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Kirche in WDR 4 | 13.05.2017 | 08:55 Uhr

Gott im Abwasserkanal...

Guten Morgen,

aus einem Tunnel sind dumpfe Töne einer Klarinette zu hören. Sie kommen langsam immer näher, werden lauter und heftiger. So fing er an, der Gottesdienst an einem sehr ungewöhnlichen Ort. Mitten in Köln, unter der Erde.

„Gott im Abwasserkanal“ haben Studierende das Experiment genannt.

An historischer Statte aus dem 19. Jahrhundert, wo es muffelt und modrig-feucht ist und das Abwasser der Stadt Koln entlang fließt, - da feierten Ende April die rheinischen Studierendengemeinden einen Gottesdienst im Rahmen des Projektes „95 Gottesdienste an ungewohnlichen Orten“. Eines von vielen Projekten zum 500. Geburtstag der Reformation.

Der Gedanke: Gott ist gerade im Untergrund zu finden. Abfall, Unrat, Kot und Gestank haben etwas mit der biblischen Botschaft zu tun. Das erlebten die Gottesdienstbesucher in der Kölner Kanalisation. Dorthin gelangt man über ein paar Stufen. Ein Kronleuchter baumelt an der Decke.

Er wurde 1890 zu Ehren Kaiser Wilhelms II. dort aufgehängt. Der Kaiser sollte sich damals ein Bild vom Abwassersystem der Stadt machen.

Aber der Blick über eine halbhohe Mauer erzeugt Ekel. Neben mir fließt das Abwasser der Stadt Köln vorbei. Mit allem, was sich darin sammeln kann. Es braucht schon echte Überwindung, einen Blick zu riskieren – mitten hinein in die braune Brühe. In den Kanal, der dann weiter zum Rhein runterfließt.

Aber die Studierenden wagen sich bewusst in diese Unterwelt. An den Ort der tiefsten menschlichen Erniedrigung. Hier war auch Jesus zu finden. Er kümmerte sich um die, die ganz unten standen, verdrängt, verachtet und ausgestoßen. Die im Dreck schlafen mussten und sich von Abfällen ernährten. Deren Wunden zum Himmel stanken.

Und vielleicht ist es ja gerade das, was diesen Ort so besonders macht: Dass ich hier konfrontiert werde mit dem, was ich im Alltag gerne verdränge und unter die Oberfläche spüle.

Es ist nicht angenehm, genau hinzusehen und auszuhalten, was im Abwasserkanal so alles angeschwemmt wird. Meinem eigenen Unrat zu begegnen oder dem, was Martin Luther Sünde nannte.

Und doch ist es auch das, was zu meinem Menschsein unbedingt dazu gehört.

Ohne das ich gar nicht leben könnte.

Immerhin hatte Martin Luther auf dem „stillen Örtchen“ eine seiner besten Ideen:

Der Mensch kann sich Gottes Wohlwollen nicht durch gute Werke verdienen, sondern er bekommt sie geschenkt: allein durch den Glauben. „Diese Kunst hat mir der Heilige Geist auf dieser Cloaca auf dem Turm gegeben“, heißt es in einem Zitat. (aus: Heiko Obermann, Luther – Mensch zwischen Gott und Teufel, S. 164)

Luther erkannte: „Ich werde schuldig. Ich sündige. Und doch muss ich mir keinen Druck mehr machen, Gott ist mir gnädig.“ Die Last eines schlechten Gewissens fiel von ihm ab und befreite ihn von der quälenden Angst vor dem strafenden Gott.

„Du musst dir keinen Druck machen – Gott liebt dich mit allem was dich ausmacht.

Auch dem Dreck, der an deinen Füßen und Händen klebt.“

Bewegt und erleichtert stiegen die Besucher am Ende des Gottesdienstes wieder nach oben an die frische Luft. Im Kanon sangen sie „der Himmel geht über allen auf“ und die Töne der Klarinette verklangen in der Tiefe.

Es grüßt Sie aus Köln, Ihre Pfarrerin Christiane Neufang.

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