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evangelisch

Choralandacht | 24.06.2017 | 07:50 Uhr

Ach Gott, vom Himmel sieh darein (eg 273)

Autor:

Zwei protestantisch gesinnte Augustinermönche sterben in Brüssel auf dem Scheiterhaufen. Der Papst wird, wie einige Historiker behaupten, vergiftet. Sultan Süleyman erobert Rhodos. Bewegte Zeiten. Wir schreiben das Jahr 1523. Und Martin Luther verfasst ein Lied über den 12. Psalm. Er spiegelt ihm die heftigen Auseinandersetzungen, in deren Zentrum er steht.

Sprecher:

Der HERR wolle ausrotten alle Heuchelei und die Zunge, die hoffärtig redet.

Autor:

Welches Feindbild Martin Luther beim Studium dieses Psalms vorschwebt, liegt auf der Hand. Noch 1541 überschrieb er ein Lied …

Sprecher:

… zu singen wider die zwei Erzfeinde Christi und seiner heiligen Kirche, den Papst und die Türken.

Autor:

1527 bringen Braunschweiger Protestanten einen altgläubigen Prediger mit deutlichen Worten zum Schweigen. Am Vorabend des Nikolaustages 1529 unterbrechen protestantisch gesinnte Bürger in der Lübecker Jakobikirche den Prediger mit diesem Lied.

Musik 1 / Sprecher

Sie lehren eitel falsche List,

was eigen Witz erfindet;

ihr Herz nicht eines Sinnes ist,

in Gottes Wort gegründet.

Der wählet diess, der Ander das,

sie trennen uns ohn alle Mass,

und gleissen schön von aussen.

Autor:

Wir unternehmen eine Zeitreise, landen am 18. Juni 1724 in der Leipziger Thomaskirche und lauschen:

Musik 2

Autor:

Herausgehoben aus dem unversöhnlichen Kirchenkampf des 16. Jahrhunderts hören wir einen ergreifenden, kraftvollen Trauergesang über den Zustand der Welt. Die Komposition stammt von Johann Sebastian Bach. Die Eindringlichkeit der Musik erreicht Bach durch zwei kompositorische Entscheidungen. Absteigende chromatische Motive erzeugen die Farbe der Trauer. Dass Chor und Orchester den selben Notensatz spielen und singen, schafft eine besondere Intensität. Am Karfreitag desselben Jahres hatte Bach zum ersten Mal seine Johannespassion aufgeführt. Der Komponist der DDR-Nationalhymne Hanns Eisler schrieb einmal angesichts des 2. Weltkriegs, dass die Bach’sche Vokalmusik ohne das Trauma des 30jährigen Krieges nicht vorstellbar sei.

Autor:

Andreas Gryphius brachte die einschneidenden Folgen des 30jährigen Krieges in einem Gedicht von 1638 auf den Punkt. Unter der Überschrift „Tränen des Vaterlandes“ heißt es:

Sprecher:

Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret!

Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun

Das vom Blut fette Schwert, die donnernde Kartaun,

Hat aller Schweiß und Fleiß und Vorrat aufgezehret.

Autor:

Die letzten drei Zeilen des Sonetts ziehen eine erschütternde Schlussfolgerung:

Sprecher:

Doch schweig ich noch von dem / was ärger als der Tod /

Was grimmer denn die Pest / und Glutt und Hungersnoth

Das auch der Seelen Schatz / so vielen abgezwungen.

Autor: Genau in diese verheerende seelische Verwahrlosung hinein, die dem Menschen das Menschliche nimmt, klingt Luthers Lied und Hilferuf: „Ach Gott, vom Himmel, sieh darein und lass dich des erbarmen.“ Dieses Elend der Menschen, das zum Gotterbarmen ist, hat wohl kaum einer so radikal erkannt und benannt wie Martin Luther, der diese Erkenntnis am eigenen Leibe machte: „Der Glaub ist auch erloschen gar …“

Musik 2 / Sprecher

Ach Gott vom Himmel, sieh darein,

und lass dich des erbarmen;

wie wenig sind der Heilgen dein;

verlassen sind wir Armen.

Dein Wort man nicht lässt haben wahr,

der Glaub ist auch verloschen gar

bei allen Menschen Kindern.

Autor:

„Ach Gott, sieh uns an!“ – unwillkürlich muss ich an die Berufung des Moses im Buch Exodus denken. Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs reagiert auf die Hilferufe seines Volkes:

Sprecher:

Ich habe gesehen das Elend meines Volkes in Ägypten und habe ihr Geschrei gehört über die, so sie drängen; ich habe ihr Leid erkannt und bin herniedergefahren, dass ich sie errette von der Ägypter Hand.

Autor: Und das Elend der Armen zur Zeit Martin Luthers? Deutlich wirft Luther in seinem Lied die soziale Frage auf. Damit ergreift er Partei in den schon lange gärenden Bauernaufständen.

Musik 1 / Sprecher

Darum spricht Gott: ich muss auf sein,

die Armen sind verstöret;

ihr Seufzen dringt zu mir herein,

ich hab‘ ihr Klag erhöret.

Mein heilsam Wort soll auf dem Plan,

getrost und frisch sie greifen an,

und sein die Kraft der Armen.

Autor:

Martin Luther ist eingeklemmt zwischen Angst und Mut, zwischen Empörung und Verzagtheit, auch zwischen Macht und Widerstand, wie seiner Zeit Petrus, der weinte, als drei Mal der Hahn krähte. Er hatte erkannt, dass er mit seinen grandiosen Gefühlen auch klein und ohnmächtig sein kann; und er schämte sich schier zu Tode. Mit der Macht der Römer konfrontiert, knickte Petrus ein. Und auch der große Reformator Martin Luther bekommt es mit der Angst und fordert, man möge den Aufstand der Bauern niederschlagen.

Trotzig die Schlussstrophe, die im Gesangbuch durch einen Lobpreis ersetzt ist. Das Lied tönt in die Zukunft – bis zu uns. Ist das denn noch unser Lied? Was möchten wir heute bewahren, was sollten wir aufgeben? Machen wir es wie Martin Luther, der seine mittelalterliche Tradition sorgfältig angesehen hat und nicht daran dachte, sie komplett zu verwerfen. So hat er manchen alten Schatz durch die Wirren der Reformation gerettet. Auseinandersetzung tut gut, kritisches Erben ist auch heute angesagt, wenn wir die alten Luther-Choräle hören. Um mit Brecht zu sprechen: „Lass dir nichts einreden, sieh selber nach!“

Musik 2 / Sprecher

Das woll‘st du, Gott, bewahren rein

für diesem argen G‘schlechte;

und lass uns dir befohlen sein,

dass sich‘s in uns nicht flechte,

Der gottlos Hauf sich umher findt,

wo diese lose Leute sind

in deinem Volk erhaben.

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