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Kirche in WDR 4 | 07.04.2016 | 08:55 Uhr

Auf der Flucht

Guten Morgen. Millionen Menschen sind auf der Flucht – mehr als jemals zuvor in der gesamten Weltgeschichte. Das bringt vieles durcheinander. Es scheint, als trieben die Flüchtlinge unsere so wohlgeordneten politischen Verhältnisse wie einen Spielball vor sich her. Nichts scheint mehr so, wie es einmal war. Die einen nennen es belebend, die anderen sehen es mit Sorge, bisweilen mit Angst. Die einen freuen sich über den Ge-winn, den Geflüchtete in ihre direkte Umgebung bringen. Die anderen fürchten sich vor dem Neuen, dem Anderen, dem Fremden. Und so manch einer denkt sich: Gottseidank, das Schicksal von Flucht und Vertreibung haben wir jetzt bei uns schon Jahrzehnte hinter uns lassen können. Die Wunden, die diese Bewegung bei uns vor 70 Jahren am Kriegsende schlugen: Gut, dass wir nicht mehr betroffen sind.

Wir Deutschen - von Flucht nicht mehr betroffen? Ich werde unruhig, weil ich spüre: Wir lügen uns da etwas in die Tasche. Wenn ich mich mal umschaue sehe ich, wie viele permanent auf der Flucht sind heutzutage – im übertragenen Sinn. Und ich gestehe: ich flüchte auch: Vor Menschen, die etwas von mir wollen. Vor beruflichen Herausforderungen. Vor familiären Fragestellungen, die nicht einfach mal so bei einer Tasse Kaffee zu regeln sind. Und während ich in meinen inneren Spiegel schaue, bemerke ich mit diesem veränderten Blick auf meine Mitmenschen, wie viele da auf der Flucht sind, heimatlos, innerlich schon lange in Notunterkünften leben, obwohl es ihnen rein wirtschaftlich betrachtet doch ganz gut geht in ihrem gepflegten Einfamilienhaus.

Was ist da los in dieser Gesellschaft, die fast an der Frage einer Willkommenskultur für Geflüchtete zerbricht – und doch selber ständig auf der Flucht ist. Letztlich vor sich selbst.

In der Bergpredigt mahnt Jesus seine Zuhörer: Euer Ja sei ein Ja... Damit macht er den Menschen Mut, zu dem zu stehen, was sie sagen. Nicht immer wieder die Richtung zu wechseln, so, wie die Fahne sich im Wind dreht. Und genau das ist es, was mir die Rastlosigkeit unserer Gegenwart zu markieren scheint: Immer nur weg, immer etwas neues, nichts ist von Bestand, alles geht irgendwie immer noch besser, immer noch schneller. Immer weiter, nächstes Ziel, nächster Rekord, atemlos, nicht nur durch die Nacht, letztlich durch das ganze Leben. Das kann auf Dauer nicht gut gehen – was die vielen, die rechts und links am Wegesrand liegen, traurig bezeugen: Menschen, die die Flucht innerhalb ihres Lebens eben nicht überstanden haben, im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke geblieben sind.

Wenn ich die Menschen, die als Geflüchtete zu uns kommen, wirklich gut aufnehmen will, muss ich mich aus meiner eigenen, ständigen Lebensflucht herausreißen. Dann kann Gastfreundschaft und Willkommenskultur wirklich gelingen und letztlich auch Spaß machen.

Ich wünsche Ihnen in diesem Sinne einen nachdenklichen, vielleicht sogar entschleunigten Tag ohne Flucht. Einfach bei sich selbst, damit die Kraft für die Menschen um mich herum wieder reicht.

Ihr Pfarrer Ulrich Clancett aus Jüchen.

Copyright Vorschaubild: Menschen Matthias Ripp CCBY 2.0 flickr

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