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katholisch

Das Geistliche Wort | 02.09.2018 | 08:35 Uhr

„Hände waschen?!“

„Vor dem Essen – Hände waschen nicht vergessen!“ Irgendwie klingt mir diese Mahnung meiner Mutter noch im Ohr, wenn wir Kinder früher nach dem Spielen von draußen reinkamen und das Essen auf dem Tisch stand. Als kleiner Junge nahm ich es mit dem Händewaschen nicht immer so genau. Heute weiß ich natürlich, dass ein Minimum an Handhygiene wichtig ist, gerade in Zeiten von Grippe und anderen ansteckenden Krankheiten. In vielen Krankenhäusern und an öffentlichen Orten gibt es Desinfektionsspender für die Hände. Irgendwie fühlt es sich auch besser an, reiner halt.

Guten Morgen!

Musik I

„Hände waschen nicht vergessen“ – Auch in den Religionen gibt es solche Reinigungsrituale. Ein gläubiger Muslim wäscht sich vor dem Gebet die Hände und auch das Gesicht, den Kopf und die Füße, Hindus kennen das Ganzkörperbad im Ganges, dem heiligen Fluss, und in der heiligen Messe wasche ich mir als katholischer Priester nach der Gabenbereitung ebenfalls die Hände. Und ich bete dazu einen Vers aus Psalm 51: „Herr, wasche ab meine Schuld, von meinen Sünden mach mich rein.“ Damit geht es jetzt nicht mehr um äußere Sauberkeit, sondern um eine innere Haltung: um die Reinheit von Sünden. Und das ist ein schwieriges Thema. Der Psalm 51 kommt aus dem Judentum und wurde in Israel, vor allem am Versöhnungstag gebetet. Hier ging es um das Verhältnis des Menschen zu Gott. Dieses Verhältnis war von Seiten der Menschen durch Sünden belastet. Deshalb musste die gute Beziehung zu Gott wiederhergestellt werden. Im alten Israel, als der Tempel in Jerusalem noch existierte, betrat daher der oberste Priester das Allerheiligste im Tempel, den Raum Gottes mit der Bundeslade und den Tafeln mit den Zehn Gebote. Er ging ganz allein, stellvertretend für das ganze Volk und besprengte die Bundeslade mit Opfertier-Blut, um so das Volk mit Gott zu versöhnen.

Dann wurde über zwei Böcke das Los geworfen. Der eine Bock wurde geopfert und über dem anderen wurden die Sünden des ganzen Volkes ausgesprochen. Dieser wahre „Sündenbock“ wurde schließlich in die Judäische Wüste getrieben und damit war das Volk seine Sünden los, für ein Jahr. Das Verhältnis zu Gott war wieder ok.

Das klingt heute alles etwas seltsam. Und doch gaben diese Rituale den Israeliten Sicherheit und Orientierung für ihr Leben vor Gott. Es war aber nicht das einzige Reinheitsgebot der Israeliten. In den 613 Geboten der Tora, des jüdischen Gesetzes, spielt die Frage nach „rein“ und „unrein“ eine bedeutende Rolle. Viele Reinheitsgebote bezogen sich zunächst auf den Jerusalemer Tempelkult, aber sie wurden teilweise auch auf das alltägliche Leben übertragen. Die Idee dahinter war die: Jeder Jude sollte zu einem „Tempel“ Gottes werden. Und um Gott zu gefallen, musste man sich alles Unreine vom Leibe halten – durch Waschungen, Gebete und durch Reinigungsopfer. Dieser religiöse „Reinigungszwang“ wurde immer größer und alltagsbestimmender: Um sich mit Gott zu versöhnen, war kein Ritual zu kompliziert. Man beobachtete einander genau, ob der andere sich auch an all die Vorschriften hielt. Religion wurde zum bloßen Ritual. Formal korrekt. Inhaltlich aber leer.

Musik II

Veräußerlichte Religiosität, formal korrekt aber inhaltlich leer, ist der Hintergrund für eine Begegnung zwischen Jesus und gesetzestreuen Juden in einem Text, der heute in allen katholischen Gottesdiensten vorgelesen wird. Der Evangelist Markus berichtet, dass Pharisäer und Schriftgelehrte sich bei Jesus aufhalten und Zeugen werden von etwas Undenkbarem:

Sprecher:

„Sie sahen, dass einige seiner Jünger ihr Brot mit unreinen, das heißt mit ungewaschenen Händen aßen.“ (Mk 7,1)

Aus Sicht gesetzestreuer Juden war das unglaublich: Was maßen sich diese Jünger um Jesus da an? Sie verstoßen gegen die Weisung Gottes! Und der Evangelist Markus erklärt seiner Gemeinde dann, warum die frommen Pharisäer wütend werden:

Sprecher:

„(Sie) essen nämlich wie alle Juden nur, wenn sie vorher mit einer Handvoll Wasser die Hände gewaschen haben, wie es die Überlieferung der Alten vorschreibt. Auch wenn sie vom Markt kommen, essen sie nicht, ohne sich vorher zu waschen. Noch viele andere überlieferte Vorschriften halten sie ein, wie das Abspülen von Bechern, Krügen und Kesseln.“ (Mk 7,2-4)

Und deshalb fragen sie Jesus direkt (Mk 7,5):

Sprecher:

„Warum halten sich deine Jünger nicht an die Überlieferung der Alten?“

Eigentlich eine berechtigter theologischer Einwand, denn Jesus stellt so ziemlich alles in Frage, woran die frommen Pharisäer ihr Leben festmachen: Gesetz, Tradition, Ritual.

Jesus spart nicht mit seiner radikalen Kritik und beschimpft die Pharisäer als „Heuchler“, die Gottes Gebot preisgeben und sich nur an alte Vorschriften halten, die nichts mehr mit dem Eigentlichen zu tun haben. Schließlich greift er zu einem Mittel, dass seine Gegner mit den eigenen Waffen schlägt. Er schmettert ihnen aus der Tradition des Volkes die Gottesworte des Propheten Jesaja entgegen (Mk 7,6):

Sprecher:

„Dieses Volk ehrt mich mit unreinen Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir.“

Ich stelle mir vor, dass die frommen Zuhörer damals alles andere als begeistert gewesen sind. Jesus sagt ihnen klipp und klar: Eure Vorstellungen von Reinheit und Unreinheit beziehen sich nur auf Äußerliches. Wie sieht es aber in eurem Innern, in eurem Herzen aus? Denn:

Sprecher:

„Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. […] Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Ausschweifung, Neid, Lästerung, Hochmut und Unvernunft. All dieses Böse kommt von innen und macht den Menschen unrein.“ (Mk 7,15.21ff.)

Jesus stellt hier die Vorstellungen seiner Zeitgenossen auf den Kopf. In einer religiösen Umwelt, in der alles darauf abzielte, Gesetze und Vorschriften einzuhalten und im Alltag alles richtig zu machen, was die Religion äußerlich vorschrieb, war das für die frommen und gesetzestreuen Pharisäer eine ungeheure Provokation! Äußere Speisen, so Jesus, können den Menschen nicht wirklich unrein machen – sie werden verdaut und wieder ausgeschieden. Und schmutzige Hände sind zwar ziemlich unappetitlich, sagen aber noch nicht sofort etwas über den Charakter ihres Besitzers. Schlimm wird es erst, wenn das Herz des Menschen unrein ist. Ein unreines Herz führt zu bösen Gedanken. Diese führen zu bösen Worten und Taten. Und diese bösen Worte und Taten vergiften die Atmosphäre zwischen Mensch und Mensch und entsprechen nicht Gottes Gebot, ihn und den Nächsten zu lieben wie sich selbst.

Musik III

Jesu Botschaft ist für mich hochaktuell, denn heute wird so viel über die äußere Erscheinung definiert. Als Lehrer fällt mir das auf: Wenn zum Beispiel Schülerinnen und Schüler in sozialen Netzwerken kommunizieren, dann geht es oft darum, möglichst perfekte Bilder von sich selbst zu posten. Da wird das Selfie mit Hilfe von entsprechenden Computer-Apps weiterbearbeitet, damit alles glatt, schön und super aussieht. Aber mit dem natürlichen Aussehen der Person hat das oft nicht mehr viel zu tun.

Heute sind es nicht die religiösen Reinigungsvorschriften, die zu beachten sind, sondern die ins Äußerliche zielenden Schönheits- und Fitnessideale. Lifestyling ist angesagt, optimiert im Fitnessstudio. Designerkleidung, statt langweiliges Outfit. Dagegen sind die alten Bußübungen in der katholischen Kirche geradezu ein Zuckerschlecken. Lieber Freitagsfasten als permanente Kontrolle des Body-mass-index; lieber richtig Wallfahten als Radfahren auf dem Hometrainer. Aber all das – ob alte Bußübungen oder neuer Fitnesskult – ersetzt nicht den inneren Menschen, so sagt Jesus! Der perfekte „Body“ garantiert noch nicht, dass darin auch ein „schönes“ Herz wohnt!

Nicht, dass Sie mich jetzt falsch verstehen: Natürlich ist es an sich noch nichts Schlechtes, auf sein Äußeres zu achten. Ich selbst gehe auch in ein Fitnessstudio, und ich versuche, auf dem Laufband und an den Geräten überflüssige Pfunde in Schach zu halten oder meinem Körper nach dem vielen Sitzen bei der Arbeit etwas Gutes zu tun. Nur möchte ich dabei nicht stehenbleiben. Das wäre wieder nur äußerlich.

Jesus lädt mich ein, genauer auf mein eigenes Herz zu achten, nicht bloß auf Blutdruck und Puls, sondern im übertragenen Sinne, auf meine Haltung, meine Einstellung, meine Zuwendung. Und so möchte ich ihn bitten:

Herr, schenke mir reine und klare Gedanken.

Schenke mir eine reine Zunge, dass ich nichts Böses über andere sage.

Lass auch meine Gefühle aufrichtig und ehrlich sein.

Und vor allem gib mir ein reines und liebendes Herz, das für dich und für die Menschen schlägt. Denn nur dann wird mein Leben schön und gut.

Musik IV

Ich wünsche Ihnen von Herzen einen guten Sonntag!

Ihr Pastor Achim Hoppe aus Paderborn.

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