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katholisch

Das Geistliche Wort | 21.12.2014 | 08:40 Uhr

Fürchte dich nicht! - trau deiner Sehnsucht!

Guten Morgen!

Nur noch drei Tage bis Heiligabend.

In den letzten Tagen vor Weihnachten kommt vieles zusammen: die Vorfreude auf das Fest, aber auch Befürchtungen: Wie wird das Fest werden? Erwartungen, aber auch die Sorge vor Enttäuschungen; Besinnlichkeit, aber auch hektische Unruhe.

Seltsam –diese widersprüchliche Atmosphäre!

Trotz alledem – oder gerade deswegen – steigt in diesen Tagen vor Weihnachten immer wieder ein Bild aus Kindertagen in mir auf, ein Bild, das mich in meine Kindheit zurückführt, als die Welt – aus Kinderaugen betrachtet – noch in bester Ordnung war, die Tage unbeschwert. In dem Bild sehe ich meinen Vater, wie er beim Arbeiten singt. Er hat oft gesungen. Und mir, mir hat es immer gut getan, ihn singen zu hören: Für mich war es ein beruhigendes Zeichen, dass alles in Ordnung war. Das Lied klingt mir noch in den Ohren, das alte Lied von der Sehnsucht, das von Alexandra stammt.

Einspielen: Sehnsucht heißt ein altes Lied der Taiga, Ref., danach: Musik leiser und in die Musik hineinsprechen:

Schon als Kind hat mich dieses Lied berührt und es ist bis heute so. Von Sehnsucht singt es, von Träumen, von Erinnerung, von der Hoffnung auf Wiedersehen und auch von den Ängsten, dass das Wiedersehen doch nicht möglich sein könnte. Wenn mein Vater dieses Lied sang, dann hatte das seinen ganz eigenen Klang. Er konnte auf seine Weise der Sehnsucht einen tiefen Ausdruck geben. Ich wusste damals nicht einmal, was die Taiga ist, und auch nicht, was das Wort Sehnsucht bedeutet. Aber ich konnte die Sehnsucht fühlen.

Was da besungen wird, das hat etwas mit einem Urgefühl des Menschen zu tun. Für mich sind Lieder von der Sehnsucht wie Gesänge der Seele. Die eigene Sehnsucht zu spüren, heißt, den Wunsch nach Veränderung in sich zu spüren. Da ist Hoffen auf Erfüllung ohne zu wissen, ob sich die Erfüllung je einstellen kann. Lieder von der Sehnsucht singen von der Suche nach einem Zuhause. So viele Menschen sind gerade heute auf der Flucht, sehnen sich nach einem Zuhause, nach Geborgenheit und Frieden, nach erfülltem Leben, nach Liebe! In dem Bild von meinem Vater spüre ich jetzt meine eigene Sehnsucht, meinen eigenen Durst nach der Geborgenheit der Kinderzeit– und auch den Wunsch, meinen verstorbenen Vater irgendwann einmal wiederzusehen. Die Hoffnung darauf macht mich froh und ich spüre, dass sich Friede auf die Trauer über seinen Verlust in mir legt.

Musik I

Matthias improvisiert (Saxophon oder Bassklarinette): Sehnsucht

Sehnsucht nach Leben und Liebe, nach Heimat und Frieden, davon genau erzählt auch die Heilige Schrift in unzähligen Worten und Bildern, traurig-schöne Lieder, die schon das Volk Israel gesungen hat. Im Lied der Sehnsucht klingt die Hoffnung mit, vom Ewigen berührt und verwandelt zu werden – für mich besonders in Worten des Propheten Jesaja, die auch voll Leidenschaft sind:

Sprecher:

Du Volk auf dem Berg Zion, das in Jerusalem wohnt, du brauchst jetzt nicht mehr zu weinen. (…) Zu der Zeit, wenn der Herr die Leiden seines Volkes heilt und seine Wunden verbindet, wird das Licht des Mondes so hell sein wie das Licht der Sonne, und das Licht der Sonne wird siebenmal so stark sein wie das Licht von sieben Tagen. (Jes 30,19a.26)

Was für ein ungewöhnliches Bild hat der Prophet Jesaja hier verwendet! Er verheißt dem Volk Israel eine unvorstellbar große Fülle an Licht. Wie viel Dunkel müssen diese Menschen in ihrem Leben erfahren haben, dass sie so viel Licht brauchen! Wie sehr müssen sie sich nach Veränderung gesehnt haben! Das Volk Israel ist von einem benachbarten Volksstamm, den Assyrern, bekämpft und überrollt worden. Die Menschen hatten Todesangst!

Ist es nicht beklemmend, wie aktuell all das auch in unserer Zeit wieder ist? Auch heute werden In Syrien, im Irak, im Nahen Osten Menschen überrollt, vertrieben, verfolgt, getötet, auseinandergerissen. Auch heute leiden Menschen dort und auch anderswo Todesangst.

Im Dunkel solcher Angst braucht es das stärkste Licht, das es gibt! Es braucht Trost und Hilfe! Es braucht Liebe statt Hass, Frieden statt Gewalt! Mitten in der Not erinnert Jesaja die Menschen an Zeiten, in denen sie solches Licht schon erfahren haben, Zeiten, in denen Gott bei ihnen war und ihnen beigestanden hat. In die Not und in die Sehnsucht der Menschen hinein spricht Jesaja in Bildern voller Trost und Hoffnung. Das ist Ermutigung, weiter und wieder zu vertrauen! Das Lied der Sehnsucht ist für mich das Lied der Seele, die die Not kennt. Aber die Seele kennt auch noch mehr. Sie kennt auch die Erfüllung, wenn sie Trost erfahren hat in der Not, Verzeihung nach erfahrenem Unrecht, Frieden nach Krieg. Dann klingt im Lied der Sehnsucht die Kraft der Liebe und der Freiheit mit!

Fürchte dich nicht! – So spricht Gott in der Heiligen Schrift immer wieder Menschen zu, die ihn sehnsuchtsvoll suchen. Hab doch keine Angst, ich könnte dich jemals vergessen! Fürchte dich nicht! – Es heißt, 366 mal könne man dieses Wort sinngemäß in der Heiligen Schrift lesen – für jeden Tag im Jahr und dann auch noch einmal für das Schaltjahr – damit auch ja kein einziger Tag ohne „Fürchte dich nicht“ bleibt. Ob das so genau stimmt, weiß ich nicht. Es reicht mir aus, zu wissen, dass Gott es mir und uns jeden Tag aufs Neue zusagt: Fürchte dich nicht! Hab keine Angst, vertrau mir. Ich bin bei dir und ich habe dich im Blick, auch wenn etwas Unerwartetes auf dich zukommt.

Kann es Tröstlicheres geben?

Musik II

Matthias: improvisiert

Eines Tages, so erzählt die Heilige Schrift, sucht Gott eine Frau aus dem kleinen Bergdorf Nazareth in Galiläa auf. Es ist Maria, eine junge Frau aus dem Volk Israel. Gott begegnet ihr in Gestalt des Engels Gabriel. Als Maria im Angesicht des Göttlichen erschrickt, heißt es beruhigend: Fürchte dich nicht. Und dann wird ihr Großes und Unerwartetes verheißen: Sie soll ein Kind empfangen, den Sohn Gottes soll sie zur Welt bringen. Wie könnte sie nicht erschrecken angesichts dieser Botschaft? Ja, sie ist zwar verlobt; aber ein Kind vor der Hochzeit und dann noch von jemand anderem als ihrem Verlobten Josef zu bekommen – das ist zunächst einmal alles andere als eine „frohe“ Botschaft! Josef hätte das Recht, sie zu verstoßen. Damit wäre sie dem Spott der Gesellschaft ausgeliefert; aber nicht nur das: Sie hätte keinerlei Absicherung. Eine Absicherung damals bestand für eine Frau in der Heirat. Welche Not muss sie also in sich gespürt haben?

Am einfachsten wäre es wohl gewesen, Maria hätte „nein“ gesagt, „das will ich nicht“, „ein Kind – ohne verheiratet zu sein?“ und „was heißt schon ‚von Gott?‘“

Aber so denkt Maria offenbar nicht. Sie sagt „Ja“ zu dem, was ihr da zugemutet wird! Maria zweifelt nicht daran, dass ihr in dieser geheimnisvollen Begegnung Gott selbst gegenübertritt. Sie glaubt ihm einfach. Sie vertraut, ohne Netz und doppelten Boden!

Ob ich das auch so könnte – wie Maria gegen alle Sicherheiten fest darauf zu vertrauen, dass Gott schon weiß, was er tut, wenn etwas derart Unerwartetes auf mich zukommt? Kann ich dann auch noch glauben, dass er das Richtige auch für mich tun wird?

Für mich ist Maria eine mutige und glaubensstarke junge Frau – und eine Frau, die ihrer Sehnsucht traut! Ich weiß nicht, wonach sie sich genau gesehnt hat, aber bestimmt nicht danach, als junges Mädchen ohne Mann schwanger zu werden. Es muss wohl eine starke Sehnsucht in ihr nach einer Begegnung mit Gott lebendig gewesen sein, eine Sehnsucht so stark, dass sie sogar „Ja“ sagen konnte zu der Zumutung einer Schwangerschaft, unter solchen Umständen!

Einzuwilligen in etwas, was mir zugetraut und zugemutet wird – ohne gleich zu wissen, wie es ausgeht. Das hat für mich etwas mit glauben zu tun – ohne gleich naiv zu sein. Anders formuliert: Maria legt die Erfüllung ihrer Sehnsucht ganz in Gottes Hand: „Es soll geschehen, wie Gott es will“.

Also: „Fürchte dich nicht!“ Im gegenseitigen Vertrauen zwischen Gott und Mensch kann Großes geschehen.

Musik: Sehnsucht heißt das alte Lied der Taiga, Refr., danach leiser drehen und hineinsprechen:

Wenn ich Alexandras Lied von der Sehnsucht höre, dann fühle ich mich an meine Kindheit erinnert, an eine heile Welt, ein gutes Zuhause. Aber ich muss auch an Menschen denken, die es wagen, ihrer Sehnsucht zu trauen wie Maria aus Nazareth es getan hat, wie der Prophet Jesaja und das Volk Israel. Und ich muss an meinen verstorbenen Vater denken, der für mich dem Lied von der Sehnsucht einen so starken Ausdruck gegeben hat.

Ich freue mich richtig darüber, dass ich durch ihn meine Sehnsucht wieder so deutlich spüren kann Sehnsucht nach Heimat und Geborgenheit, Frieden und Gerechtigkeit.

Ich spüre: dass sich etwas in mir verändert, wenn ich meiner Sehnsucht einfach Raum gebe und ihr vertraue.

Indem ich meiner Sehnsucht traue, werde ich mir sicherer, dass meine ersehnte Heimat in Gott ist, dass es ein Zuhause in ihm gibt, auch schon jetzt und hier und später.

Musik noch einmal Alexandra lauter stellen und irgendwann abdrehen.

Lebendiger, ewiger, geheimnisvoller Gott,

du kennst mein Sehnen nach Liebe und Geborgenheit.

Komm, Herr, komm und berühre mich!

Schenke mir Trost

und der Seele Frieden.

Musik III

zum Ausklang: ChamberJazz

Trauen Sie Ihrer Sehnsucht! Das wünscht Ihnen von Herzen

Ihre Anke Wolf aus Mülheim.

Copyright Vorschaubild: CCO Public Domain Pixabay

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