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Kirche in WDR 3 | 08.03.2018 | 07:50 Uhr

Nicht wissen müssen

Frau Robertz war mit ihren 85 Jahren schon über ein Jahr ans Bett gefesselt, als ich sie kennen lernte. Schwester Mechthild vom Hauspflegeverein hatte dafür gesorgt, dass sich rund um die Uhr jemand um Frau Robertz kümmerte. Und Schwester Mechthild war der einzige Mensch im Leben dieser Patientin. Deren Einsamkeit, ging der Schwester derart nahe, dass sie sich den Kopf darüber zerbrach, wie dem abzuhelfen wäre. Als ihr bewusst wurde, dass Frau Robertz zur Kirchengemeinde gehörte, zögerte sie nicht lange, den Pfarrer anzufordern. Und so saß ich nun an ihrem Krankenbett.

Ich spürte, dass etwas apatisches und ödes von ihr ausging. Ihr Gesicht war ausdruckslos. Ihre Augen blickten ins Leere. Sie war eine Frau, die nicht leben und nicht sterben konnte.

„Was kommt danach?“. So fragte sie immer wieder, wenn unser Gespräch keinen Stoff mehr hatte oder über das Allgemeine hinausging. Und so fragte sie bei jedem meiner Besuche. Immer wieder diese eine Frage: „Was kommt danach?“

Auf mich wirkte ihr Fragen unbeantwortbar. Wie sollte ich es besser wissen als sie selber? Ich, der ich damals mehr als 50 Jahre jünger war als sie und vom Leben nicht halb so viel wissen konnte. Und all die Spekulationen über Himmel, Hölle und Fege-feuer, wie man sie von denen erwartet, denen man gerne einen direkten Draht zu Himmel nachsagt. So etwas wollte ich ihr und mir ersparen. Nein, eine aufrichtige Antwort auf diese Frage und in dieser Situation hatte ich nicht. Und jedes andere Wort, war zu viel. Also habe ich geschwiegen.

Frau Robertz aber ließ nicht locker, und je öfter ich sie besuchte, ergänzte sie ihre immer wiederkehrende Frage mit allerlei Einzelheiten aus ihrem Leben, die sie drum herumerzählte. Als Bäckersfrau hatte sie gearbeitet und ist jeden Morgen um fünf Uhr aufgestanden. Als junges Mädchen hatte sie von einem anderen Leben geträumt. Sie hatte sich verliebt in einen jungen Mann. Aber diese erste Liebe - da ist sie sich ganz sicher – wurde von ihrer Mutter verhindert. Ein Leben lang wurde sie damit nicht fertig. „Und dann“, so sagte sie, „habe ich i h n geheiratet“, als wollte sie seinen Namen nicht aussprechen. „den Bäcker, in dessen Laden ich mein Leben verbracht habe.“ Immer wieder habe sie sich gesagt: „Das ist es nicht.“ Es war nicht das, was sie vom Leben erwartet hatte. Und ihr strenges Gesicht wurde etwas milder, wenn sie von der verhinderten Liebe erzählte.

Ich spürte in solchen Augenblicken, wie allein und einsam sie war und voller Trauer über das ungelebte Leben. Und ich ahnte, wie sehr ich sie damit allein lassen musste, wenn ich mich nicht hinter frommen Floskeln verstecken wollte. Ich hatte oft das Gefühl, dass ich ihr die Antwort schuldig blieb auf ihre Lebensfrage: „Was kommt danach?“

Irgendwie muss es sich aber bewahrheiten, was man darauf antwortet. Selbst jene verstummen, die meinen, sie blieben niemanden eine Antwort schuldig. Es muss sich aber auch bewahrheiten, was man in solchen Augenblicken tut. Irgendetwas tut man ja immer. Man kann den suchenden Blick ins Leere, der Frau Robertz lebenslang begleitet hat, sozusagen mit Warmherzigkeit und Mitgefühl ummanteln. Und das tut gut und verwandelt.

Aus Köln legt ihnen Pfarrer Friedhelm Mensebach diese Haltung ans Herz, wenn Sie einmal Menschen wie Frau Robertz begleiten sollten.

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