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Hörmal | 01.07.2018 | 07:45 Uhr

Fremdlinge

Am Stammbaum der Familie meines Vaters bin ich als Kind tagtäglich vorbeigekommen. Denn der hing im Treppenhaus in unserer Doppelhaushälfte in Duisburg. Und schon als kleines Kind hat dieser Stammbaum mich fasziniert und mich auch ein bisschen stolz gemacht: So ein riesige, weit verzweigte Familie. So viele Generationen. So viele Namen von Orten und Ländern. Dieser Stammbaum geht über mehrere Generationen zurück bis in die Zeit vor 1749. Und was mich damals am meistens beeindruckt hat, das war die Wurzel des Stammbaums. Der Stammhalter der Familie, der war nämlich nicht hier aus der Region, sondern der kam aus der Schweiz und hatte sich im Sauerland niedergelassen. Von dort hat sich die Familie dann weiter ausgebreitet. Ein Zweig führt nach Amerika, ein anderer nach Algerien. Nach Duisburg ist übrigens mein Großvater gezogen, wo ich auch geboren bin.

Ich selbst bin kein Ahnenforscher, aber ich frage mich natürlich, was mag wohl der Grund gewesen sein, dass da jemand aus der Schweiz Richtung Norden ausgewandert ist. Wollte er in der Fremde ein besseres Leben finden, Arbeit, Wohlstand? War ihm die Schweiz zu eng, suchte er Freiheit? Wurde er verfolgt? War er auf der Flucht? Ich weiß das alles nicht. Der Stammbaum sagt nur, dass dieser Stammhalter eine Frau aus Neuss geheiratet hat, insgesamt fünf Kinder hatte und im Sauerland, in der Nähe von Heinsberg, bei Olpe, eine neue Heimat gefunden hat. Die Überreste des Stammhauses habe ich als Kind sogar noch gesehen: ein Jagdhaus im Wald.

Heute müsste so eine Familiengeschichte eigentlich als Migrantengeschichte erzählt werden: Von der Schweiz ins Sauerland und von dort ins Ruhrgebiet oder in weitere Teile der Welt bis nach Amerika und Algerien. Ich selbst käme allerdings nicht auf den Gedanken, mich als Nachfahre eines Einwanderers zu verstehen, quasi als Migrantennachkömmling. Liegt ja auch alles schon etwas zurück. Aber die Frage um Identität und Migration, die liegt gerade ja in der Luft. Damals wie heute geht es um Fremdlinge in einem anderen Land.

Heute vor 25 Jahren wurde ja in Deutschland das Asylrecht neu geregelt. Nach dem, was damals festgelegt wurde, wird heute geschaut, ob jemand das Recht hat, hier bei uns Zuflucht zu suchen oder nicht. Mein Vorfahre hätte unter den heutigen Bedingungen mit großer Wahrscheinlichkeit kein Recht auf Asyl erhalten, wenn er überhaupt darum ersucht hätte. Für einen Schweizer eher unrealistisch heutzutage. Unabhängig von dieser Neuregelung des Asylrechts bleibt für mich aber die Frage nach dem Umgang mit den „Fremdlingen“.

Ich vermute: Die allermeisten Menschen werden in ihrer Familiengeschichte, je weiter sie zurückgehen, auf eine Migrantengeschichte stoßen, so wie in meinem Fall, wo einer aus der Schweiz in die Fremde ging.

Schon allein weil man in seiner eigenen Familie eventuell ja auch Vorfahren hat, die einmal Fremde waren, wäre es eigentlich naheliegend, den Fremden heute bei uns mit Respekt zu begegnen. Und dieser Gedanke ist übrigens nichts Neues. Schon in der Bibel wird das den Israeliten, die lange in Ägypten gelebt hatten, immer wieder als Mahnung gesagt (Lev 19,34): „Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen.“

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