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Kirche in WDR 5 | 22.07.2016 | 06:55 Uhr

Die Kluft

Langsam lässt er sich auf den Stuhl gleiten. Die schwielige Hand aufgestützt auf den viereckigen Küchentisch. Auf der abwaschbaren Tischdecke steht ein Pott dampfender Kaffee. Daneben ein Graubrot mit Salami und Käse. Doch das interessiert ihn nicht. Vor Schmerzen schließt er die Augen. Die Luft ist stickig in dem kleinen fensterlosen Raum. Schweiß. Ungewaschene Haare. Er hat nur den rechten Schuh an. Der linke Fuß ist verletzt. Ein Zehennagel hat sich entzündet. Da hat er sich lieber mehrere Socken übereinander gezogen. Schwester Marion macht sich an die Arbeit. Holt den Verbandskasten. Zieht ihm die Socken aus. Wir alle halten die Luft an.

Später, als er draußen ist – mit verbundenem Fuß, der eindringlichen Mahnung, ins Krankenhaus zu gehen und einem Pott Kaffee und einem Brot im Bauch – später also lassen wir die Tür der Bahnhofsmission offen stehen. Nur wenig frische Luft strömt aus der Bahnhofshalle ein.

Von Jahr zu Jahr eröffnen hier edlere Geschäfte.

Schwester Marion guckt auf den Kalender über dem Küchentisch. Da ist Jesus zu sehen, wie er am Kreuz hängt. Nackt. Geschunden. Ein Gefolterter. Unwirsch blättert Schwester Marion um und sagt: „Karfreitag haben wir hier schon genug.“ Auf dem nächsten Blatt erscheint der auferstandene Jesus. In einem langen, weißen Gewand. Gold- und Gelbtöne umgeben ihn wie warme Sonnenstrahlen. Freundlich blickt er uns an. Für ein paar Sekunden versinken wir in der gold-gelben Auferstehungsglückseligkeit.

„Karfreitag haben wir hier schon genug.“ Wie Recht Schwester Marion hat.

Wenn ich bei meinen Dienstreisen an Bahnhöfen bin, sehe ich die, die darauf warten, dass etwas für sie abfällt. Dass der Businesstyp dahinten gleich sein angebissenes Baguette in den Müll werfen wird, wenn der Zug einfährt. Ich sehe die Flaschensammler. Namenlos gleiten sie aneinander vorbei. Da liegt alles ganz nah beieinander. Und doch ziemlich weit voneinander entfernt.

Jesus erzählt einmal vom reichen Mann und armen Lazarus. Der Reiche lebt in Saus und Braus. Der arme Lazarus fristet ein elendes Dasein vor dessen Tür und nährt sich von dem, was vom Tisch des Reichen abfällt. Nah beieinander und doch weit voneinander entfernt. Als beide gestorben sind, ist die Kluft nicht aufgehoben. Während Lazarus von Engeln direkt in Vater-Abrahams Schoß getragen wird, schmort der Reiche in den Flammen der Hölle. Und selbst da hat er nichts gelernt. Denn statt sich direkt an Lazarus zu wenden, ruft er zu Abraham herüber: He, schick mir doch mal den Lazarus, der soll meine brennende Zunge mit Wasser kühlen. Das Spiel spielt Abraham nicht mit. Streng verweist er den Reichen darauf: Du hättest schon zu Lebzeiten aus den jüdischen Geboten wissen können, dass du dem Armen helfen sollst.

Nun glaube ich persönlich ja nicht an die Hölle und dass wir da schmoren werden. Ich will aber Jesus mit seiner Mahnung an alle mit ausreichendem Auskommen ernst nehmen: „Du kannst es hier und jetzt wissen: Sprich den Armen an. Nenn ihn beim Namen. Seid zueinander wie Geschwister. Ihr seid eine Menschheitsfamilie. Die Kluft – die kannst, die musst du überwinden. Ich habe es dir vorgemacht.“

Manchmal gelingt mir das – nicht immer. Es braucht auch Mut, um sich dem täglichen Karfreitag zu stellen. Gebe Gott uns Mut und vor allem die Liebe zueinander.

Ihre Petra Schulze, Rundfunkpfarrerin in Düsseldorf.

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