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katholisch

Kirche in WDR 3 | 25.03.2017 | 07:50 Uhr

Loslassen

Guten Morgen,

vor einiger Zeit bin ich auf die Bücher des frühchristlichen Autors Cassian gestoßen. Keine Angst – es erwartet Sie jetzt am frühen Morgen keine hohe Theologie, für die Sie ein Fremdwörter-Lexikon brauchen. Cassian erzählt sehr bodenständig vom Leben der frühen Wüstenmönche. Die Männer und auch einige wenige Frauen haben sich ab dem 3. Jahrhundert in die Wüsten Ägyptens zurückgezogen, um sich dort von allem zu lösen, was sie vom Gespräch mit Gott ablenken könnte. Und es ist wirklich bewundernswert, unter welchen bescheidenen Umständen sie es dort aushielten. Das Dschungelcamp von heute ist eine Luxusherberge dagegen. Sie lebten in Höhlen und fasteten oft wochenlang.

Aber bevor sich allzu große Bewunderung breitmachen kann, holt uns Cassian schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. Mit viel Humor beschreibt er, wie gerade die, die oft ihren ganzen Besitz zurückgelassen haben, in die Falle des Besitzenwollens tappen. Er erzählt von einem Mönch, der eine einfache Nadel und einen Faden hütete wie einen Goldschatz. Eifersüchtig wachte er über sein Nähzeug. Diejenigen, die Macht und Karriere verließen, tappten also doch wieder in die gleiche Falle – nur richtete sich ihr Ehrgeiz jetzt nicht mehr auf Ämter und politischem Einfluss, sondern darauf, noch asketischer und armseliger zu leben als alle anderen. Die anderen Wüstenmönche sollten sie dafür bewundern.

Sie haben äußerlich alles verlassen, aber in ihrem spärlichen Gepäck haben sie doch unbemerkt mitgenommen, was uns Menschen allzu schnell bindet und unfrei macht, der Wunsch, die anderen in den Schatten zu stellen. Im Grund konnten sie doch nicht loslassen, sondern hielten fest an ihrem Stolz.

Ich denke, Cassian will mit diesen kleinen Anekdoten aus der Wüste deutlich machen, dass es vor allem die innere Haltung ist, die frei oder unfrei macht. Nicht die äußeren Umstände entscheiden, wie nahe wir Gott und unserem Nächsten sind. Es ist eine Frage der Haltung, die uns den Weg zu beiden versperrt.

Wenn der amerikanische Präsident Trump ständig die Formel „America First“ wiederholt, dann kommt darin genau die Haltung zum Ausdruck, vor der Cassian warnen möchte. Durch diesen Egoismus und diese Engherzigkeit wird Amerika nicht schöner und größer, sondern unfrei und klein.

Auch hierzulande gibt es die, die uns sagen: „Haltet fest, was wir haben und sind, indem ihr die fernhaltet, die zu uns gekommen sind und anders sind als wir.“ Wenn wir denen folgen, dann werden wir mehr und mehr verlieren, was uns wirklich reich macht: Mitmenschlichkeit, die Bereitschaft einander zu helfen und die Gemeinschaft, in der der Stärkere dem Schwächeren beisteht.

Loslassen um zu geben, erfordert Mut. Auf eine Größe zu bauen, die andere nicht klein macht, lässt uns manchmal schwach erscheinen, aber sie lässt allen Raum.

Diesen Mut und diese innere Freiheit wünsche ich den Mächtigen dieser Welt und Ihnen und mir.

Aus Münster grüßt Sie herzlich Domvikar Jochen Reidegeld

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