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Kirche in WDR 2 | 12.10.2015 | 05:55 Uhr

Heimat

Sprecher: „Heimat ist der Geschmack des Butterbrotes, das das Kind mit in die Schule bekam; Heimat ist der Boden, in dem die Großeltern begraben liegen; Heimat ist die Sprache, ihre Tönung, ihre Melodie, die das Kind aufnahm, bevor es selbst zu sprechen begann.“

Autor: So der Naturwissenschaftler und Schriftsteller Erwin Chargaff.

Die einen verlassen ihre Heimat. Andere verteidigen sie mit Zäunen, Satellitenaufklärung und Drohnen. Die einen wissen genau, wie die Erde ihrer Heimat riecht. Andere können mit dem Begriff „Heimat“ nichts mehr anfangen. Ist Heimat dort, wo ich geboren wurde? Oder ist Heimat dort, wo ich lebe?

In den letzten Monaten spielt das Phänomen „Heimat“ eine große Rolle. Es ist überfrachtet mit Traditionen, Ideen und Gefühlen. Oft schwingt die eigene Familiengeschichte mit. Manchmal schwingt nichts mehr. Schwierig, auf einer Fete darüber zu reden.

Im Alten Testament gibt es die Geschichte einer Familie, die aufgrund einer Hungersnot ihr Heimatland Juda verlässt, um als Wirtschaftsflüchtlinge im Nachbarland Moab um Asyl zu bitten. Nach ein paar Jahren stirbt der Mann. Seine Witwe Noomi bleibt mit den beiden Söhnen allein. Diese heiraten später einheimische Frauen, sterben aber auch sehr früh. Immer noch in dem Land Moab, wo sie fremd waren und Asyl gefunden hatten. Daraufhin überlegt Noomi, zu ihrem Geburtsort zurück zu kehren, um dort zu sterben. Die jungen Schwiegertöchter erklären, sie wollten mitkommen. Noomi aber lehnt das Angebot der beiden liebevoll ab. Sie seien jung und könnten noch mal neu anfangen und zu Hause eine Familie gründen. In Juda seien sie Ausländerinnen und als junge Frauen möglichen Anfeindungen ausgeliefert.

Daraufhin bleibt die eine in Moab. Die andere mit Namen Ruth geht mit. Sie begründet diese Entscheidung mit den anrührenden Sätzen:

Sprecherin: „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch. Da möchte ich auch begraben werden.“

Autor: Eine Geschichte über Wirtschaftsflüchtlinge, Familie, Mischehe und die Frage nach Heimat. 2 ½ tausend Jahre alt und zugleich hochaktuell. In diesen alten Geschichten finden sich manchmal Lebensweisheiten, die heute Orientierung geben können. „Wie viel Heimat braucht der Mensch?“ fragt Jean Améry, und er fährt fort: „Um so mehr, je weniger er davon mit sich tragen kann“ (aus: „Wie viel Heimat braucht der Mensch“).

Vielleicht, so habe ich gedacht, ist „Heimat“ etwas, wo ich mich gut aufgehoben fühle. Manchmal ist es kein Land und nicht der Geburtsort. Weil dort Krieg herrscht oder Hunger oder eine Umweltkatastrophe. Dann können liebevolle, tragende Beziehungen für ein Gefühl von Heimat sorgen – wie bei Ruth und Noomi. Selbst dann, wenn ich weit weg bin von dem Ort, mit dem ich das geschmierte Butterbrot verbinde, oder wo meine Großeltern begraben liegen.

Die Menschen, die gerade nach Deutschland kommen und alles verlassen mussten, um zu überleben, erhoffen sich bei uns eine neue Heimat zu finden, wo sie sich sicher und aufgehoben fühlen. In diesem Sinne brauchen sie ganz viel Heimat. Vielleicht können sie dann irgendwann wie Ruth sagen: Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.

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