Südseehäuptlings Tuiavii über den Papalagi. Der Papalagi – das ist der Mensch der westlichen Welt. Der Häuptling Tuiavii erzählt, worüber er sich nur wundern kann. Es ist ihm fremd und unverständlich, wie es dem Papalagi mit seiner Zeitnot geht.

Sprecher:

+ Der Papalagi klagt: „Es ist eine schwere Last, dass wieder eine Stunde herum ist. - Er macht zumeist ein trauriges Gesicht dabei, wie ein Mensch, der ein großes Leid zu tragen hat; obwohl doch gleich wieder eine ganz frische Stunde herbeikommt.“

+ „Die Zeit wäre da, doch er sieht sie beim besten Willen nicht. Er nennt tausend Dinge, die ihm die Zeit nehmen, hockt sich mürrisch und klagend über eine Arbeit, zu der er keine Lust hat…“

+ “Und regelmäßig will er morgen tun, wozu er heute Zeit hat. Es gibt Papalagi, die behaupten, sie hätten nie Zeit. Sie laufen kopflos umher, wie vom Teufel Besessene, und wohin sie kommen, machen sie Unheil und Schrecken, weil sie ihre Zeit verloren haben.“

+ „Die Zeit aber ist still und friedfertig und liebt die Ruhe…. Der Papalagi hat die Zeit nicht erkannt, er versteht sie nicht, und darum misshandelt er sie mit seinen rohen Sitten.“2

Diese fast einhundert Jahre alten Worte klingen, als wären sie für heute geschrieben. Wie viele klagen über die zunehmende Geschwindigkeit durch immer schnelleren Datenaustausch. Tinnitus und Burnout deuten viele Menschen als Folge ihres Zeitdrucks.

Der Südseehäuptling mahnt: Wechsle die Perspektive. Schau nicht auf die vergangene Zeit, sondern schau auf das, was dir jetzt dieser Moment nahelegt. Lebe bei aller Planung in der Gegenwart!

Unterwirf dich nicht dem Diktat des Immer-mehr in immer kürzerer Zeit!

Übe dich im Verzicht, damit du Weniges genießen kannst und es dir nicht schlecht wird durch Übersättigung am Vielerlei!

Halte inne und „gönne dich dir selbst“!

Musik IV

4.Wesentlich in der Zeit

Mit Beginn dieses Jahres liegt viel unverbrauchte Zeit vor mir. Unbekannt ist, wieviel Lebenszeit mir insgesamt bleibt. Dennoch muss ich mich kritisch fragen, wofür ich meine „Lebenszeit“ einsetze. Redewendungen vom „Zeitvertreib“ und vom „Zeit totschlagen“ mahnen mich, inne zu halten und darüber nachzudenken, womit ich möglicherweise meine Zeit vertrödele. Deshalb überprüfe ich von Zeit zu Zeit meinen Tagesablauf daraufhin, was ich im Einzelnen unternommen habe. Habe ich meine Zeit wirklich sinnvoll genutzt? Oder bin ich am Ende des Tages erschöpft, weil eigentlich sinnloses Tun mich abgelenkt hat?

Wenn ich mich tagsüber der Informationsflut von Nachrichten überlasse, ärgere ich mich später bisweilen, wenn ich mein Ohr doch irgendwelchen Stimmen geliehen habe, die mir nicht guttun. Leider bin ich nicht immer geistesgegenwärtig genug, um aus banalem Gerede über irgendwelche Neuigkeiten auszusteigen. Selbstkritisch stelle ich dann fest: Meine Lebenszeit habe ich achtlos vergeudet. Schade!

Wie es gelingen kann, meine begrenzte Lebenszeit sinnvoll zu gestalten, mahnte vor Jahren eine Mitschwester an, als sie kurz vor ihrem Tod als 44-jährige in ihrer letzten Rede vor Abiturientinnen den deutschen Schriftsteller Gorch Fock zitierte: „Du kannst deine Zeit weder verlängern noch verbreitern, sondern nur vertiefen.“4

Ich verfüge lediglich über den jeweiligen Augenblick. Ihn kann ich vertiefen.

Ich muss entscheiden, ob ich ihn mit Wesentlichem verbringe oder ob ich mich Zerstreuungen überlasse. Ob ich mich von zahlreichen Terminen jagen lasse oder auf manches verzichte. Bin ich darauf aus, unterhalten zu werden oder verbringe ich freie Zeit mit einem guten Buch, in der Natur, mit meiner Familie und habe ich den Mut, Stille auszuhalten, zu lauschen, welche Gedanken und Gefühle in mir zu Wort kommen wollen?

Ich kann Zeit mit Nichtigkeiten verschwenden oder sie mit einem Menschen teilen, der jemanden braucht, der ihm wohlwollend zuhört – und der auch mir zuhört und so die Zeit vertieft.

Ich glaube, dass ich meine Lebenszeit letztlich Gott verdanke. Deshalb will ich auch dieses kostbare Geschenk aufmerksam behandeln, damit mein Leben an Tiefe gewinnt und es nicht wie ein Korken auf dem Wasser dahin taumelt. Gebe Gott dazu auch seinen Segen für heute und das ganze neue Jahr 2018.

Musik V

Ich bin Schwester Ancilla Ernstberger aus dem Michaelskloster in Paderborn.

1 Die Bibel. Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift. 1980. Lk 2,19

2 Scheurmann, Erich (Hrsg.). Der Papalagi. Freiburg i.B. 1980. S. 61-67

3 vgl. Clairvaux, Bernhard von. Was ein Papst erwägen muss. Einsiedeln1985. S.18

4 Zitiert nach: http://meinpapasagt.de/du-kannst-dein-leben-weder-verlaengern/ abgerufen am 22.11.2017, 16:45 Uhr.

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