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Kirche in WDR 5 | 17.02.2017 | 06:55 Uhr

Keine Macht dem Teufel

Das Zitat: „Ich habe den Teufel mit Tinte vertrieben.“ (3)

Autor: Mal Fettwanst, mal Asket. Mal in Rage, mal Laute spielend im Kreis seiner Familie. Mal einsam auf dem Turm der Wartburg, mal Einzug in Worms auf einem Wagen umringt von Menschenmassen. Kaum einer eignet sich so als Comic-Figur wie Martin Luther. Und so ist pünktlich zum Jubiläum der Reformation eine „graphic novel“, ein Comicroman über sein Leben erschienen (1). Zwei junge italienische Künstler haben sie gemeinsam gestaltet. Andrea Grosso Ciponte – Computerzeichner - hat die Bilder gemalt und Dacia Palmerino – Schriftstellerin - hat die Texte geliefert. Die beiden Künstler haben sich bei ihrer Arbeit von Theologen fachlich beraten lassen. Gut so. Dazu die Berliner Reformationsforscherin Dorothea Wendebourg:

Sprecherin: Die Wartburgszene ist der absolute Höhepunkt dieses Buchs. Wie zunächst einmal dieser Mann Martin Luther nach dem Hype, der um ihn gemacht wurde, (…) von einem Tag auf den anderen rausgerissen wird, verschleppt auf die Wartburg, mehr oder weniger in Einzelhaft genommen wird... (2)

Autor: Natürlich lässt sich ein Comicroman, der ja vor allem von Bildern lebt, gerade bei der Wartburgszene den Wurf mit dem Tintenfass nicht entgehen. Dazu ist diese Szene viel zu volkstümlich, dramatisch und anschaulich. Luther am Schreibtisch soll ja das Tintenfass auf den Teufel geschmissen haben, um ihn zu vertreiben und in Ruhe weiter arbeiten zu können.

Aber eine ästhetisch anspruchsvolle „graphic novel“, die auch theologisch up to date sein will, muss deutlich machen: Bei dem angeblichen Tintenfasswurf handelt es sich leider um eine Legende. Und zwar um eine Legende, die Luther erst lange nach seinem Tod angedichtet wurde. Wahrscheinlich ist die Story entstanden aus einem coolen Luther–Spruch bei Tisch: „Ich habe den Teufel mit Tinte vertrieben.“ (3) Gemeint ist: Ich habe den Teufel mit meinen Schriften vertrieben. Von einem Tintenfass als Wurfgeschoss war dabei nie die Rede. Aber das Bild vom Teufel und der Tinte schreit ja förmlich danach, inszeniert zu werden.

Wie aber kann der Comicroman diese schönen Bilder der Legende nutzen und doch bei der Wahrheit bleiben? Es gelingt den Autoren mit graphischen Mitteln, an denen auch die Reformationsforscherin Dorothea Wendebourg ihre Freude hat. Sie sagt von den Bildern mit Luther auf der Wartburg:

Sprecherin: Dieser ganze Spannungsbogen von der Vereinsamung über das Verrücktwerden, das Fettwerden, das Vergammeln, das Nicht-mehr-weiter-wissen, bis hin zur Befreiung durch das Wort Gottes – das ist genial. (2)

Autor: Die Wände in Luther's Arbeitszimmer - vor dem Wurf mit dem Tintenfass noch fast kahl – werden im Comic von Bild zu Bild immer mehr mit Blättern „tapeziert“. Blätter, auf die Luther seine Übersetzung der Bibel ins Deutsche geschrieben hat. Anhand dieser riesen Fleißarbeit kann man sehen: Ah ja, der Arbeitseifer Luther's ist wiedererwacht. Und auch der hässliche Tintenfleck verschwindet ganz einfach unter den vielen beschriebenen Zetteln. Will heißen: Für den Teufel ist kein Platz mehr an der Wand. Und Luther kann hier mit Recht sagen: „Ich habe den Teufel mit Tinte vertrieben.“ – Ich habe ihn mit meinem Geschriebenen bekämpft.

Einen guten Tag wünscht, Pfarrer Henning Theurich aus Bonn.

( 1) Andrea Grosso Ciponte: Martin Luther. Text von Dacia Palmerino. Graphic Novel. Aus dem Italienischen von Nicoletta Giacon (edition faust), Ffm. 2016.

( 2) Andrea Heinze: Vom Hipster zum Fettwanst. Martin Luther als Comic–Held?

http://www.deutschlandfunk.de/comic-ueber-martin-luther-vom-hipster-zum-fettwanst.886.de.html?dram:article_id=373537

( 3) „Ich habe den Teufel mit Tinte vertrieben.“ – in: Luther, Tischreden? Konnte vom Autor leider (noch) nicht verifiziert werden. Vielleicht verhält es sich hier ähnlich dem Luther (nur) zugeschriebenen Spruch vom „Apfelbäumchen pflanzen“, das – soviel ich weiß – bis heute bei ihm nicht verifiziert werden konnte. Gleichwohl ist es kongenial zu Luther.

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