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Das Geistliche Wort | 23.04.2017 | 08:35 Uhr

Beymeister – auf Augenhöhe zur Seite stehen

O-Ton Hoffmann: Ein Elternteil war in der Kirche – eins nicht. Und lange mit denen gesprochen. Kind getauft. Die waren super motiviert und wollten weitermachen und ich dachte immer: und wo krieg ich die jetzt unter? Denn selbst in der lebendigen Gemeinde, in der ich die Kinder getauft hatte, gab es nichts für die Menschen Relevantes an Formen, wo sie hätten andocken können. […]Und jetzt stehen die aber nach der Taufe da und sagen: es hat mich so berührt. Und was mach ich jetzt mit denen?

Autor: Miriam Hoffmann. Gemeindepädagogin. Mit einer halben Stelle als „Beymeister“ in Köln-Mülheim unterwegs. Sie ist selbst auf der Suche: Wie sähe sie aus, die Kirchengemeinde, in der andere Suchende andocken können? Was müsste das für ein Raum sein, was sollte da passieren, in welcher Form?

O-Ton Bear-Henney: Die Menschen kommen hier hin, können so sein, wie sie sind. Sie müssen sich nicht verstellen, nicht ihre Ästhetik ablegen, haben nicht das Gefühl in Form gepresst zu werden und öffnen sich dann ganz schnell und fühlen sich […] wohl und zuhause […]. Die Menschen sehen, wie es hier aussieht und wissen dadurch, dass sind Leute, die ticken wie ich. Dadurch wissen sie, dass sie mit ihren Fragen hierhin kommen können, weil sie hören ja gleichzeitig:“ a guck mal Pfarrer, Gemeindepädagogin“, die sind irgendwie für die Kirche unterwegs aber in einer Form, die zu mir passt, die mir entspricht.

Autor: Sebastian Bear-Henney, Pfarrer. Mit halber Stelle „Beymeister“. Im Mittelalter nannten sich „Beymeister“ die verschiedenen Meister einer Zunft. Sie regelten ihren Zunftalltag miteinander, berieten sich auf Augenhöhe und standen einander zur Seite. Genau so verstehen sich der Pfarrer und die Gemeindepädagogin: Als Alltagsbegleiter, die Menschen in ihrem Ortsteil beistehen.

Guten Morgen. Wie sieht so eine neue kirchliche Gemeinschaft aus? Wieso gibt es sie überhaupt? Was motiviert die Macher, was frustriert? Wie lebt es sich so mit den Beymeistern?

Musik 1

Ich treffe die beiden Initiatoren in einem ehemaligen Ladenlokal. Ein fast leerer Raum, unverputzte getünchte Wände, Baulampen hängen von der Decke und mitten in dem ansonsten fast leeren Raumdrin ein Retro-Sofa. Daneben funkelt poliert die Siebträger-Kaffeemaschine auf einem altem Beistelltisch vor einer Wand mit alter ausgeblichener Motiv-Tapete. Im Nebenraum eine neue Küche. Während wir sprechen gucken immer wieder Menschen im Vorbeigehen durch das große Ladenfenster. Einige grüßen. im Vorbeigehen. Das Projekt Beymeister ist ein Versuch.

O-Ton Bear-Henney: Ich begebe mich auf die Suche nach den Menschen. Vielleicht auch auf die Suche nach nem Ausweg. Einem Ausweg von vielen. Auf die Suche nach Hoffnung. Auf die Suche nach nem Ausweg aus dieser Lamentier-Kultur, die ich in Kirche sooft erlebe, aus dieser Depression, weil das ist ja auch nicht sexy für die Leute, wenn die in so ne Kirche kommen und merken hier ist alles auf „wir machen den Laden dicht Stimmung“ getrimmt. […] Da hab ich keine Lust drauf. […] und ich glaube das ist ansteckend und da möchte ich nicht mich infizieren lassen. Deswegen suche ich vielleicht nach einem Heilmittel.

Autor: Die Evangelische Kirchengemeinde Mülheim am Rhein ist Trägerin des Projekts „Beymeister“, finanziert aus verschiedenen Töpfen erst einmal für zwei Jahre. Quasi ein „Heilmittel“ in der Erprobungsphase. Die „Beymeister“ experimentieren mit einer anderen Ästhetik und einem anderen Selbstverständnis von Kirche. Wie ähnliche Projekte, die alle in den letzten Jahren erst entstanden sind. Wie das evangelische „Raumschiff Ruhr“ in Essen in einem alten Kirchenschiff in Mitten von Geschäften. Neben dem ungewöhnlichen Titel fällt auch die Selbstvorstellung ungewöhnlich aus und macht neugierig: „Raum für Gemeinschaft, Schönheit, Glauben.“ Oder das katholische „Zeitfenster“ in der Aachener City. Eine von acht Gemeinden der Innenstadt. Die Gründer hatten ihre ganz eigene Vorstellung davon, Glauben heute zu leben und fühlten sich in den bestehenden Gemeinden nicht mehr zu Hause. Eine neue Gemeinschaft entstand, immer auf der Suche nach „Zeitfenstern“ für Gott und die Welt. Mal als Intervention in der Stadt, mal als abendlicher Gottesdienst mit Videowand und Live-Musik. All diesen Neugründung ist eines gemeinsam: Sie sind motiviert und selbstbewusst und ziehen Menschen an, die in klassischen Gottesdiensten und Gemeindegruppen nicht mehr zu finden sind. Ich bin fasziniert davon – und manches macht mich nachdenklich.

Musik 1: From Above, My swedish Heart

O-Ton Bear-Henney: Die „Beymeister“ sind ein Projekt, Gemeinde mit Menschen zu machen, die mit klassischen Gemeindeformen nichts mehr anfangen können. Das heißt Menschen, die wohl glaubensmäßig auf der Suche sind auch durchaus Glauben leben aber keinen Ort haben, wo sie das in Gemeinschaft tun können und wir wollen mit ihnen gemeinsam diesen Ort schaffen.

Autor: Auf Menschen direkt zuzugehen, das kennt Sebastian Baer-Henney von seinem einjährigen England-Aufenthalt. Fresh X heißt die Bewegung, die dort die Menschen einlädt, gemeinsam über ihr Leben nachzudenken. Die Idee dahinter: Glaube soll im Leben der Menschen wieder eine Bedeutung haben und dort ins Gespräch kommen, wo sich ihr Alltag abspielt. Ein erster Ort der Beymeister war ein Retro-Sofa. Bear-Henney und Hoffmann zogen mit Sofa und frischem Kaffee durch den Kölner Stadtteil Mülheim. „Setzen Sie sich und erzählen Sie, wie Sie sich Kirche wünschen.“ So luden die beiden Pioniere zum Gespräch ein. Und die am Rheinufer vorbei gingen, ließen sich ansprechen. Mittlerweile steht das Sofa in dem ehemaligen Ladenlokal. Es gibt Lesungen, gemeinsames Essen und den Kaffee statt aus Thermoskannen frisch aus der Siebträger-Expressomaschiene.

O-Ton Bear-Henney: Es sind ja zum größten Teil auch wir selber. Also wir machen das hier deswegen auch relativ erfolgreich, weil die Leute merken: wir sind nicht anders und versuchen uns anzubiedern. Wir sind das Retro-Sofa und die Ziegelwand. Wir sind diese Ästhetik. Das ist unser Leben und ich finde es eher weniger belastend als kontinuierlich zwei Lebenswelten zu haben, nämlich meine Eigene und Kirche. Auf einmal wird Kirche so wie ich sie gerne haben möchte und wie ich sie guten Gewissens auch meinen Freunden gegenüber darstellen kann.

Autor: Guten Gewissens und mit etwas Stolz die eigenen Freunde zum Treffen in der Kirchengemeinde einladen. Könnte ich das bei mir zuhause? Stünde ich voll dahinter oder ist mir bereits das Gemeindehaus ein wenig peinlich? Was, wenn ich meinen Freunden am Ende zustimmen muss, dass der Gemeindeabend ein wenig lieblos und doch nicht so inspirierend war? Nicht nur einladend sein, sondern attraktiv. Die gleiche Sprache sprechen. Mitmachen können ohne Vorkenntnisse. Klingt so selbstverständlich. Und doch scheint die Realität in vielen Kirchengemeinden anders.

O-Ton Hoffmann: Die äußere Form ist so wie Menschen sich selbst einrichten oder wohlfühlen würden. Das heißt: Wer hier reinkommt […] hat im ersten Moment nicht diese Fremdheitserfahrung allein vom Stil, von den Dingen, die wir anbieten, von der Sprache, die wir sprechen. Dann ist hier ein Ort der Partizipation, ohne dass man sich schon in einem Vereinssystem auskennen muss.

Autor: Gegen klassische Formen haben die „Beymeister“ nichts. Es ist auch ihre Tradition, mit der sie groß geworden sind. Sie verstehen ihre Suche als Ergänzung und ihre Angebote als Erweiterung des kirchlichen Spektrums. So heißt Kirche mit Kindern bei den Beymeistern „Chaoskirche“. Sie bietet Entdeckungsstationen für Kinder und Eltern und mündet in einem gemeinsamen Mittagessen. Zur Kulturnacht im Veedel überlegt eine kleine Gruppe, wie man dies mit einem Gottesdienst begleiten kann. Die „Beymeister“ geben den Raum dazu und unterstützen und bleiben dabei selber Suchende.

O-Ton Bear-Henney: Also es ist sicher nicht so, dass wir jetzt auf Teufel komm raus versuchen zu übersetzen, was in der Kirche passiert, um das in einer anderen Form genauso wieder zu machen. […] Die Denkrichtung ist andersrum. Wir gehen nicht von der Kirche aus und überlegen wie wir es zu den Menschen bringen, sondern von den Menschen aus und überlegen, wie wir mit denen Kirche so gestalten können, dass hinterher was rauskommt, was für sie brauchbar ist und für uns vertretbar.

Musik 2: The morning of you, My swedish Heart

Autor: Initiativen wie die der „Beymeister“ sind erfolgreich, erreichen Menschen, die ansonsten in den Kirchengemeinden wenig oder überhaupt nicht vorkommen. Und die neuen Gemeindeformen können parallel zu der klassischen Gemeinde existieren. In Köln-Mülheim beschert der Erfolg der „Beymeister“ auch einen erhöhten Besuch der traditionellen Kinderkirche. Um neue „Beymeister“ zu gewinnen, nutzen die beiden Initiatoren ganz selbstverständlich ihre alltäglichen Bezüge.

O-Ton Hoffmann: Im Kleinen ärgert mich am meisten, die Frage: „Wie kommt ihr denn an Menschen ran?“ Und ich denke immer so: „Hast du keinen Friseur, keinen Bäcker, keine Kassiererin mit der du täglich Kontakt hast? Triffst du nicht Menschen, auf dem Spielplatz, die keine Christen sind, die nicht in deiner Gemeinde sind? Was ist das für eine Frage, wie wir an Menschen heran kommen? Jeder von uns hat Bezüge und hoffentlich nicht nur die normalen traditionellen gemeindlichen Menschen, mit denen man so zu tun hat. Und mit diesen Menschen Gemeinschaft zu leben, das ist doch der Urauftrag von Jesus.

Autor: Mir fällt auf, wie selbstverständlich Hoffmann und Bear-Henney im Ladenlokal biblische Geschichten einfließen lassen, ohne frömmelnde Attitüde. Sie sprechen von den Jüngerinnen und Jüngern, die beauftragt wurden in die Welt zu gehen, die in die Häuser gehen, mit Nachbarn ihr Leben teilen, ihre Geschichten erzählen, miteinander essen und feiern.

O-Ton Hoffmann: Zur Freiheit hat uns Christus berufen. Das ist finde ich ein unglaubliches Privileg, dass ich das Vertrauen habe und Vertrauen haben kann, dass es in erster Linie Gottes Ding ist, Kirche zu bauen. Und dass es auch seine Verantwortung ist, die Menschen, die er dazu beruft, zu befähigen aber auch zu versorgen. Ich erlebe das immer wieder, es gibt auch Unsicherheitsmomente aber diese Freiheit ist uns Christen geschenkt. Vielleicht müssen wir uns daran mehr erinnern.

Autor: Pfarrer Bear-Henney und Gemeindepädagogin Hoffmann wollen ihre Beymeister-Gemeinde weiter gemeinsam mit den Menschen aus ihrem Veedel gestalten. Es ist offen, wohin die Reise geht, offen, welche Formen sich entwickeln werden. Mich fasziniert dieses Gottvertrauen. Sorg dich nicht. Gott versorgt seine Sucher und Entdecker, kümmert sich auch beim Beschreiten neuer und ungewohnter Wege. Das hat etwas Österliches. Einen Neuanfang wagen. Sich in die neuen Chancen und gewonnen Möglichkeiten stürzen. Wagemut zeigen und losgehen. Menschen lassen sich nicht unterkriegen, sondern stehen auf. Versuchen einfach, etwas von dem zu leben, was mit Jesus von Nazareth angefangen hat. Mischen sich unter die Menschen. Bringen den Glauben ins Gespräch. Am Rheinufer, in einem Ladenlokal, auf dem Sofa bei einem frischen Espresso oder in der „Chaoskirche“ mit den Kindern. Einer von vielen Aufbrüchen.

O-Ton Bear-Henney: Wenn dieses Denken sich weiter verbreitet, dann haben wir schon viel erreicht. […] weil dann hätten wir auch was, womit wir sagen können: da haben wir was bewirkt. Weil es uns ja nicht nur darum geht jetzt hier für zwei Jahre uns mal austoben zu können, sondern es geht uns ja für die Kirche ne Art Forschungslabor zu sein und zu zeigen: Guck mal: so kann man‘s auch machen. Bitte mehr davon.

Autor: Wäre das nicht wunderbar? Das wünsche ich Ihnen, dass Sie Ihren eigenen Beymeister finden. Einen Menschen, der dabei ist, wenn Sie auf der Suche sind. Jemand, der Ihnen beisteht im Alltag. Der die Probleme und Widrigkeiten des Lebens auf Augenhöhe mit Ihnen zusammen meistert. Dass Sie Ihren eigenen Platz finden in Ihrer Kirche, sich zuhause fühlen und gehört werden. Und sollte Ihnen die Decke auf den Kopf fallen und haben Sie Ideen und Träume, wie Sie heute über Gott und die Welt sprechen wollen. Und wie und wo das für Sie am besten klappen könnte, dann wünsche ich Ihnen, dass Sie es angehen, Mitstreiter finden und mutig sind. Und dass Sie selber neugierig bleiben, wie Menschen in Ihrer Umgebung Ihr Leben deuten und ob Gott dabei eine Rolle spielt. Das wünscht Ihnen Michael Birgden aus Köln.

Musik 3: Dreamers at Heart

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