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Das Geistliche Wort | 14.05.2017 | 08:35 Uhr

„Euer Herz lasse sich nicht verwirren!“

Guten Morgen liebe Hörerinnen und Hörer,

heute steht Nordrhein-Westfalen ganz im Zeichen der Landtagswahlen. Ich bin gespannt. Punkt 18.00 Uhr werde ich vor dem Fernseher sitzen und auf die erste Hochrechnung warten. Dabei hoffe ich auf einen klaren Sieg der demokratischen Kräfte. Ich hoffe auf eine große Mehrheit für diejenigen, die für eine humane und gerechte Gesellschaft eintreten. Ich hoffe auf diejenigen, die sich für die Menschenwürde aller einsetzen – unabhängig davon, ob jemand hier geboren ist oder nicht. Zugegeben, das ist eine Minimalhoffnung. In den Jahren zuvor war das für mich eine Selbstverständlichkeit bei demokratischen Wahlen. Aber es tut sich was: in unserem Bundesland, in Deutschland, in Europa.

Trotz der Vielen, die sich standhaft gegen nationalistische Parolen wehren, machen mir einige Entwicklungen Sorgen. Mich lässt das nicht kalt, wenn Menschen zunehmend gegen Andersdenkende und Anderslebende in Wort und Tat gewalttätig werden, wenn Fremdenfeindlichkeit und Fremdenhass um sich greifen. Es erschreckt mich, wenn der Schutz des Lebens – sowohl am Anfang wie am Ende – nicht mehr sicher ist, wenn die Grundwerte für jeden Menschen mit Füßen getreten werden. Das treibt mich um und lässt mich fragen: „Warum folgen so viele Menschen ausländerfeindlichen Parolen? Warum lassen sich immer mehr von den Verheißungen und Verlockungen selbsternannter Heilsbringer verführen?“

Zwei Ursachen mache ich fest: Zum einen ist es Angst, die diese Menschen umtreibt, zum anderen ist es Orientierungslosigkeit. Unüberschaubar ist es in der Welt geworden, hochkomplex. Viele wissen nicht mehr, wo es lang geht und woran sie sich orientieren sollen. Deshalb sind sie verführbar und glauben allzu leicht denjenigen, die auf schwierige Fragen einfache Antworten und Rezepte haben. Mitten in diese Situation hinein höre ich heute die Aufforderung Jesu: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren!“

Musik

„Euer Herz lasse sich nicht verwirren! Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ Mit diesen Worten Jesu beginnt das 14. Kapitel des Evangeliums nach Johannes, das katholische Christen heute im Sonntagsgottesdienst hören.

Ich höre die Worte und frage mich erst einmal: Macht der Evangelist Johannes es sich hier nicht zu einfach? Ist das nicht auch so ein verlockend simples Rezept? Einfach glauben und schon funktioniert das Leben, kommen die Christen aus der Krise heraus? Darin steckten sie nämlich auch damals zur Zeit des Evangelisten, in einer dicken Krise. Ende des 1. Jahrhunderts lebt die christliche Gemeinde in der Bedrängnis; gesellschaftlich sind die Christen eine Minderheit, von Vielen belächelt und verachtet, vom Kaiser in Rom verfolgt. Familien und Freundschaften werden auseinander gerissen. Keiner weiß, wie es weitergeht. Angst und Zweifel machen sich breit. Nicht wenige fühlen sich von Gott verlassen und spielen mit dem Gedanken, sich von Christus abzuwenden. Sie trauen seiner Botschaft vom Reich Gottes nicht mehr.

Genau in diese Situation hinein lässt Johannes Jesus sagen: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren! Glaubt an Gott und glaubt an mich!“

Für Johannes war das keine einfache Antwort. Sie war durch sein Leben gedeckt. Trotz Verfolgung hat er nämlich an Jesus und seiner Zusage festgehalten. Er wusste Jesus an seiner Seite. Und deshalb will er auch seiner Gemeinde Mut machen. Sie soll an Jesus nicht irre werden, soll gegen alle Widerstände hindurch Jesu frohmachender Botschaft glauben. Denn Jesus ist nicht tot! Er lebt! In seinem Geist ist er in der Gemeinde lebendig und steht den Menschen zur Seite. Und mehr noch! Er ist seinen Jüngern und Jüngerinnen vorausgegangen, um ihnen einen Platz beim Vater zu bereiten. Denn, so sagt es Jesus in der Lesung aus dem Johannesevangelium: „Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen“. Eine Wohnung haben – für mich ein wunderschönes Bild für Geborgenheit und Sicherheit. In meiner Wohnung, da bin ich zu Hause, da bin ich geschützt und aufgehoben, da hab ich meinen Platz, meinen Raum, der mir gehört und den ich mir ganz zu eigen machen kann.

Musik

„Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen“ – das ist ein starkes Bild in Zeiten, in denen Orientierung gesucht wird. Diese Worte haben mir geholfen, als meine Eltern starben. Sie haben meinem Leben schon früh Orientierung gegeben. Und ein Zuhause – nicht nur äußerlich durch ein Dach über dem Kopf. Meine Eltern haben mir im Innersten Halt und Geborgenheit geschenkt. Sie haben mich gestützt und geschützt; sie haben mich gefordert und gefördert. Und: Sie haben mich hineingenommen in ihren Glauben an den Gott Jesu Christi; in all ihrer Endlichkeit und Begrenztheit haben sie versucht, das Vertrauen auf Gott Wirklichkeit werden zu lassen. Wenn ich gerade heute mich dankbar an meine Eltern erinnere, dann auch deshalb, weil meine Geschwister und ich das heutige Evangelium für ihre Totenmesse ausgesucht haben. Als Möbelkaufleute hatten Mutter und Vater Freude daran, Anderen bei der Wohnungseinrichtung zu helfen. Sie wussten, wie wichtig eine schöne Wohnung und ein Zuhause sind. Sie wussten, wie sehr die eigenen vier Wände der Beheimatung dienen. Mit ihnen glaube ich daran, dass sie nun eine ewige Wohnung bei Gott gefunden haben.

Aber nicht nur das! Glaube ist für mich keine Vertröstung auf das Jenseits. Mit meinen Eltern und vielen Anderen glaube ich daran, dass Gott uns hier und jetzt zur Seite steht. So schwer seine Gegenwart auch zu fassen ist, ich erahne und spüre sie immer wieder einmal: im Kollegen, der sich mutig im Konflikt mit dem Chef vor die Kollegin gestellt hat; im Freund, der eine höherdotierte Stelle abgelehnt hat, weil er die Menschen in seinem Projekt nicht allein lassen wollte; in der Freundin, die auf Vieles verzichtet und sich liebevoll um ihren behinderten Sohn und kranken Mann kümmert. Gott steht mir zu Seite; – in der Stille und im Gebet. In all diesen Momenten erlebe ich – zumindest hin und wieder – seine Gegenwart, spüre ich, dass ich mich an ihm orientieren kann. Und so ermutigen mich diese Erfahrungen auch, mich in den Turbulenzen unserer Zeit nicht verwirren zu lassen und mein Leben auch weiterhin an der Botschaft Jesu auszurichten und mich in meinem Alltag für die Würde jedes Menschen einzusetzen – unabhängig von seiner Herkunft, seiner Leistung und seinen Fähigkeiten.

Musik

„Euer Herz lasse sich nicht verwirren! Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ Diese Aufforderung ist für mich in meinem Alltag alles andere als einfach. Ich erlebe sie als stete Herausforderung, der ich mich stellen will.

Die Worte mahnen mich, mein eigenes Denken, Fühlen und Handeln zu überprüfen. Richte ich mein Leben an der Botschaft Jesu Christi aus? Orientiere ich mich an christlichen Werten? Nicht nur sonntags im Gottesdienst, sondern auch an so etwas Alltäglichem wie der Supermarktkasse? Respektiere ich die Würde jedes Menschen, auch wenn ich jemanden nicht mag und sie oder ihn unausstehlich finde? Nehme ich das ernst mit der Orientierung an Jesus, dann muss ich mich immer wieder fragen: Sind meine Überzeugungen durch mein Leben gedeckt?

Eine Gesellschaft, die sich irgendwie noch dem christlichen Erbe verbunden fühlt, muss sich diesen Fragen auch stellen. Mir sind sie eine Mahnung. Und manchmal beschleicht mich der Verdacht, dass Aggression, Gewalt und Terror auch Auswirkungen gesellschaftlicher Gottvergessenheit sind. Ich denke, viel mehr Menschen wären weniger desorientiert und weniger anfällig für Unheilspropheten, wenn sie einen letzten Grund hätten, der sie trägt.

Was aber, wenn Gott derart aus den Augen verloren ist?

Was können Christen tun? Was haben Christen dieser Desorientierung entgegen zu setzen? Zu allererst müssten sie ihre christlichen Werte öffentlich und offen leben. Christen können zu einer offenen, demokratischen und humanen Gesellschaft beitragen, was, Gott sei Dank, auch täglich in allerlei Initiativen geschieht. Auf jeden Einzelnen kommt es an. Engagement und Fähigkeiten sind gefragt – und zwar am Bett eines Kranken und Sterbenden ebenso wie bei der Demo gegen Pegida auf der Straße. Das Zeugnis des Vertrauens ist notwendig – im persönlichen Umfeld wie im öffentlichen Raum. Nur wer glaubhaft machen kann, dass er eine Überzeugung hat, aus der er vertrauensvoll leben kann, kann anderen Orientierung geben und die Ängste nehmen.

Ich erfahre die Worte Jesu heute auch als Zuspruch. „Lasst Euch nicht verwirren. Glaubt an mich. Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen.“ Wie die Christen des 1. Jahrhunderts fühle ich mich durch sie ermutigt, an Jesu Botschaft von Gottes unbegrenzter Barmherzigkeit und Liebe festzuhalten. In Gott kann und darf ich mein Leben festmachen. Selbst wenn ich ihn nicht spüre, er ist da, lässt mich nicht im Stich. Er steht zu seiner Wahl, die er längst getroffen hat. Aus seiner Liebe können wir leben – jetzt und über unseren Tod hinaus. Unsere Wohnungen sind schon bereitet. Welch eine grundlegende Hoffnung an diesem Wahltag!

Musik

Einen schönen und gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Margret Nemann aus Münster!

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