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Kirche in WDR 5 | 04.05.2017 | 06:55 Uhr

Auge um Auge

Guten Morgen!

Vor ein paar Jahren heiratete ein Patenkind von mir. Er ist Zahnarzt, und seine Frau leitet ein Geschäft für Brillen. Als ich ihn nach einem möglichen Trauspruch fragte, lachte er und schlug vor: Auge um Auge, Zahn um Zahn!

Nein, das kommt mir nicht vor wie ein guter Trauspruch – obwohl in mancher Ehe ja vielleicht nach diesem Motto verfahren wird. Der Spruch aus dem Alten Testament klingt brutal, aber eigentlich war er damals sehr human und ein großer Fortschritt. Wenn einer dich überfällt und schlägt dir z.B. einen Zahn aus, dann darfst du ihm, um den Angriff zu vergelten, nicht das Leben nehmen, sondern eben auch nur einen Zahn. Also: Wie du mir, so ich dir – „mit der gleichen Münze“. Aber nicht mit mehr. Nicht: Ich werde es dir „doppelt und dreifach heimzahlen“! Wir nennen das heute „Verhältnismäßigkeit der Mittel“. Eine notwendige und realistische Stufe, um mit Rache und Strafe umzugehen – um die „Spirale der Gewalt“ nicht hochzutreiben.

Aber Jesus geht in der Bergpredigt viel weiter. Sehr provozierend sagt er: Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.

Hat das wohl schon einmal jemand ausprobiert? Oder schlägt ein jeder reflexhaft, automatisch zurück? Dem anderen die Wange hinhalten zum Schlag – ist das ein Zeichen von Schwäche? Etwas für Duckmäuser, für Schlappschwänze, die sich alles gefallen lassen? Nein, würde Jesus sagen – es ist ein Zeichen von Stärke. Auf Gewalt verzichten – stärker geht´s eigentlich nicht!

Vor gut dreißig Jahren lief im Kino der Film „Gandhi“. Mich hat er bis heute begeistert. Mahatma Gandhi hat sein Land Indien von der Herrschaft der Engländer befreit – gewaltlos, im Sinne der Bergpredigt. Gandhi, der Hindu, liebte die Bergpredigt sehr.

Eine Szene aus dem Film ist mir besonders in Erinnerung:

Tausende Inder unter der Führung Gandhis sind auf der Straße, um friedlich für ihre Ziele zu demonstrieren. Die englische Kolonialregierung hat diesen Demonstrationszug streng verboten. Die Straße ist vorn abgesperrt von schwer bewaffneten Soldaten. Die Inder rücken vor, auf sie zu. Die erste Reihe der wehrlosen Inder wird von den Soldaten mit Gewehrkolben niedergeschlagen, sie fallen bewusstlos um. Dann die zweite, die dritte Reihe… Alle rücken vor, geben nicht auf, „halten die Wange hin“. Und die englischen Soldaten? Ihre Gesichter, ihre Augen verraten immer mehr Entsetzen über das, was sie da tun und tun müssen: – Scham, Gewissensbisse – wehrlose Menschen niederknüppeln. Wo steckt jetzt die Feigheit, die Schwäche – und wo die Stärke? Die Welt jedenfalls, informiert durch ein anwesendes Filmteam, ist geschockt von der Brutalität der einen und aufgewühlt von der Friedfertigkeit der anderen Seite: Und die einen – die englischen Soldaten – können sich – unter den Augen der Weltöffentlichkeit – solche Brutalität fortan nicht mehr leisten.

Auf solchen Wegen hat Gandhi die Unabhängigkeit Indiens erreicht. Er und seine Leute waren bereit zu leiden, Schläge einzustecken – für ein großes Ziel, für die Freiheit. Gandhi vertraute nicht auf die eigenen Fäuste und Ellenbogen, sondern auf Gott – und auf die innere Kraft, die Gott in Menschen hineinlegt. Und wenn man so Gott vertraut, dann sagt man wohl nicht so leicht: Das geht doch nicht, das ist doch unmöglich! Gott hat Möglichkeiten, die wir uns kaum träumen lassen. Und das färbt wohl ab auf den, der auf Gott vertraut.

Der Schweizer Dichter und Pfarrer Kurt Marti war von diesen großen Möglichkeiten Gottes und der Menschen begeistert und schrieb:

Wo kämen wir hin,

wenn alle sagten:

Wo kämen wir hin –

und niemand ginge,

um nachzuschauen,

wohin man käme,

wenn man ginge…

Diese Lust am Nachschauen wünsche ich Ihnen für den heutigen Tag!

Johannes Broxtermann aus Lüdenscheid.

*Kurt Marti, rosa loui, vierzg gedicht ir bärner umgangssprach, Luchterhand 1967.

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