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Das Geistliche Wort | 11.03.2018 | 08:35 Uhr

Ich kann nicht ganz tief fallen

Musik 1: als Musikbett, von der DVD Samuel Harfst und Samuel Koch,

Autorin 1: Das Leben ist plötzlich anders – von jetzt auf gleich. Gründe dafür kann es viele geben. Der Partner ist durchgebrannt mit der besten Freundin, das Kind konsumiert illegale Drogen, die Ehefrau hat sich verliebt in den Nachbarn – ausgerechnet in diesen Spießer. Oder: Jetzt ist es endgültig – die Diagnose des Arztes ist klar – es sieht schlecht aus. Der Himmel verfinstert sich – von jetzt auf gleich – es haut einen sprichwörtlich um. Man ist am Boden. Das Leben – wird man es jemals wieder in den Griff kriegen? Diese Frage hat sich auch Samuel Koch gestellt. Seit seinem Unfall bei Wetten, dass … ist er Tetraplegiker, hoch gelähmt. Und glaubt trotzdem noch an Gott. Vielleicht mehr denn je:

O-Ton 1: Weil ich gerade in den ekelhaftesten Zeiten gemerkt habe, dass es nicht nur ein Sahnehäubchen ist, sondern dass mein Glaube auch zu einer lebenserhaltenden Maßnahme geworden ist.

Autorin 2: Ich bin sehr beeindruckt davon, wie der Schauspieler sich zurück ins Leben gekämpft hat und jeden Tag aufs Neue kämpfen muss.

O-Ton 2: Wenn ich eine statistische Erhebung machen wollen würde, dann wäre die Frage: Was gibt dir Kraft oder wie schaffst Du das bloß, diejenige, die mir wohl mit am meisten gestellt worden ist.

Autorin 3: Genau das ist auch mein Thema heute: Woher nehme ich die Kraft? Eine Frage für Behinderte und anders Behinderte – für alle, die heute Mut und Ermutigung brauchen.

Musik 2: aus: Keith Jarrett, Köln Konzert Part I, Länge: 1.06 min, erst frei dann als Musikbett

Autorin 4: Ich besuche Samuel Koch bei einer Theaterprobe im Staatstheater Darmstadt. Die Probe ist vorbei. Hinter seinem Rollstuhl das Heizöfchen. Er darf sich auf keinen Fall erkälten. Eigentlich hat Samuel Koch keine Lust auf diese Frage, woher er die Kraft nimmt. Er habe sie in seinem Buch ausführlich beantwortet, sagt er. Und ruft seinen Pfleger. Der kommt und hält ihm ein Glas mit Strohhalm hin. Er hilft ihm beim Trinken und beim Abhusten.

2010 hatte Samuel Koch versucht, hintereinander über fünf fahrende Autos zu springen. Ein Sprung missglückte. Millionen haben es an den Bildschirmen verfolgt. Viele erinnern sich noch genau an diesen Tag. Was folgte waren drei Monate Intensivstation – da ging gar nichts – sein Kopf war mit einem Halofixeur fest verschraubt.

O-Ton 3: In Situationen, in denen ich mich – trotzdem dass Familie und Freunde an meinem Krankenbett standen, trotzdem allein und irgendwie einsam gefühlt habe, eine Gewissheit zu haben, dass ich nicht ganz tief fallen kann, dass da doch noch was ist, was mich trägt und hält.

Autorin 5: Der Glaube an Gott – er hat ihn getragen und doch: Manchmal gab es ihn auch: den Zweifel.

O-Ton 4: … natürlich habe ich - wie in jeder gesunden Beziehung - auch viel reflektiert und durchaus auch gezweifelt, gehadert.

Autorin 6: Und wie hat er seine Zweifel überwunden und zurück gefunden zu Gott? Gemerkt: Es gibt ihn doch? Es waren mehrere Ereignisse, sagt Samuel Koch. Als er in die Reha kam zum Beispiel, da habe man ihm den Schlauch aus der Luftröhre gezogen, und auf den Balkon geschoben. Es sei überwältigend gewesen, endlich wieder selbstständig zu atmen. Die feuchten Luftpartikelchen in den Atemwegen zu spüren, auf den Sempracher See zu blicken, im Hintergrund die Schnee bedeckten Berge.

O-Ton 5: Das klingt alles furchtbar kitschig und poetisch aber irgendwie wurde ich in diesem Moment – und ich kann es gar nicht richtig beschrieben warum - total froh und dankbar so von innen heraus. Zum ersten Mal, dass ich doch leben darf, dass ich das alles sehen darf, dass ich so atmen darf, und dankbar doch um die Familie und Freunde, die auf meinem Besuchsplan standen und die eigentlich tollen Therapeuten und Ärzte und Pfleger, die um mich herum waren und für den Moment. heute mit so einem altmodischen Wort wie selig bezeichnen. Und wie gesagt vielleicht eine von verschiedenen Anekdoten, die mich haben die Zweifel kleiner werden lassen.

Autorin: Die Zweifel an Gott und am Leben.

Musik 3: aus Keith Jarrett Köln Konzert, Part I,

O-Ton 6: Was haben Sie? Müssen Sie immer gleich so unfreundlich sein? Sollte man bevor man sich erregt, den anderen nicht erst hören?

Autorin: Samuel Koch ist heute Schauspieler am Staatstheater in Darmstadt – im Moment spielt er den Menschenfeind von Moliere.

O-Ton 7: Musik aus der Probe: Samuel Koch singt

Autorin: Das Schauspielstudium hatte er vor seinem Unfall begonnen und – nach einem Jahr Reha – fortgesetzt. Obwohl es zunächst hieß:

O-Ton 8: Wir arbeiten hier nur professionell , nicht mit Behinderten, das geht nicht, das der hier studiert, dass ich gesagt habe, das will ich mal sehen, das will ich mal probieren, und ist dann eben doch gegangen

Autorin: Und bei der Frage, was ihm nach wie vor Kraft gibt, spielt sein Beruf natürlich auch eine große und wichtige Rolle.

O-Ton 9: Der Zusatz nach wie vor Kraft ist natürlich berechtigt, weil das Kraft schöpfen für Dinge, für die man Kraft braucht, ein immer währender Prozess ist, in meinem Fall, jetzt sitzen wir hier im Theater auf der Probebühne, ist es mit ein Punkt eine Beschäftigung zu haben, Kollegen zu haben, eine Aufgabe zu haben, nützlich sein zu dürfen.

Musik 4: Keith Jarrett, Köln Konzert, Part 1, Länge: 0.32min

Autorin: Auf den Satz: „Das geht nicht“, reagiert Samuel Koch allergisch. Zu oft bekommt er ihn zu hören – eigentlich täglich. Und dann sagt er eben auch ganz oft: Das will ich erst mal sehen. So hat er es geschafft, Schauspieler zu werden, hat in Afrika eine Safari gemacht, ist in Ägypten Quad gefahren, hat geheiratet und möchte irgendwann Kinder.

„Das geht nicht“ – es lohnt sich, diesen Satz aus dem eigenen Leben zu streichen. Es erst mal zu versuchen, das Unmögliche möglich zu machen. Das Mögliche zu machen – geht dann immer noch. Ich kenne niemanden, der mir das eindrücklicher vor Augen führt. Und er tut dies mit Gottes Hilfe:

O-Ton 10: Ich hatte gerade nur die Intensivstationszeit hinter mir und war – wie man sich vorstellen kann – extrem frustriert – und hatte auch ziemlich Schmerzen und auch keinen Plan mehr und gerade in dieser gefühlt „mit dem Rücken zur Wand Situation“ da war es für mich die logischste Konsequenz, mich an einen Gott zu wenden und das hab ich gemacht

Autorin: „Denen, die Gott lieben, dienen alle Dinge zum Besten“, heißt es im Römerbrief (8,28). Ein Satz, der Samuel Koch am Herzen liegt.

O-Ton 11: Auch wenn ich das nicht immer verstehe, zumindest die Hoffnung zu haben, dass mir alles schon zum Besten dient. Das trägt mich oft. So sind Hoffnungen meist ein bisschen was Unkonkretes, aber auch etwas, was Kraft gibt und auch freudig stimmen kann.

Musik 5: aus der DVD Harfst/Koch

Autorin: Samuel Koch ist oft mit seinen Büchern auf Tournee. Er liest dann vor, sein Freund Samuel Harfst begleitet ihn musikalisch.

O-Ton 12: Konzertlesung: Klaviermusik und Lesung

DVD: Dadurch, dass ich nicht mehr so viel zu verlieren hatte, fiel es mir leichter, in Anführungszeichen „die Führung abzugeben“. Wenn der DVD Player kaputt ist, gehe ich zu Saturn und sage: Repariert das mal. Und so bin ich zu dem Hersteller des Rückenmarks gerannt und hab gesagt: Reparier das mal. Die Garantie ist noch nicht abgelaufen. Für mich ist es fast leichter, meinen Glauben jetzt zu leben als vorher.

Autorin: Er füllt ganze Kirchen bis auf den letzten Platz, in den Gängen stehen dicht gedrängt die Rollstühle. Er fährt auf die Bühne – wortlos – bis an den Rand und ein wenig darüber hinaus – allen stockt der Atem – dann ein befreites Lachen.

Musik 6: Keith Jarrett, Köln Konzert, Part 1, Länge: 0.32

Autorin: Sein Programm ist unterhaltsam, nachdenklich, humorvoll. So wie er selbst. Die Begeisterung im Publikum schier grenzenlos. Nach der Vorstellung kommt er ins Publikum – und spricht zuerst mit den Rollstuhlfahrern. Man ist unter sich.

Die anderen müssen warten mit ihren Geschenken – die sie ihm entgegen strecken und die er nicht greifen kann. Sie reden auf ihn ein – dann wenn sie endlich dran sind. Er beäugt sie kritisch. Es gibt bei ihm immer diesen Vorbehalt. Was wollen die jetzt eigentlich? Will ich das auch? Und wenn er es will, wird es intensiv. So wie in seinem jüngsten Kinofilm „Draußen vor meinem Kopf“, der Ende April in die Kinos kommt. Für die Hauptrolle hat er gerade einen Preis bekommen, als bester Nachwuchs-Schauspieler. Samuel Koch spielt den 28-jährigen Sven, der an Muskeldystrophie leidet. Er liegt ausgestreckt im Bett und macht unfreiwillig Bekanntschaft mit Christoph Neumann:

O-Ton 13:

S.K. Lieber Christoph, wieso bist Du eigentlich hier?

C.N. Ich mache mein Freiwilliges Soziales Jahr

S.K. Wirklich? Und warum?

C.N. Weil ich dir helfen möchte.

S.K. Ich brauche keine Hilfe. Verstehst du jetzt nicht, stimmt`s?

C.N. Aber du bist doch krank.

S.K. Ich hab ne Krankheit, aber ich bin nicht krank. Das ist ein Unterschied.

C.N. Aha.

S.K. Ich werde der Heimleitung mittteilen, dass ich deine freiwillige Hilfe nicht benötige. Ich komme gut allein zurecht.

C.N. Aber du kannst dich doch gar nicht bewegen.

S.K. Und wie ich das kann. Du siehst das nur nicht. Vielleicht bist du ja blind.

C.N. Lass uns doch erst mal kennenlernen.

S.K. Wenn ich gesund wäre, würde ich dich `nen Scheißdreck interessieren. So einer wie du und ich würden sich im normalen Leben garantiert nicht über den Weg laufen.

Autorin: Wer kennt sie nicht – die Helfer, die man nicht haben will, die Männer und Frauen, die sich aufdrängen – warum auch immer – weil sie auch mal wichtig sein wollen oder weil sie einfach verdammt neugierig sind. Mich beeindruckt, wie Samuel Koch es auf den Punkt bringt. Nicht nur im Kino, sondern auch im normalen Leben. Da kann er auch gestandene Moderatorinnen schon mal abblitzen lassen. Man darf sie also zurückweisen, die Neugierigen und übermotivierten Helfer, Besserwisser und Nervensägen. Ich finde das wichtig. In der Psychologie heißt das Selbstfürsorge, in der Theologie Selbstliebe. Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst, sagt Jesus. Abblitzen lassen kann man auch mal den Pfarrer. So wie in dem Film „Draußen vor meinem Kopf“.

O-Ton 14: Ausschnitt aus dem Film: Draußen vor meinem Kopf

Pfarrer: Sven, wenn du reden möchtest, werde ich für dich da sein. Es ist wichtig, dass Du das weißt. Wir können auch einfach nur zusammen schweigen.

O-Ton14: laute Musik (Teil des O-Tons)

Autorin: Christoph Neumann, der sein soziales Jahr bei dem kranken Jan macht, dreht die Musik voll auf, tanzt wie ein Wilder, der Pfarrer flüchtet. Die beiden, Christoph und Jan, werden nun – wie sollte es anders sein – doch noch beste Freunde und machen allerlei wilde Sachen.

Das Unmögliche versuchen - mit Gottes Hilfe – das kann man bei Samuel Koch lernen. Sich nicht abbringen zu lassen von dem, was man wirklich will. Menschen, die einen nerven, links liegen zu lassen. Und den Humor nicht zu verlieren. Trotz allem und allem zum Trotz.

O-Ton 15: Aus meiner heutigen Sicht gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder mein Zustand verbessert sich soweit, dass ich damit leben kann oder ich lerne meine Situation so anzunehmen, wie sie ist. Beides ist noch nicht eingetreten. Aber dies ist nur das letzte Kapitel des Buches nicht meines Lebens. Es ist aber der Glaube – eine feste Zuversicht auf das, was man hofft und ein Nicht Zweifeln an dem, was man nicht sieht.

Autorin: Voller Zuversicht hoffen und erhaben sein über den Zweifel an dem, was man nicht sieht. In diesem Sinne wünsche ich auch Ihnen viel Kraft, um das Schwere zu ertragen, das Sie persönlich belastet.

Ihre Sabine Steinwender-Schnitzius, Rundfunkpastorin aus Wuppertal.

Musik 8: John Coltrane, Coltrane for Lovers, Länge 2.12 min

Musikangaben:

Musik 2, Musik 3, Musik 4, Musik 6

CD-Name: The Köln Concert

Titel: Part I

Track-Nr.: Part 1

Interpret: Keith Jarrett

Komponist: Keith Jarrett

Texter: xxx

Verlag: ECM Production

Label: ECM Records

LC-Nr. LC 2516

Best. Nr. 810 067-2

Musik 1,Musik 5 und Musik 7 (unter O-Ton von Koch)

CD-Name: Samuel Harfst und Samuel Koch

Titel: Kapitel 1

Track-Nr.: 1

Interpret: Samuel Harfst

Komponist: Samuel Harfst

Texter: Samuel Harfst

Verlag: adeo, Gerth Medien GmbH

Label: Raketen Records

LC-Nr. 19912

Best. Nr. 835 000

Musik 8: (Schlussmusik)

CD-Name: Coltrane für Lovers

Titel: My one and only love

Track-Nr.: 1

Interpret: John Coltrane, Duke Ellington, Mc Coy Tyner

Komponist: John Coltrane

Texter: xxx

Verlag: ECM Production

Label: ECM Records

LC-Nr. 00383

Best. Nr. 549 361-2

Literatur: Samuel Koch, Rolle vorwärts – Das Leben geht weiter, als man denkt

Adeo Verlag, 2015

DVD: Samuel Harfst und Samuel Koch, Konzertlesung, Adeo Verlag 2013

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