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Kirche in WDR 2 | 13.04.2017 | 05:55 Uhr

Die Kluft

Langsam lässt er sich auf den Stuhl gleiten. Die schwielige Hand aufgestützt auf den viereckigen Küchentisch. Auf der abwaschbaren Tischdecke steht ein Pott dampfender Kaffee. Daneben ein Graubrot mit Salami und Käse. Doch das interessiert ihn nicht. Vor Schmerzen schließt er die Augen. Die Luft ist stickig. Er hat nur den rechten Schuh an. Der linke Fuß ist verletzt. So hat er sich lieber mehrere Socken übereinander gezogen. Schwester Marion macht sich an die Arbeit. Holt den Verbandskasten. Zieht ihm die Socken aus. Wir alle halten die Luft an.

„Du musst mit dem Fuß ins Krankenhaus, versprich mir das“, sagt sie noch, als er frisch verbunden und mit einem Brot im Bauch den Raum verlässt. Wir lassen die Tür der Bahnhofsmission offen stehen. Von Jahr zu Jahr eröffnen hier am Bochumer Hauptbahnhof edlere Geschäfte.

Schwester Marion guckt auf den Kalender über dem Küchentisch. Da ist Jesus zu sehen, wie er am Kreuz hängt. Mit klaffenden Wunden. Blutverschmiertem Gesicht. Dem Tod nah – oder ist er schon tot? Unwirsch blättert Schwester Marion um und sagt: „Karfreitag haben wir hier schon genug.“ Auf dem nächsten Blatt erscheint der auferstandene Jesus. In einem langen, weißen Gewand. Gold- und Gelbtöne umgeben ihn wie warme Sonnenstrahlen. Seine Wundmale an Händen und Füßen und an der Seite leuchten wie rote Rubine. Freundlich blickt er uns an. Lächelt mild. Es ist kurz vor Ostern. Für ein paar Sekunden versinken wir in der gold-gelben Auferstehungsglückseligkeit. „Karfreitag haben wir hier schon genug.“ Wie Recht Schwester Marion hat. Hier in der Bahnhofsmission ist das ganze Jahr über Karfreitag.

Draußen hetzen Frauen und Männer über die Bahnsteige: die mit den 80-Stunden-Wochen, Arbeitslose, Schüler, Studenten, Senioren. Und dazwischen die, die darauf warten, dass etwas für sie abfällt. Der Businesstyp dahinten. Gleich wird er sein angebissenes Baguette in den Müll werfen, wenn der Zug einfährt. Die Flaschensammler. Namenlos gleiten sie alle aneinander vorbei. Da auf den Bahnsteigen liegt alles ganz nah beieinander. Und doch ziemlich weit voneinander entfernt.

Jesus erzählt einmal vom reichen Mann und armen Lazarus. Der Reiche lebt in Saus und Braus. Der arme Lazarus fristet ein elendes Dasein vor dessen Tür und ernährt sich von dem, was vom Tisch des Reichen abfällt. Nah beieinander und doch weit voneinander entfernt. Als beide gestorben sind, ist die Kluft nicht aufgehoben. Während Lazarus von Engeln direkt in Vater-Abrahams Schoß getragen wird, schmort der Reiche in den Flammen der Hölle. Und selbst da hat er nichts gelernt. Denn statt sich direkt an Lazarus zu wenden, ruft er zu Abraham hinüber: „He, schick mir doch mal den Lazarus, der soll meine brennende Zunge mit Wasser kühlen.“ Das Spiel spielt Vater-Abraham nicht mit. Streng verweist er den Reichen darauf: Du hättest schon zu Lebzeiten aus den jüdischen Geboten wissen können, dass du dem Armen helfen sollst. (Lukas 16,19-31)

Nun glaube ich persönlich nicht an die Hölle und dass wir da schmoren werden. Ich will aber Jesus mit seiner Mahnung an alle mit genügend Geld ernst nehmen: „Du kannst es hier und jetzt wissen: Sprich den Armen an. Nenn ihn beim Namen. Seid zueinander wie Geschwister. Die Kluft – die kannst, die musst du überwinden. Ich habe es dir vorgemacht.“

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