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Das Geistliche Wort | 09.09.2018 | 08:35 Uhr

Geistliche Zivilcourage mit Friedrich von Spee

Autorin: An der Bushaltestelle gibt es Gedränge. Ein paar Jugendliche schubsen einen der kleineren Jungs beiseite. Nur ein übliches Gerangel? Plötzlich höre ich „Lass mich, fass mich nicht an!“ und dann liegt der Junge auf dem Boden und es fließen Tränen. Hätte ich das erkennen können? Hätte ich etwas sagen sollen? Szenenwechsel: In der abendlichen Runde beim Bier fällt ein frauenfeindlicher Spruch. Als Witz kommt er scheinbar harmlos daher und schreit doch danach enttarnt zu werden. Widersprechen sollte ich und ringe nach den richtigen Worten. Doch da ist das Gespräch schon fortgeschritten – ohne mich.

Tu was! Hör nicht weg! Schau nicht weg! Mit diesen Worten wirbt das Bundesnetzwerk Zivilcourage für den 19. September als „Tag der Zivilcourage“.(1)

Einer, der in seiner Zeit couragiert hinsah und handelte, ist der Jesuit Friedrich von Spee. 1591 geboren, hat er die düsteren Wirren des Dreißigjährigen Krieges erlebt, die Pest und die Hexenprozesse. Er war geistlicher Schriftsteller, Poet, Seelsorger und erbitterter Gegner des Hexenwahns. Der Mut seines Wortes und seiner Taten machen ihn zu einem frühen Verteidiger von Menschen, besonders von Frauen und ihren Rechten. Im Klartext prangert er die Missstände in seiner Zeit an. Friedrich von Spee hat widersprochen und widerstanden. Das imponiert mir und regt mich zum Nachdenken an.

Musik 1: Canción De Cuna, Gabriel Pérez, CD: Jazz Orchester. Curuba. Jazz Kassette, LC Nr. 05764 Indigo Records.

Autorin: Guten Morgen!

Friedrich von Spee, Sohn des hohen kurkölnischen Beamten Peter Spee und seiner Frau Mechtel Dücker, genießt eine gute Erziehung. Klug und widerständig tritt er mit 19 Jahren gegen den Willen der Eltern in Trier in den Jesuitenorden ein.(2) Sein Weg führt ihn von Trier nach Fulda, wo er das erste Gelübde ablegt und sein Noviziat absolviert und dann weiter nach Würzburg ins Studium. Es ist die Pest, die manchen Ortswechsel erzwingt, Spees Lebensweg buchstäblich hin- und herwirft. (3) Eigentlich möchte er als Missionar nach Indien gehen. Doch die Wucht dieser Krankheit kommt ihm in die Quere. In der Heimat wird sein geistlicher Dienst gebraucht. Friedrich von Spee hadert mit dem Schrecken der Welt und mit Gott. Vergeblich scheint alles Irdische. 1622 verfasst er sein lyrisches Hauptwerk, die „Trutz-Nachtigall“, ein „geistlich poetisches Lustwäldlein“, aus der uns bis heute Kirchenlieder erhalten sind.

Choral / Sprecher (overvoice)

Wo bleibst du Trost, der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt? O komm, ach komm vom höchsten Saal, komm, tröst uns hier im Jammertal.

Hier leiden wir die größte Not, vor Augen steht der ewig Tod. Ach komm, führ uns mit starker Hand vom Elend zu dem Vaterland. (4)

Autorin: Friedrich von Spee leidet mit den Pestkranken, ist berührt von den Klagen der Frauen, die im Gefängnis auf ihren Prozess warten. Die große Not vor Augen, ersehnt er für sich und die Welt göttlichen Trost. Und es ist gerade diese Sehnsucht nach Gott, die ihn immer wieder zum Menschen führt.

Musik: Orgel

Autorin: Spees Weg führt ihn im Herbst 1627 nach Wesel und Köln. Hier entwirft er für die frommen Frauen, die Devotessen, geistliche Texte, die später unter dem Titel „Das Goldene Tugendbuch“ veröffentlicht werden. Es ist das erste Andachtsbuch für Frauen, in dem Spee Meditationstechniken vorstellt, die zu einem Leben mit mehr Glaube, Hoffnung und Liebe anregen sollen. Das Buch ist für den Gebrauch geschrieben, für das Leben.(5) Darum bleiben die Meditationen nicht sanft, sondern decken die täglich stattfindende Ausgrenzung seiner Zeit auf. Deutliche Worte findet Spee in den „Übungen der Liebe“:

Sprecher:

Wie, wan ich heut ein Allmusen gebe für diesen oder jenen Haußarmen. Wann ich ein lediges Häußlein hab, das ich nit brauch: warumb laß ich nit ein armes Mensch umbsonst drin wohnen?Gott gedencke ich auch an die arme gefangene; Wie lang hab ich in den Kercker nichts geschickt von essen oder trincken oder kohlen etc. (6)

Autorin: Almosen, Wohnraum teilen, Gefangene besuchen und versorgen: Friedrich von Spee lebt ein großes Engagement für die Armen- und Krankenpflege und seine Theologie entwickelt sich gegen die konfessionelle Enge seiner Zeit.

Musik: Curuba Jazz Suite. Glenn Großmann. CD: Jazz Orchester. Curuba. Jazz Kassette, LC Nr. 05764 Indigo Records.

Autorin: Der Orden versetzt Friedrich von Spee als Beichtvater und Seelsorger nach Trier. Dorthin, wo eine der ärgsten Wellen der Hexenverfolgungen wütet. In den Gefängnissen trifft er vornehmlich auf Frauen, die als Hexe denunziert wurden und keine Chance haben, lebendig aus den Prozessen heraus zu kommen. Festgelegt, ist ihr Schicksal hoffnungslos. Die Not seiner Mitmenschen, führt Spee zu klaren, provokanten Worten gegen die weltliche Obrigkeit und Vertreter der Kirche. Anonym verfasst er die „Cautio Criminalis“, eine Kampfschrift gegen die Hexenprozesse. Der volle Titel verrät, wie riskant seine Ausführungen im ausgehenden 16. Jahrhundert waren. Es sind die Worte eines Mutbürgers.

Sprecher:

Strafgerichts-Warnschrift oder Buch über die Hexenprozesse. Für die Obrigkeiten Deutschlands gegenwärtig notwendig, aber auch für Ratgeber und Beichtiger der Fürsten, für Untersuchungsführer, Richter, Advokaten, Beichtväter der Angeklagten, Prediger und andere sehr nützlich zu lesen. Von einem ungenannten Römischen Theologen. ( 7)

Autorin: In seiner Schrift argumentiert Friedrich von Spee geschickt. Er stellt den Glauben an die Existenz von Hexen nicht in Frage. Vielmehr bekämpft er die Folter. In ihr sieht er ein grausames Instrument, das der Wahrheitsfindung nicht dient.

Sprecher:

Der Prozess macht erst die Hexen.

Es ist unvorstellbar, wieviel Lügen die Angeschuldigten unter dem Zwange der Folter über sich und über andere aussprechen. Am Ende muss alles wahr sein, was der Peiniger wahr haben möchte. (8)

Autorin: Die Courage von Friedrich von Spee setzt sich aus Leidenschaft und klarem Verstand zusammen. Der Theologe schützt sich, indem er die Schrift anonym herausgibt. Taktisch klug poltert er nicht unbedacht gegen die Ungerechtigkeit, sondern argumentiert besonnen gegen die zeitgenössischen Praktiken. Wo sich Leidenschaft und Wut regen, sitzt oft der Glaube. Was hat Friedrich von Spee wohl im Innersten bewegt?

Musik: Make you feel my love. Bob Dylan / Heiner Schmitz, CD: Jazz Orchester. Curuba. Jazz Kassette, LC Nr. 05764 Indigo Records.

Autorin:

Auch Jesus von Nazareth hat einmal in den Prozess gegen eine Frau eingegriffen. Der Evangelist Johannes erzählt davon:

Sprecherin:

2 Frühmorgens aber kam Jesus wieder in den Tempel, und alles Volk kam zu ihm, und er setzte sich und lehrte sie. 3Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte und sprachen zum ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. 5Mose hat uns im Gesetz geboten solche Frauen zu steinigen. Was sagst Du? 6Das sagten sie aber, um ihn zu versuchen, auf dass sie etwas hätten, ihn zu verklagen. Aber Jesus bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde.

Autorin: Und was sagt er? Jesus wird verwickelt in einen Gerichtsprozess. Einen Prozess gegen die Frau, aber auch gegen ihn. Er sitzt in der Falle zwischen den Geboten der Tora und seiner Rede von der Liebe Gottes. Und die Frau sitzt in der Falle. Die anderen sind eine rachgierige Truppe, die Blut sehen wollen. Seines und ihres. (10)

7 Als sie ihn nun beharrlich so fragten, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. 8Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. 9Als sie das hörten, gingen sie hinaus, einer nach dem anderen, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand.10 Da richtet sich Jesus auf und sprach zu ihr: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? 11 Sie aber sprach: Niemand Herr. Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr. (9)

Autorin: Jesus schreitet ein, indem er sich auf die Erde setzt und in den Sand schreibt. Es ist, als bräuchte die Brutalität der Situation diesen Abstand, dieses Innehalten, um auf die rettende Idee zu kommen. Dann erst kann Jesus aufgerichtet und aufrichtig den wundervollen Satz sprechen: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“ Nun sind die Männer auf frischer Tat ertappt. Sie gehen weg. Einer nach dem anderen zieht sich zurück. Die Frau aber kann einen neuen Anfang wagen.

Wer weiß, vielleicht wurde auch Friedrich von Spee von diesem Geist, von diesem Mut Jesu inspiriert.

Musik: Canción de Cuna. Gabriel Pérez. CD: Jazz Orchester. Curuba. Jazz Kassette, LC Nr. 05764 Indigo Records.

Autorin: Zivilcourage zeigen, widersprechen, wenn jemand herabgewürdigt wird, einschreiten, wenn jemand bedroht ist. Das ist nicht einfach. Besonnenheit ist wichtig, wenn wir uns für andere einsetzen. Das Netzwerk für Zivilcourage hat sechs Regeln für die Kunst des Helfens formuliert, und ich spüre genau: innehalten und besonnen bleiben gehören dazu.

Sprecher:

Ich beobachte genau.

Ich hole Hilfe.

Ich halte Abstand.

Ich suche Mitstreiter.

Ich kümmere mich um Opfer.

Ich bin Zeuge.

Autorin: Tu was! Hör nicht weg! Schau nicht weg! Sagen die Initiativen für Zivilcourage. Denn zum Mut gehört auch die Zumutung. Das wir uns klar sind, wie wir am meisten erreichen für die, auf die es ankommt: die Menschen in Not. Viele Jahre nach Jesus fand der Schreiber des 2. Timotheusbriefes Worte, die das zum Ausdruck bringen:

Sprecher: Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

Autorin: Friedrich von Spee erlebt das Ende der Hexenprozesse nicht mehr. In Trier pflegt er verwundete Soldaten, steckt sich mit der Pest an und stirbt am 7. August 1635 im Alter von 44 Jahren. Doch seine Schriften gegen den Wahnsinn der Hexenverfolgung zeigten Wirkung. Sie trugen dazu bei, die Unschuldsvermutung in der Rechtssprechung durchzusetzen.

Friedrich von Spees Mut und sein Scharfsinn motivieren auch heute. Damit wir nicht wegschauen, wenn jemand verächtlich gemacht wird. Den Mut haben, etwas zu sagen, wenn über andere abfällig geredet wird. Ich fühle mich jedenfalls bestärkt hinzuschauen aus Liebe, etwas zu tun mit Kraft und besonnen für andere da zu sein.

Ihre Susanne Wolf, Pfarrerin aus Villigst.

Musik: Make you feel my love. Bob Dylan / Heiner Schmitz, CD: Jazz Orchester. Curuba. Jazz Kassette, LC Nr. 05764 Indigo Records.

Anmerkungen

(1) vgl. www.zeig-courage.de

(2) vgl. https://de. Wikipedia.org/wiki/Friedrich_Spee

(3)vgl. Eugen Drewermann, Friedrich von Spee – ein Kämpfer um die Menschlichkeit, in: Doris Brockmann, Peter Eicher (Hg.), Die politische Theologie Friedrich von Spees, München 1991, 17-48, hier 23.

(4) Evangelisches Gesangbuch der EKiR, EKvW, LipLK und ref K, 1996, Lied 7, 4+6

(5) vgl. Eugen Drewermann, aaO, 35.

(6) Friedrich Spee. Priester, Mahner und Poet (1591-1635). Eine Ausstellung der Diözesan- und Dombibliothek Köln in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Spee- Gesellschaft Düsseldorf, 11.Juni bis 9. Oktober 2008, Köln 2008, Libelli Rhenani Bd. 26, Heinz Finger (Hg.), 374.

(7) Friedrich von Spee. Cautio Criminalis oder Rechtliches Bedenken wegen der Hexenprozesse. Mit acht Kupferstichen aus der „Bilder Cautio“. Aus dem Lateinischen übertragen und eingeleitet von Joachim-Friedrich-Ritter, München 1982.

(8) vgl. Eugen Drewermann, aaO., 37.

(9) Johannesevangelium 7,53-8,11, Lutherbibel in neuer revidierter Fassung, 2017.

(10) vgl. Nico ter Linden, Es wird erzählt… Das Leben Jesu nach Lukas und Johannes, die Geschichte der Apostel und die Offenbarung. Band 6, Gütersloh 2004, 181-183.

(11) Vgl. https://zeig-courage.de/courage-informationen/die-sechs-regeln-fuer-zivilcourage/

(12) 2. Timotheus 1,7, Lutherbibel in neuer revidierter Fassung, 2017.

Bild: Gemeinfrei (wikimedia). Quelle: http://www.zeno.org/Literatur/I/speevpor

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