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Das Geistliche Wort | 29.05.2014 | 08:40 Uhr

Angekommen

Letzten Sommer war ich in der Schweiz. Da ging’s hoch hinaus mit der Bergbahn auf über 1800 Meter. Oben angekommen konnte ich nur staunen: so ein traumhafter Ausblick. Aber was mich noch mehr beeindruckte, war die originelle Werbung für Gleitschirm-Tandemflüge: „Unser Horizont ist der Himmel“ lese ich da auf einem Plakat. Das interessiert mich, nicht weil ich Gleitschirmfliegerin bin, sondern weil ich oft über den Himmel spreche: Ich bin Gemeindereferentin in Bielefeld und grüße Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, heute am Himmelfahrtstag.

Musik I

Gleitschirmfliegen, was für ein Abenteuer: Der Schwerkraft trotzen und dem Himmel nah sein! Wären Sie so mutig bei einem Tandemflug mitzufliegen?

Ich gebe zu: ich bin es nicht. Ich begnüge mich damit, den Fliegern zuzuschauen: wie sie Anlauf nehmen, der Gleitschirm sich im Wind dabei aufbläht und sie abspringen. Mir stockt dann immer der Atem – aber von den Fliegern höre ich kurz darauf fröhliches Lachen, Jubelrufe vor lauter Freude.

Es ist für mich immer wieder faszinierend: Scheinbar schwerelos gleitet so ein Schirm durch die Lüfte. Manchmal kommt er den steilen Bergwänden bedrohlich nah. Und am Ende atme ich auf, wenn alle heil gelandet sind. Gott sei Dank!

Als ich letztes Jahr wieder nach hause kam, war das keine weiche Landung, eher ein hartes Aufschlagen.

Alexandra, eine junge Frau in meiner Gemeinde, ist hatte sich das Leben genommen und ich sollte als Gemeindereferentin die Beerdigung halten. Die Friedhofskapelle: Voll von jungen Leuten. Als ich auf den Sarg zugehe, die vielen Blumengestecke und Kränze sehe, fällt mir ein Spruch auf den Schleifenbändern auf, der mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht: „Mach mal fiep, wenn du angekommen bist – deine Freunde“. Wie bitte? Was steht da? „Mach mal fiep, wenn du angekommen bist!“ Was für ein Sehnen und Suchen verbirgt sich hinter diesen flapsigen Worten?

Du bist doch nicht einfach weg? Gib uns ein Zeichen! Wir möchten glauben, dass du irgendwo angekommen bist, gut gelandet bist, vielleicht im Himmel, bei Gott?

Davon bin ich zutiefst überzeugt: Das ist sie. Alexandra ist für immer angekommen im Licht und im Frieden des Himmels.

Musik II

„Mach mal fiep, wenn du angekommen bist!“ – so stand es auf dem Schleifenband als letzter Gruß bei dem Begräbnis einer jungen Frau. Ihre Freunde hatten es so formuliert. Für mich war dieser ungewöhnliche Spruch wie eine Brücke zwischen Himmel und Erde! Ausdruck einer Liebe, die ahnt, welches Glück auf uns wartet:

Im Sterben kommt Christus uns mit weit geöffneten Armen entgegen. Darauf vertraue ich jedenfalls.

Martin Gutl, ein Theologe und Schriftsteller, schreibt einmal in einem Gedicht, das für mich Ausdruck genau dieser Hoffnung ist. Ich habe es damals bei der Beerdigung vorgetragen. Es lautet:

„Wenn Gott uns heimführt aus den Tagen der Wanderschaft, uns heimbringt aus der Dämmerung in sein beglückendes Licht, das wird ein Fest sein!

Da wird unser Staunen von Neuem beginnen.

Wir werden Lieder singen, wir werden tanzen und fröhlich sein.

Der Sand unserer irdischen Mühsal wird leuchten.

Die Steine, die wir zusammentrugen zum Bau unserer Welt,

sie werden wie Kristalle glänzen.

Wenn Gott uns heimbringt, das wird ein Fest sein!

Ein Fest ohne Ende!“

Was Martin Gutl hier beschreibt, ist für mich zusammengefasst in dem Werbeplakat für’s Gleitschirmspringen auf der Schweizer Bergstation: „Unser Horizont ist der Himmel.“ Denn von der Weite des Himmels lässt der Gleitschirmflieger sich locken. Auch er vertraut: Die Luft wird ihn tragen, er wird heile ankommen – und er springt – und er jubelt – und – er kommt an. Das ist für mich ein Bild für das, was die Christen heute feiern: Christi Himmelfahrt: Denn hier hat einer den Anfang gemacht: Christus. Er ist angekommen, weil Gottes Liebe trägt. Und seit Christi Himmelfahrt heißt das für die Christen: wir haben ein Ziel, wo ein sehnsüchtig liebender Gott auch uns erwartet zum Fest ohne Ende. Das muss der Himmel sein.

Musik III

Christi Himmelfahrt markiert das Ziel für die Christen. Für mich wird das sinnlich erfahrbar in der St. Hedwig-Kirche in Bielefeld, wo ich als Gemeindereferentin zu hause bin.

Die Rückwand hinter dem Altar der Kirche hat der Künstler Tobias Kammerer gestaltet: Ein rotes, hoch aufgerichtetes Rechteck, im oberen Teil zu beiden Seiten lichtdurchflutetes Gelb-orange, was dem Rechteck scheinbar Flügel verleiht. In diesen aufsteigenden Schwingen verbergen sich Engelfiguren – mit wenigen Strichen nur vage angedeutet. Hier ist wohl Gottes Welt, himmlisches Jerusalem. Aber ganz so harmonisch und einfach ist die Darstellung dann doch nicht, denn oben in dem roten Block ist eine rechteckige Fläche weiß ausgespart. Lange habe ich mich gefragt, wozu diese Leerstelle? Der Künstler hat auf ein anderes Detail in meiner Kirche Bezug genommen. Und das wird anschaulich klar, wenn man sich in der Kirche bewegt. Bei Kirchenführungen gerade mit Kindern lade ich darum ein von hinten durch den Mittelgang nach vorn zu gehen und dabei immer auf das Kreuz über dem Altar zu schauen, an dem Jesus hängt. Mit jedem Schritt auf das Kreuz zu, schiebt es sich genau in das weiße Rechteck hinein. Letztens noch rief ein Kind ganz aufgeregt bei so einer Führung als es plötzlich stehen blieb: „Angekommen! Jetzt passt das Kreuz genau in den roten Block hinein.“ Das frei hängende Kreuz über dem Altar verschmilzt Schritt für Schritt mit der Rückwand zu einem Gesamtbild. Das Kind ist ganz begeistert: „Ich habe beim Gehen immer Jesus am Kreuz angeguckt und es war, als wenn Jesus mich mit nach oben gezogen hätte.“

Was das Kind hier erfahren hat, ist für mich ein Ausdruck meines Glaubens: im Blick auf Christus geschieht Wandlung; durch sein Kreuz hindurch öffnet sich der Himmel. Christus ist angekommen, und mit ihm auch wir.

Musik IV

Mit Christus ankommen im Himmel! Dem Künstler Tobias Kammerer ist es gelungen, in der St. Hedwig - Kirche in Bielefeld diese Erfahrung anschaulich zu vermitteln: Im Zugehen auf das Altarkreuz wächst es in das Himmlische Jerusalem hinein.

Übrigens, genau an der Stelle, wo für den Betrachter das Kreuz mit der Wandmalerei hinter dem Altar zu einem Gesamtbild wird, genau an der Stelle empfangen die Gemeindemitglieder die Kommunion, Christus in der Gestalt des Brotes. Ich finde das sensationell: Himmel und Erde werden eins, wenn Christus im Brot gereicht wird. Anders formuliert: Wir kommen an bei Christus, und Christus kommt an bei uns.

Das passt genau zu dem Abschnitt, der in der Apostelgeschichte heute an Christi Himmelfahrt im Gottesdienst vorgetragen wird:

„Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?

Ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen und ihr werdet meine Zeugen sein!“ (Apg 1, 11+8)

Die Apostel blieben ja nicht stehen und schauten bloß, sondern sie wurden damit in die Welt gesandt, mussten buchstäblich umkehren, den Blick wenden. Auch das spiegelt sich wieder vor dem Altar in der St. Hedwig-Kirche. Nach dem Empfang Christi im Brot da drehen sich die Gottesdienstbesucher um, gehen zurück und wieder hinaus in den Alltag.

Das ist die andere Herausforderung von Christi Himmelfahrt: Mit dem Horizont des Himmels den Absprung ins Leben wagen, ins Leben hier und jetzt und mit beiden Beinen ankommen auf der Erde.

Musik V

Mit dem Horizont des Himmels den Absprung ins Leben wagen, liebe Hörerinnen und Hörer, nicht nur heute an Christi Himmelfahrt. Wo und wie das geschehen kann, ist mir neulich aufgegangen bei einer alltäglichen Begegnung.

Ich saß in der Straßenbahn. Es war kurz nach Schulschluss: lautstark drängelt eine ganze Reihe von Kindern in den Wagen; zwei etwa 10jährige Jungen werfen sich auf die Bank mir gegenüber. Einer legt gleich die Beine hoch, direkt auf den Polstersitz neben mir. Etwas genervt bitte ich ihn, seine Füße von dem Sitz zu nehmen. Widerwillig lenkt der Junge ein, aber so kommen wir ins Gespräch. Dann erzählt er: „Ich möchte Architekt werden, aber nicht von so kleinen Wohnungen, von richtig großen Häusern!“ Ich frage nach, warum gerade große, und erfahre, dass er sich mit seinem kleinen Bruder ein Zimmer teilen muss. „Hättest lieber eins für dich alleine?“ „Na klar – ist doch viel schöner!“ Dann muss er schon aussteigen. Draußen bleibt er noch mal stehen, dreht sich lächelnd um und winkt.

Da geht mir das Herz auf. Für einen Augenblick, spüre ich, da sind wir beiden beieinander angekommen, und ich fühle mich leicht und beschwingt. Diese Begegnung, so schwierig sie anfing, jetzt hat sie etwas Himmlisches für mich.

„Weißt du, wo der Himmel ist, außen oder innen?“ fragt der Dichter Wilhelm Willms in einem Lied. „Eine Handbreit rechts und links, du bist mitten drinnen.“ Mitten drin, angekommen, im Himmel. Und für mich ist klar: Auch in den unscheinbaren Begegnungen kann Gott sich mitteilen. So hat es Gott den Menschen ja auch versprochen durch seinen Sohn am Himmelfahrtstag:

„Siehst du, da bin ich! Ich bin bei euch – alle Tage bis zum Ende der Welt.“

Das ist sein Himmelfahrtssegen: „Ich bin bei euch!“, damals wie heute.

Diesen Himmelfahrtssegen hat Hans Dieter Hüsch einmal wunderschön beschrieben. Mit seinen Worten von ihm selbst gesprochen verabschiede ich mich aus Bielefeld. Ihre Bärbel Lödige.

„Denn wir sind Gottes Kinder und jeder soll es sehen und ganz erstaunt sein, dass Gottes Kinder so leicht und fröhlich sein können und sagen: ‚Donnerwetter!‘ Jeder soll es sehen und jeder soll nach hause laufen und sagen, er habe Gottes Kinder gesehen, und die seien ungebrochen freundlich und heiter gewesen, weil die Zukunft Jesus heiße, weil die Liebe alles überwindet und Himmel und Erde eins wären und Leben und Tod sich vermählen und der Mensch ein neuer Mensch werde durch Christus. Möge der Herr unsere Herzen stärken und unseren Willen verdoppeln, dies alles zu werden, zu sein und zu bleiben bis wir zu ihm kommen von Himmelfahrt zu Himmelfahrt.“

Musik VI

„Wenn Gott uns heimführt …“ aus: Nachdenken mit Martin Gutl: Texte, Meditationen, Gebete, Styria Verlag Graz Wien Köln, 1983.

„Weißt du, wo der Himmel ist…?“ aus: Wilhelm Willms, Der geerdete Himmel Wiederbelebungsversuche, Kevelaer 1974.

„denn wir sind Kinder Gottes …“ aus: CD Hanns-Dieter Hüsch, Mein Gebet / Herausgeber: Bildungswerk der Erzdiözese Köln (Live-Mitschnitt einer Veranstaltung im Rahmen der Sommerakademie des Katholischen Bildungswerkes Bonn und der Katholischen Hochschulgemeinde Bonn am 3. Juli 1995 in der Bonner Namen-Jesu-Kirche (Jesuitenkirche).

Copyright Vorschaubild: Peter Greis CC BY 2.0 (flickr)

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