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Das Geistliche Wort | 13.08.2017 | 08:35 Uhr

Heimat – Nur ein Lebensgefühl?

Autor: ‚My home is my castle‘ – heißt es in der englischen Sprache, übersetzt in etwa: Mein Zuhause, das ist meine Burg. Ein Gefühl, das vermutlich fast alle kennen. Wenn ich nach einem langen Tag oder einer Reise nach Hause komme und die Türe hinter mir zumache, fühle ich mich sicher und wohl. Hier kenne ich mich aus, hier sind die Dinge, an denen ich hänge und mit denen ich mich gerne umgebe, meine Sammlung von Büchern und Schallplatten, die mich zum Teil seit meiner Kindheit begleiten und in denen ich mich stundenlang verlieren kann. Hier sind auch die Menschen nah, die ich liebe und ich kann mich ganz ungezwungen geben. Doch darüber hinaus, was macht das Zuhause zur Heimat? Und ist es möglich, ein neues Zuhause, eine neue Heimat an einem ganz anderen Ort zu finden?

Wenn ich an Heimat denke, tauchen zuerst Bilder auf, Bilder aus meiner Erinnerung: Die grünen Wiesen am Rheinufer, wo ich als Kind mit meinen Freunden gespielt habe, auf der Suche nach Abenteuern, wo wir Kartoffelfeuer gemacht haben. Das milde Licht der Sommersonne auf dem träge dahingleitenden Wasser des Flusses. Die kleinen Wälder aus Pappeln, Holunderbüschen und Brennnesseln. Darüber hin der Klang der blökenden Schafe und ein paar Kirchenglocken von Ferne. Das ist der Inbegriff von Heimat für mich. Ist Heimat also – eine Landschaft?

Sprecherin:

Bukowina II

Landschaft die mich

Erfand

wasserarmig

waldhaarig

die Heidelbeerhügel

honigschwarz

Viersprachig verbrüderte

Lieder

in entzweiter Zeit

Aufgelöst

strömen die Jahre

ans verflossene Ufer

Musik 1 – Anouar Brahem – The Lover of Beirut

Autor: Rose Ausländer, die diese Zeilen dichtete, hat ihre Heimat, die Bukowina, bereits im Alter von 15 Jahren verlassen müssen. Zunächst auf der Flucht vor der russischen Besatzung im Ersten Weltkrieg, später wurde die Familie immer wieder durch die Nazis und die um sich greifenden Judenverfolgungen vertrieben. Wie viele Menschen – damals und auch heute – hat Rose Ausländer mehrfach alles verloren, was Heimat für sie ausgemacht hat. Menschen, Dinge und auch Orte. Sie ist nie wieder zurückgekehrt in ihre Heimat und hat Zeit ihres Lebens an keinem Ort Halt gefunden. Fortan ist sie stets mit einem Tross von Koffern gereist, in denen sich ihre Habseligkeiten befanden, ein kleines Stück tragbare Heimat.

Sprecherin:

Heimatlos

Mit meinem Seidenkoffer

reise ich in die Welt

ein Land nüchtern

eins toll

die Wahl fällt mir schwer

Ich bleibe heimatlos

Autor: In der Heimatlosigkeit ist der Dichterin das Wort zur Heimat geworden, die Muttersprache, die sie mit der Landschaft der Bukowina verbunden hielt, mit ihrer Sehnsucht und dem Schmerz um Verlorenes. In unserer Sprache und in unseren Gedanken halten wir die Erinnerungen wach, die Lieder und Klänge, die uns mit der Kindheit verbinden. Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können, hat der deutsche Dichter Jean Paul gesagt.

Ich für meinen Teil kenne dieses Gefühl, dass die Landschaft, in der ich aufgewachsen bin, mich geprägt hat, mich – wie Rose Ausländer es sagt – erfand. Die Erinnerung daran prägt mein Bild von Heimat, wo auch immer ich bin. Jeder neue Ort muss sich daran messen lassen, und nicht jeder Ort besteht diese Prüfung.

Sprecherin:

Heimat III

Heimatlosigkeit

dir fremde Heimat

bleibe ich treu

Stimmen

kommen geschrieben

umarmen die Erde

halten den Himmel

schenken mir

Frühling und Schnee

Aus meiner Heimatlosigkeit

komme ich

mit meinen Worten

zu dir

fremder Freund

streue Glanzlichter

über das Dunkel

unsrer gemeinsamen Heimat

Rose Ausländer

Musik 2 – A Reminiscent Drive – Smokey Mountains

Autor: Ist Heimat also ein Ort, eine Landschaft, oder vielmehr ein Lebensgefühl, das uns mit einem bestimmten Ort verbindet, das aber genauso gut auf einen neuen Ort übergehen kann, sei es aus Notwendigkeit oder aus eigener Entscheidung?

Ich selbst verbringe mein Leben inzwischen zur Hälfte in meiner alten Heimat, dem Rheinland, und zur anderen Hälfte in Los Angeles, meiner neuen Heimat. West Hollywood ist mir inzwischen so vertraut wie kaum ein anderer Ort auf der Welt. Ich kenne die Straßen, die Gesichter der Menschen, die dort leben und arbeiten, die mir auf der Straße oder im Supermarkt begegnen. Ich bin vertraut mit Abkürzungen und Schleichwegen, weiß, wo es den besten Kaffee und die schönsten Blumen gibt, wo der Bus hält, der nach Santa Monica zum Strand fährt. Ich habe neue Gewohnheiten dort, die so ganz verschieden sind von dem, was ich aus Deutschland kenne. Manchmal denke ich, vielleicht bin ich dort auch ganz anders, ein anderer Mensch, als hier in Deutschland. Das ist auch ein merkwürdiger Gedanke und ich frage mich, wie weit sind wir in unserer Persönlichkeit geprägt von unserer Umgebung. Und wie weit sind wir fähig, uns zu wandeln, anzupassen, Veränderungen zuzulassen.

Für mich war fortzugehen ein selbst gewählter Schritt, der mich aber oft vor die Frage stellt: Heimat – ist das nur ein Ort, ein Lebensgefühl, oder steckt mehr dahinter? Wo fühle ich mich im Innersten geborgen und aufgehoben? Wo werde ich angenommen, so wie ich bin, mit alldem, was mich ausmacht?

Ich kenne das Leben aus dem Gepäck, den Wechsel zwischen flüchtigen Orten und das Gefühl, überall zugleich, - aber nirgendwo so ganz und gar angekommen zu sein. Das ist manchmal ganz schön ermüdend. Und bei all den spannenden Erlebnissen und Begegnungen kann das auch beängstigend sein. Wo geht mein Leben hin? Verliere ich mich selbst? Wo finde ich einen festen Grund, auf den ich meine Füße stellen kann?

Musik 4 – Anouar Brahem – The Lover of Beirut

Sprecherin:

Ziehende Landschaft

Man muss weggehen können

und doch sein wie ein Baum:

als bliebe die Wurzel im Boden,

als zöge die Landschaft und wir ständen fest.

Man muss den Atem anhalten,

bis der Wind nachlässt

und die fremde Luft um uns zu kreisen beginnt,

bis das Spiel von Licht und Schatten,

von Grün und Blau,

die alten Muster zeigt

und wir zuhause sind,

wo es auch sei,

und niederknien können und uns anlehnen,

als sei es an das Grab

unserer Mutter.

Hilde Domin

Autor: ‚Als bliebe die Wurzel im Boden…‘ - Die Bibel kennt viele Geschichten von Heimat und Ankommen, auch solche von verlorener Heimat. Einzelne Personen, Familien aber auch ganze Völker erscheinen vor diesem Hintergrund, sind gezwungen, ihre Heimat aufzugeben oder gehen aus eigenen Beweggründen in die Fremde. Beziehungen werden abgebrochen, vertraute Städte werden verlassen, Häuser zerstört. Eine Erfahrung, die im Augenblick viele Menschen machen, die zu uns nach Europa kommen, um Schutz und Sicherheit zu finden. Aber wo, in welchem Boden bleiben die Wurzeln, die Kraft und Halt geben?

Eine einfache und unmissverständliche Antwort darauf findet sich im 31. Psalm in der Bibel:

Sprecherin:

Herr, auf Dich traue ich,

lass mich nimmermehr zuschanden werden;

errette mich durch Deine Gerechtigkeit!

Neige Deine Ohren zu mir, hilf mir eilends!

Sei mir ein starker Fels

Und eine Burg, dass Du mir helfest!

Denn Du bist mein Fels und meine Burg

Und um Deines Namens Willen wollest Du mich leiten und führen.

Autor: ‚Denn Du bist mein Fels und meine Burg‘ – Was für ein kraftvolles Bild! In Gott bin ich zuhause, er ist meine Heimat, wenn ich an einem fremden Ort bin. Er kennt sich mit mir aus, wenn ich mich nicht mehr auskenne und hört mir zu. Er spricht meine Sprache, wenn ich die Schilder und Zeichen um mich herum nicht verstehe. Er ist mein letzter Grund, wenn mir der Boden unter meinen Füßen schwindet. Ich kann nicht verloren gehen, wohin auch immer ich mich wende, denn in ihm bin ich geborgen, wie in einer sicheren Burg die mich schützt und beherbergt. Ein fremder Ort kann mir zur Heimat werden, wenn ich darauf vertraue, dass ich bei Gott zuhause und angenommen bin. Er ist mein Halt.

‚Ich freue mich und bin fröhlich über Deine Güte‘, heißt es im Psalm weiter, ‚dass Du mein Elend ansiehst und nimmst Dich meiner an in Not und übergibst mich nicht in die Hände des Feindes; Du stellst meine Füße auf weiten Raum‘

Wenn ich auf Gott vertraue und mir gewiss bin, wohin auch immer ich gehe ist er schon da, wird mir die Welt zu einem weiten Raum, einem weiten Feld der offenen Möglichkeiten.

‚Bauet Häuser und wohnt darin, pflanzt Gärten und esst ihre Früchte‘, sagt der Prophet Jeremia zu den Israeliten im Babylonischen Exil. ‚Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen.‘ Ein kühnes Wort für Menschen, die gerade noch bitterlich um den Verlust ihrer Heimat geweint haben. Ist es möglich, in einer solchen Situation eine neue Heimat zu entdecken? Neue Gewohnheiten zu finden und Beziehungen mit bislang fremden Menschen einzugehen?

Musik 5 – A Reminiscent Drive – Smokey Mountains

Autor: Das was war und was vielleicht unwiederbringlich verloren ist wertschätzen und ‚lieben können, ohne zu besitzen. Nicht zu hadern. Nicht im Gestern gefangen bleiben, sondern den Blick im Vertrauen auf Gottes Fügung nach vorne richten, das ist eine Kunst, und das öffnet neue Tore. Ich bin sicher, das Land dahinter ist hell und weit. Vertraut den neuen Wegen! Das bedeutet nicht, die alten Erinnerungen und Vertrautheiten einfach zu ersetzen. Ich ergänze sie und erweitere sie durch neue Facetten. Die Orte der Kindheit, der Vergangenheit, der alten Heimat bleiben dabei eine Quelle der Kraft, auch wenn ich neue Wurzeln schlage an ganz anderen, fernen Orten.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag, wo immer sie auch sein mögen, zuhause oder an einem neuen, fremden Ort.

Ihr Oliver Metz, von der Kirchengemeinde Mönchengladbach-Rheydt, zurzeit wieder in West Hollywood, Los Angeles.

Musik 6 – bis auf Schluss 15‘30‘‘

Literaturangaben:

Rose Ausländer: Bukowina II

In: Gedichte, S. 17

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2001

Rose Ausländer: Heimatlos

s.o., S. 68

Rose Ausländer: Heimat III

s.o., S. 46

Hilde Domin: Ziehende Landschaft

In: Sämtliche Gedichte, S. 10

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011

Psalm 31, Vers 1-4 und 8f

Jeremia 29,5

Musikangaben:

Musik 1 und 3:

Titel: The Lover of Beirut

Interpret: Anouar Brahem

Album: The Astounding Eyes of Rita, Track 1

Komponist: Anouar Brahem

Texter: gibt es nicht

Verlag unbekannt

Label: ECM

Label Code: 02516

Verwendete Zeit zusammen – 3’39’’

Musik 2 und 4:

Titel: Smokey Mountains

Interpret: A Reminiscent Drive

Album: Ambrosia, Track 13

Komponist: Jay Alansky

Texter: gibt es nicht

Verlag: unbekannt

Label: F Communication

Label Code: 01347

Verwendete Zeit, zusammen bis Ende Text – 3’20’’

Verwendete Zeit, zusammen bis Ende 15’30‘‘ - 6‘34‘‘

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