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Kirche in WDR 2 | 16.07.2018 | 05:55 Uhr

666

„Die Kirche ist beschmiert worden!“ Ich sitze noch beim Frühstück, als meine Frau mit der Nachricht hereinkommt. „Direkt neben dem Haupteingang.“ Aus dem Fenster kann ich es auch sehen: ein Davidstern. Und auf jeder der drei oberen Ecken eine 6. Das Ganze mannshoch. In leuchtendem Pink. Unübersehbar auf der weißen Wand der Kirche, mitten in unserer Stadt.

Ich frage mich, was der Schmierer damit sagen will. Klar, 666 ist die Zahl des Antichristen. So steht es schon in der Bibel, im Buch der Offenbarung. Wahrscheinlich eine Verschlüsselung für den Kaiser Nero, den ersten Christenverfolger. Aber was soll der Davidstern unter dieser Zahl? Mein erster Gedanke: Der Schmierer war wahrscheinlich zu doof, um bis fünf zu zählen. Eigentlich ist das fünfeckige Pentagramm bei Satanisten beliebt, und weniger der sechseckige Davidstern. Oder ist das für den Sprayer irgendwie alles dasselbe: der Satan, der Antichrist und die Juden?

Wir informieren die Polizei. Wir verhängen das Graffito, um dem Schmierer den Spaß zu verderben. Und schon am Nachmittag kommt eine Malerin und entfernt es mühsam. Ärgerlich ist, dass der denkmalgeschützte Putz dadurch angegriffen wird. Aber Respekt vor einem Baudenkmal ist natürlich zu viel verlangt.

Am Abend feiern wir das montägliche Friedensgebet in der Kirche. Natürlich ist die Schmiererei ein Thema. Meine Frau ist betroffen. Im Sommer heiratet ihre Schwester in New York einen Juden. „Wie soll ich meinem Schwager erklären, dass es in unserer Stadt immer noch Antisemiten gibt? Ihm, dessen Opa von den Nazis ermordet worden ist?“

Ich denke: Was so ein hirnloser Sprayer macht, ist längst nicht das Schlimmste. Dass gleichzeitig der Oppositionsführer im Bundestag sagen kann, die Nazidiktatur sei bloß ein Vogelschiss auf der deutschen Geschichte – das finde ich viel schlimmer. Alexander Gauland von der AfD versucht wie seine rechten Kameraden, die Grenzen des Erlaubten immer weiter rauszuschieben. Wie abgestumpft ist unsere Gesellschaft eigentlich, dass sie ihn dafür nicht zum Rücktritt zwingt? Das finde ich empörender als jede Schmiererei. Denn Brandstifter wie Alexander Gauland sind es, die den Boden bereiten. Die Dummköpfe, die dann den Satan und die Juden in einen Topf schmeißen, sind nur die Folge davon.

Am Morgen danach hat sich alles etwas beruhigt. Da ruft der Mann unserer Küsterin an: „Es geht weiter. Heute Nacht haben sie an der Stelle einen Altar aufgebaut!“ Also doch Satanisten, denke ich. Dann stellt sich jedoch heraus, dass jemand nur ein paar Steine aufeinander gelegt hat. Wie beim jüdischen Totengedenken. Er will, an die Opfer des Antisemitismus erinnern. So kann es gehen: Gegen die Verrohung ein Zeichen der Wertschätzung setzen!

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