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katholisch

Das Geistliche Wort | 08.07.2018 | 08:35 Uhr

An Gott kommt keiner vorbei…

Guten Morgen!

Ich begrüße Sie an einem ungewöhnlich ruhigen Ort. Herzlich willkommen in der Arena auf Schalke! Gewöhnlich geht es hier lauter zu. Sehr laut! Aber momentan rollt der Ball ja da, wo der Rubel rollt. Und wir haben die Gelegenheit, hier im leeren Stadion über eine Seite des Fußballs – und insbesondere des Vereins Schalke 04 – zu sprechen, die nicht von Fangesängen und Jubelschreien begleitet wird. Die eher leise daher kommt. Neben mir steht Pfarrer Ernst-Martin Barth.

Nicht nur im Ruhrgebiet sagen die Fußballexperten: Entscheidend ist immer auffem Platz. Der Platz von Pfarrer Barth ist aber nicht der grüne Rasen. Er hat – wenn man so will – hier ein ganz eigenes Spielfeld. Und zwar im Herzen der Haupttribüne. Da gibt es eine christliche Kapelle. Und da gehen wir jetzt hin.

Atmosphäre aus dem Stadion

(In der Kapelle)

Ja, jetzt sind wir hier in der Kapelle der Arena auf Schalke. War nicht schwer zu finden. Schnurgerade führt der Weg vom Anstoßpunkt durch den Spielertunnel, an den Umkleidekabinen vorbei hierher. Eine christliche Kapelle genau im Zentrum eines Fußballstadions. Eine verrückte Idee. Fast 20 Jahre alt und seit 17 Jahren Wirklichkeit. Ich gebe zu: Das hätte ich nicht gedacht. Damals – 1999. Da übergab mir mein Bischof einen Brief des Vereins FC Schalke 04. Der Schalker Vorstand bat uns, das Bistum Essen, um Mithilfe und Mitarbeit bei der Planung einer Kapelle im neuen Stadion auf Schalke. Sehr begeistert war mein Bischof erstmal nicht. „Herr Fendrich, fühlen Sie denen mal auf den Zahn! Meinen die das ernst?“ Zwei Wochen später konnte ich meinen Bischof beruhigen: Und ob die das ernst meinten! Auf mein skeptisches Nachfragen bekam ich sehr klare und sehr überzeugende Antworten. Insbesondere Peter Peters – damals schon Finanzvorstand bei Schalke – hielt fast eine Predigt. Er sagte: Der Verein hat für viele Menschen eine so große Bedeutung, dass sie sich auch in Notsituationen an Schalke 04 wenden. Das nähmen sie sehr ernst. Sie hätten immer schon den Schulterschluss mit den Kirchen gesucht, wenn es um diese sehr ernsthaften menschlichen Probleme ging. Und jetzt wollten sie ein Zeichen setzen – für diese Dimension des Lebens, die über den Fußball weit hinausgeht. Ja, und so entstand nach intensiven Planungen und einem aufwändigen Künstlerwettbewerb diese Kapelle. Unter Beteiligung der katholischen und der evangelischen Kirche. 2001 wurde sie feierlich – natürlich ökumenisch - eingeweiht.

Musik I

Fendrich: Sie waren damals noch nicht beteiligt, sind seit 2014 hier mit der Seelsorge betraut. Wie gefällt Ihnen eigentlich Ihr Arbeitsplatz?

Pfarrer Barth: Ich arbeite unglaublich gerne hier in der Arena auf Schalke in dieser Kapelle. Meine Kirchengemeinde, in der ich seit fast 30 Jahren bin, liegt ja auch direkt nebenan; und das ist also nur ein Katzensprung für mich zu Fuß oder mit dem Rad hier zu sein. Seit Kindesbeinen Schalke-Fan sind Sport und Glaube, Fußball und Religion eine wundervolle Aufgabe. Was mir an diesem Raum gefällt, fragen Sie gerade. Ich finde, er ist angenehm unaufregend in unserer lauten und

unruhigen Welt. Gerade auch hier in der Arena mit ihrer Euphorie, ihrer

Begeisterung, werden Räume der Stille für uns Menschen immer wertvoller;

und darum ist dieser Raum auch nicht königsblau weiß überlagert - vielleicht zum

Ärger der Fans - sondern hat angenehme, dezente, in die Meditation führende Farben.

Er soll auch keine Zauberbude sein, wo die Fans ihre Kerzen entzünden können,

für Siege oder Niederlagen der Gegner oder den Fußballgott suchen, sondern es

sollte ein Raum sein, der in Sichtlinie verbunden ist mit dem Anstoßkreis auf dem

Spielfeld und trotzdem der andere Raum, der noch einmal in eine neue und andere Erfahrung führt, in dem nichts ablenkt, minimalistisch, fast leer, fast karg. Ich finde, dass der Künstler Alexander Jokisch das ganz toll umgesetzt hat. Hier wird die Phantasie geweckt, Menschen kommen zur Ruhe. Wir sind eingeladen zum Hören, zum Dasein, zum Fragen, zum Nachdenken. Für mich ein Raum der Seele, ein Raum der Ermutigung.

Das geöffnete Kreuz, durch das wir gegangen sind, es ist das Lebenszeichen Gottes.

Hier verbinden sich Himmel und Erde. Da werden auch Gegensätze deutlich: Krankheit und Heilung, Tod und Leben, Unglück und Glück. Viele spüren sehr dankbar, was ihnen geschenkt ist. Manche Linien in diesem Raum fragen uns natürlich auch, wo stehst du jetzt, wie verläuft dein Leben, was ist in deiner Zeit durchkreuzt worden? Welcher Weg ist jetzt gut für dich? Und dann die Altarwand, wenn wie sie noch mal anschauen. Elf Teile, elf Freunde müsst ihr sein, hat Sepp Herberger gesagt. Diese Altarwand drückt Bewegung aus. Dynamik und Bewegung ist Leben. Rechts verdichtet sich das Dunkle. Links werden die Linien dann hell und auch diese Wand zeigt, dass unser Leben nicht ganz vollkommen ist. Judas, der zwölfte Mann, hat ja seinen Herrn damals verraten. Darum führt uns das auch noch mal an unsere biblischen Traditionen heran. Vielleicht ist das hier auch in der Mitte der Kampf des Lebens, nach den eigenen Lebenszielen, die dann letzten Endes hell werden mit dem Licht von Ostern, was in der Mitte strahlt. Gott ist das Licht in unseren Dunkelheiten. Dieses Licht soll auch in unser Leben scheinen und es verwandeln. Das feiern wir an diesem Sonntag ja auch mit dem Thema der Taufe und der Tauferinnerung.

Musik II

Fendrich: Ein beneidenswert schöner, auch inhaltlich starker Arbeitsplatz. Was findet denn hier statt, mit welchen Leuten haben Sie hier zu tun?

Barth: Viele sind natürlich Schalker, Schalke-Fans seit Generationen. Sie lassen hier ihre Kinder taufen, sie lassen sich trauen. In der Umkleidekabine von Schalke steht: „Egal, wo du weg kommst“. Das sind Menschen, die gesellschaftsübergreifend auch hier sind, ob bildungsnah oder fern und das finde ich das Wunderbare hier. Sie stellen ihr Leben an diesem Punkt unter Gottes Segen. Wir halten Andachten für Menschen, die in schweren Situationen stehen, wir halten Andachten für die Opfer von Katastrophen. Die Seelsorge ist ein immer größer werdendes, zunehmendes Feld, wo sich für Menschen neue Sichtweisen auch ergeben können.

Fendrich: Gibt es für Sie als „Seelsorger auf Schalke“ auch Aufgaben außerhalb der Kapelle?

Barth: Ja, wir führen kirchliche Gruppen, ob das Kindergartenkinder sind, ob Seniorengruppen, Pfarrverbände, Presbyterien, Kirchenvorstände, Studenten und Doktoranden. Schüler kommen mit ihren Facharbeiten hier hin. Das Interesse der Medien ist sehr stark. Vor und nach dem Spiel betreue ich eine Gruppe von Menschen, die über die Herzenswünsche von der Stiftung „Schalke hilft“ noch einmal zu einem Spiel eingeladen werden. Das sind Menschen mit schweren Lebensschicksalen, Schwerstmehrfachbehinderung oder nur noch kurzer

Lebenserwartung. Manchmal kommt auch ein Notfalleinsatz während eines Spiels vor. Als Seelsorger bin ich auch im Gespräch mit der Leistungssportschule Bergerfeld, die die jugendlichen Nachwuchsprofis betreut. Und was einfach schön ist, sind unsere ökumenischen An- und Abpfiff-Gottesdienste vor und zum Ende der Saison. Ich bin natürlich auch Fan und Mitglied und sitze während des Spiels mit meinen Kumpels an meinem Platz. Wen ich sonntags in meinem Gottesdienst nicht treffe, den treffe ich womöglich hier an Samstagnachmittagen beim Spiel.

Fendrich: Das hört sich auch nach vielen menschlich besonders berührenden Erlebnissen an. Können Sie davon was erzählen?

Barth: Ganz viele fröhliche und auch traurige Begebenheiten. Die Geschichte einer Frau, die nur noch kurze Zeit zu leben hatte und nach wochenlangem Schweigen dann hier in der Kapelle plötzlich wieder Sprache findet, mit ihrer Tochter zu reden beginnt über ihre Krankheit. Oder diese wunderschöne Geschichte von Ingrid und Rolf, die hier Silberhochzeit gefeiert haben. Die Freunde und Nachbarn saßen hier schon völlig still und schweigend im Raum. Für Ingrid sollte das eine Überraschung sein. Rolf war Schalke-Fan, natürlich eingeweiht in alles, und Ingrid war Dortmund-Fan. Nichtsahnend, denn ihre Augen hatte man mit einer Binde verbunden von zu Hause aus. Dann kamen sie die Rolltreppe runter und standen hier vor der Tür, vor dem Eingang. Als man ihr die Binde von den Augen nahm, schlug sie ihre Hände vors Gesicht und begann vor Freude zu weinen. Also auch Dortmunder finden ihr Glück hier in der Kapelle auf Schalke.

Musik III

Fendrich: Schalke und Dortmund zusammen, feiern zusammen Gottesdienst: Das ist ja eine Ökumene ganz besonderer Art! Klappt es hier denn auch sonst ökumenisch gut?

Barth: Ja, mit meinem katholischen Kollegen, Georg Rücker, spielen wir Doppelpass, leiten gemeinsam den Beirat für die Kapelle. Ich finde, dieses Beispiel hier was gut ist, das kann uns motivieren, auch ökumenisch weiter zu machen. Auch nach dem Jahr der Reformation, des Jubiläums, in den Kirchenkreisen und Propsteien und das wir hier - besonders in Gelsenkirchen – auch sehr intensiv aufeinanderzugehen. Es gibt hier auch die Derby-Gottesdienste zwischen der „Totalen Offensive“ in Dortmund und dem Fanclub „Mit Gott auf Schalke“ und ich finde, das sind sehr ermutigende Zeichen. Übrigens, auf dem Sockel der Skulptur im Eingangsbereich steht: „ Nur im Team kann man gewinnen“. Das könnten wir auch biblisch ausdrücken: „Wir sind eins in Christus“, also auf geht’s in die Zukunft!“

Musik IV

(Darin)

Fendrich: Vielen Dank, Herr Pfarrer Barth!

Fendrich: Wenn ich ehrlich bin, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, mir erscheint das wie ein Wunder: Diese Kapelle hier im Fußballstadion, seit über 17 Jahren voll in Betrieb, in keiner Weise stiefmütterlich behandelt, voll im Leben, voll mit Leben. Und auch drumherum dieses Zusammenspiel, dieser Doppelpass von Kirche und Fußballverein, dieses selbstverständliche Engagement für die Menschen, sehr diskret - wie diese Kapelle verborgen und doch zentral - und zugleich sehr wirksam. Ein Fußballwunder der speziellen Art. Nicht das Wunder von Bern, das Wunder von Schalke.

Aus Gelsenkirchen grüßt Sie herzlich Herbert Fendrich. Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag! Und – wie man auf Schalke hier immer noch sagt: Glück auf!

Musik V: Glückauf, der Steiger kommt

Copyright Foto: FC Schalke 04

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