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Kirche in WDR 3 | 11.10.2017 | 07:50 Uhr

Frei

Der Lärm in der Halle ist zermürbend. Die großen Verpackungsmaschinen ächzen. Dazu die Hitze und der Gestank. Schichtantritt. Pünktlich. Die Vorarbeiterin kommt. Wie ein Feldwebel baut sie sich vor uns auf – ruft jede einzeln auf und teilt uns ein. Ich muss wieder ans Band. Das ist nicht mein Ding: Immer wieder komme ich aus dem Rhythmus, den das Band vorgibt. Die Tüten mit der Nuss-Trockenobst-Mischung stauen sich. Das Band wird langsamer gestellt. Ich mache den Akkord kaputt. Wir ungeübten Studentinnen sind nicht besonders beliebt bei den Arbeiterinnen.

In der Pause sprechen wir nicht viel. Jede packt ihr Brot aus, etwas Obst. Endlich ein bisschen Ruhe. Die Ohren erholen sich, die Nase auch – frische Luft strömt durchs Fenster. Sonja sitzt mir gegenüber. Sie arbeitet am Rand der Fabrikhalle - in einem kleinen abgelegenen Raum - ganz allein. „Was musst du da überhaupt machen?“, frage ich. „Ich sortiere die schlechten Nüsse aus. Das ist leichte Arbeit. Ich darf nicht so lange am Band stehen. Ich bin schwanger.“ – „Und, freust du dich aufs Kind?“, frage ich und merke erst, als es mir rausgerutscht ist, dass diese Frage doch ein bisschen zu persönlich ist. Sonja lächelt. „Oh ja, und noch mehr freue ich mich, dass ich dann hier nicht mehr arbeiten muss. Weißt du, die meisten Frauen hier haben nur ein Ziel: Endlich heiraten und ein Kind kriegen. Und weg von hier.“ „Aber du verdienst hier doch dein eigenes Geld. Kein Traumjob, aber doch ein ziemlich sicherer und einer mit Tariflohn.“

Sonja guckt mich an, als hätte ich nicht verstanden. „Was ist die Perspektive?“, fragt sie. „Tagaus, tagein verdorbene Nüsse aussortieren oder Tütchen verpacken? Jeden Tag zittern, wo werde ich eingeteilt. Werde ich den Akkord schaffen? Ich kann nicht gut Deutsch. Ich kann nichts anderes machen. Nein, ich freue mich auf meine Familie. Da bin ich wichtig, weil ich Sonja bin.“

Zu jemandem gehören. Wichtig sein. Nicht austauschbar. Das ist Sonjas Sehnsucht. Und wenn sie nun von einer Abhängigkeit in die nächste kommt? denke ich. Weg von der Fuchtel der Vorarbeiterin hin zur Fuchtel des Ehemanns? Sonjas Sehnsucht nach Würde und Sinn– sie gilt für das ganze Leben. Das Leben zu Hause und das Leben bei der Arbeit. Gott hat jedem einzelnen Mann, jeder einzelnen Frau vom Volk Israel einmal ausrichten lassen: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich befreit, ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du gehörst zu mir!“

Damals lebten sie im Exil. Sie fühlten sich nicht zu Hause, nicht zugehörig. Abhängig. Da erinnerte Gott sie daran, dass sie das schon einmal erlebt hatten. Als Sklaven in Ägypten. „Ich habe euch damals befreit“, sagte Gott.

Deshalb: „Hab keine Angst. Du musst dich niemandem auf der Welt unterwerfen. Du gehörst zu mir.“

Eine Liebe, die frei lässt und Geborgenheit schenkt. Fast zu schön, um wahr zu sein. Nichts soll dich versklaven – keine Arbeit, keine Partnerschaft. Und falls doch – dann kannst du dich daraus befreien. Auch mit Gottes Hilfe.

Es grüßt Sie, Pfarrerin Petra Schulze aus Düsseldorf.

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