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Kirche in WDR 5 | 28.02.2015 | 06:55 Uhr

„… aber zwingen lass ich mich nicht, denn ich bin frei“

„… aber zwingen lass ich mich nicht, denn ich bin frei“

Guten Morgen!

Es kann sein, dass Sie derzeit auf Ihrer Post eine Briefmarke entdecken mit dem Foto eines jungen Mannes. In Strickpullover und durch die runde Hornbrille lächelnd, hätte das Foto gestern geschossen sein können. Ist es aber nicht. Das Foto ist 70 Jahre alt und der darauf leise lächelt, befindet sich zu dieser Zeit im KZ Dachau. Neben dem Foto auf der Briefmarke steht ein Satz: „Segne auch, Höchster, meine Feinde“.

Dieser Satz war der letzte Tagebucheintrag von Karl Leisner; ihm ist in diesen Tagen eine Sonderbriefmarke gewidmet.

Es war ein ganz anderer Satz, der ihn ins KZ brachte. „Schade, dass er nicht dabei gewesen ist.“ Das hatte Leisner im November 1939 gesagt, mit Mitte 20. Und „Er“, das war Adolf Hitler, der damals nur knapp dem Münchner Attentat entkommen war.

Leisner wird umgehend verhaftet. Er hat ein wenig Zeit, über das Gesagte nachzudenken. Vielleicht kann er das noch korrigieren. Doch beim Verhör lässt er keinen Zweifel daran, dass man ihn missverstanden haben könnte: „Ich bin der Meinung“, sagt er, „dass es für Deutschland besser wäre, wenn das Attentat gelungen wäre.“

Zwischen diesen beiden Sätzen steckt eine Wandlung. Und sie vollzieht sich mitten in den schlimmsten Gräueln der Nazizeit. Karl Leisner gehört zu den bekanntesten katholischen Widerstandskämpfern. Heute hätte er seinen 100. Geburtstag gefeiert.

Als einer gebürtigen Niederrheinerin ist mir Karl Leisner schon von Jugend auf bekannt. Er ist in meiner Heimatstadt begraben, genauer: in der Krypta des Xantener Doms. Der Niederrhein war auch Karl Leisners Heimat.

Er wächst in Rees und Kleve auf; schließt sich schon früh der katholischen Jugendbewegung an und erweist sich dort als aufgeweckter und verantwortungsbewusster Leiter. Während dieser Zeit erlebt er wach und kritisch den Aufbau der NS-Diktatur und erkennt sehr schnell deren totalitäre Absichten. Doch er beugt sich nicht, auch nicht den kirchenfeindlichen, nationalsozialistischen Lehrern, die ihn unterrichten.

Nach dem Abitur geht Leisner zum Theologiestudium nach Münster. Schon bald wird er auch dort zum Vorbild der Jugend; sein unbedingter Wille ist es, junge Menschen gegen die Versuchungen der NS-Diktatur zu immunisieren.

Mit seinem inneren Widerstand hat er Erfolg, der nicht im Verborgenen bleibt.

Er steht unter besonderer Beobachtung, wird in der Kartei der Gestapo geführt und steht unter Postkontrolle.

Leisner ahnt, wohin sein Weg führt, doch er hält an seiner Überzeugung fest – und an seinem stärker werdenden Wunsch. Im Februar 1939 schreibt er in sein Tagebuch:

„Ich kann und will nicht mehr anders und koste es das Leben des Kreuzes; und das kostet es ganz sicher mehr als ich es aussprechen kann. Aber ich ahne es. Herr, ich entscheide mich frei für Dich, Dir gehört mein Leben und Sterben.“

(Tagebucheintrag vom 25. Februar 1939)

Sein sehnlichster Wunsch ist es, Priester zu werden. Doch dazu kommt es zunächst nicht. Aufgrund einer Lungentuberkulose muss er sich zur Behandlung in ein Sanatorium im Schwarzwald begeben. Hier fällt nach dem missglückten Hitlerattentat sein folgenreicher Satz.

In Dachau wird er dem sogenannten Priesterblock zugeteilt. Tausende sterben an den Folgen der Haft und auch sein eigener Gesundheitszustand verschlechtert sich immer mehr.

Dann geschieht das Undenkbare. Ein Bischof wird nach Dachau deportiert und trifft im Priesterblock auf Karl Leisner. Er ist einverstanden, Leisner seinen sehnlichen Wunsch zu erfüllen. Schließlich, am 3. Adventssonntag 1944 wird Karl Leisner heimlich zum Priester geweiht. Einmal kann er selbst die Messe noch feiern. Dann verlassen ihn seine Kräfte zunehmend. Leisner erlebt noch die Befreiung im Mai 1945, stirbt aber schon bald danach. Aus seinem letzten Tagebucheintrag auf der Sonderbriefmarke spricht eine Milde, die dieser Mann gefunden hat, sogar angesichts derer, die ihm sein Leben genommen haben.

Was sie ihm nicht nehmen konnten, das ist seine innere Freiheit. „…zwingen laß ich mich nicht, denn ich bin frei“, das ist ein Satz, der mich besonders an Karl Leisner fasziniert. Seine Standhaftigkeit, mit der er manches scheinbar Unerträgliche annehmen konnte – das ist für mich tatsächlich beispielhaft. Letztlich hat er in dieser Freiheit wohl auch die Erfüllung seiner persönlichen Berufung gefunden.

Ein gutes Wochenende wünscht Ihnen Graciela Sonntag aus Münster.

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