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Das Geistliche Wort | 16.07.2017 | 08:35 Uhr

Luther - Bilder einer Ausstellung

Können Sie noch? Ich meine: Können Sie überhaupt noch etwas von Luther, Martin Luther hören? Da brachten mir doch Freunde neulich aus Wittenberg ein kleines Tintenfass mit Nussnougatcrème mit. Lutherschmaus stand drauf. Luther-Socken, Luther-Bier, eine Playmobilfigur... kann man alles haben. Sicher, es gibt auch ernsthafte Diskussionen über das Werk dieses großen Reformators, Fernsehfilme, Dokumentationen, dazu Feste und Konzerte, zuletzt einen gewaltigen Festgottesdienst zum Abschluss des Evangelischen Kirchentags auf den Elbwiesen seiner Stadt Wittenberg. Dennoch: Im Verlauf des Jubiläumsjahres – 500 Jahre Reformation – stelle ich mir zunehmend die Frage: Passiert da nicht ein Luther-Overkill, der am Ende das Gegenteil von dem erreicht, was er eigentlich vorhatte: Statt Achtung und Auseinandersetzung eher müdes Abwinken und Desinteresse?

Musik (1)

Alemanda (Anonim) For Sixteen Century Lute

Martin Luther im Jubiläumsjahr - mal wird er verherrlicht, mal verkleinert. Hätten Sie dennoch an diesem Morgen Lust, diesem bedeutsamen Menschen zu folgen? Vielleicht auf eine etwas andere, ungewohnte Art? Stellen Sie sich also vor, wenn Sie denn noch können, ich würde Sie jetzt bei der Hand nehmen, nachdem wir vor dem Haupteingang des Museums noch einen Parkplatz gefunden haben. Ich lade Sie ein, mit mir die Treppenstufen hoch zu gehen, und das Eintrittsticket zahle ich Ihnen auch noch. Sie dürfen selber wählen, ob Sie jetzt einen hohen Ausstellungsraum im Renaissancestil vor sich sehen mögen oder eine ganz moderne Kunsthalle. Hauptsache, Sie nehmen sich jetzt ein wenig Zeit, mit mir als Ihrem Audioguide die Gänge entlang zu schlendern - in einem imaginären Museum.

Musik (2)

Bilder einer Ausstellung: Promenade I;

Ich möchte Sie mitnehmen in die Ausstellung „Lutherbilder aus fünf Jahrhunderten“. Wir sehen, wie sich 500 Jahre lang Künstler ein Bild von ihm, Martin Luther, machten, malten, hämmerten, meißelten, zauberten, schufen. Ich möchte Ihnen einige Werke sprachlich und klanglich vor Augen stellen. Was haben all diese Skizzen und Bilder heute noch mit uns zu tun, mit unserem Glauben, unseren Lebensentscheidungen, mit Ihnen und mit mir? Wirklich schön also, wenn Sie doch noch können und mit mir mitgehen. Kommen Sie?

Musik (3)

Tantum Ergo; Canto Gregoriano; CD: New Age - Serenity and Tranquility

Bild 1: Da war er noch ganz hager. Es ist das erste authentische Porträt von Martin Luther. 37 Jahre alt war er da. Und wer war es wohl, der ihn schon damals in Kupfer gestochen hatte? Richtig, Lucas Cranach, Freund, künstlerischer Kommentator und malender Kolumnist zur richtigen Zeit am rechten Ort. Voller Spannung, voller Unruhe ist diese Darstellung. Es zeigt das Bild eines Asketen und Denkers, von einem also, der etwas erkannt hat, das er nie wieder loslassen wird. Wach und kämpferisch sieht er aus. Deshalb auch sein völlig aufmerksamer Blick. Auf uns. 1520 war das. Und nun frage ich bei all der Lutherkirmes landauf, landab, ob nicht gerade die Tiefe dieses Bildes zentral sein müsste: Ein Mensch, der unendlich lange gesucht, gegraben, geforscht hat, vor allem in der Bibel geforscht hat, bis er dort sein Überlebenselixier gefunden hat: Gott will, dass ich lebe. Nach solch jahrelangen inneren Kämpfen sieht Luther mitgenommen aus. Aber dann, dann kann ihm niemand mehr dieses Gottesglück nehmen. Gott ist ein gnädiger Gott, er sieht mich an, er will, dass ich lebe. Und wir? Wir lassen unsere Fotos bearbeiten, damit nur ja keiner unsere Angespanntheit mitbekommt und die Fältchen um die Augen. Dabei braucht es vielleicht gerade diese Spuren, um zu zeigen: Auch wir haben oft im Lebensglück gesucht, manchmal lange, und dann gefunden – und auch wir lassen diese Erfahrungen jetzt nie mehr los.

Musik (4)

Nun freut euch, lieben Christen g´mein Text: Luther, Martin

Komponist: Luther, Martin; Text: Luther, Martin

Wir springen zeitlich nun deutlich nach vorn und schreiben des Sterbejahr Luthers. 1546. Bild 2: Aus dem hageren Mönch ist ein stattlich-korpulenter Gelehrter geworden. Aber worauf ich Sie jetzt bei diesem kolorierten Holzschnitt als Ihr Museumsführer besonders aufmerksam machen möchte, ist die Komposition der gesamten Darstellung. Das Ganze ist im Übrigen ein Titelblatt, und zwar des Neuen Testaments in seiner letzten, vom Reformator selber überarbeiteten Übersetzung. Diesmal wird Luther nicht allein präsentiert. In der Mitte ist eine Kreuzesdarstellung, sehr realistisch, sehr plastisch. Für mich strahlt sie etwas aus und wirkt sehr tröstlich. Darum geht’s, sagt wieder einmal Luthers Künstlerfreund Lukas Cranach: So zeigt sich die Nähe Gottes. Rechts unter dem Kreuz kniet Luther, die Hände gefaltet. Daneben ein Politiker, der von ihm hochgeschätzte Landesherr Johann von Sachsen. Er war auch ein wichtiger Vertreter des neuen Glaubens. Ich weiß wohl, dass Kirche und Staat bei uns getrennte Bereiche sind. Aber ich freue mich, wenn zum Beispiel der Bundespräsident und die Bundeskanzlerin öffentlich sichtbar an Gottesdiensten teilnehmen - bei großen Jubiläen oder bei staatlichen Trauerakten. Zudem erinnere ich mich gerne an Menschen wie etwa den ehemaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann oder den Kirchenpräsidenten Martin Niemöller, die ihren protestantischen Glauben sehr klar in politische Diskussionen eingebrachten. Martin Luther und Johann von Sachsen unter dem Kreuz. Dieser Holzschnitt ist auch eine Anfrage an uns: Ganz gleich, ob in der Familie, im Beruf oder in der Politik: Worauf richten wir unser Leben aus? Finden wir immer diese Mitte?

Musik (5) wie Musik (4)

Wir sind jetzt im Jahre 1620. Luther und Cranach leben längst nicht mehr. Aber ein anonymer Kupferstecher stellt nun den Wittenberger Theologieprofessor als einen protestantischen Kirchenvater dar. Dabei dürfen Stundenglas, geöffnete Bibel, gepolsterte Sitzbank und Schreibutensilien natürlich nicht fehlen. So zeigt es dieses dritte Bild. Aber ich möchte Sie auf etwas anderes aufmerksam machen. Zu Füßen Luthers steht ein Schwan, in anderen Darstellungen singt er sogar mit gerecktem Hals. Worin hat dieses Tier seinen Ursprung und was soll es zeigen? Hundert Jahre vor Luther wurde einer seiner Vorgänger Johann Hus beim Konstanzer Konzil verbrannt. Schaurig und furchtbar dieser Tod. Dennoch erzählt die Legende, dass Hus sich selber mit einer gerösteten Gans verglich, um fortzufahren: „Eines Tages wird mir ein Schwan nachfolgen, den man dann nicht mehr töten kann.“ Luther bezog diese Prophezeiung auf sich. Denn schon in der Antike war der Schwan ein Symbol der lichten Wahrheit. Luther sah sich in der Tradition vieler glaubwürdiger Menschen vor ihm. Und wir? Wir stehen ja nicht weniger im Strom solch mutiger Glaubenszeugen. Auch wenn wir nicht in den Geschichtsbüchern landen: Den Glauben weitergeben an die nächste Generation, das können wir.

Musik (6)

J.S. Bach: 6 Kleine Praeludien

Manches ist wirklich fast zu schön koloriert. Da sitzt um 1825 Martin Luther im Kreise seiner Familie am Clavicord und singt, der Liedvers steht unter dem Bild: „Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib, laß fahren dahin.“ Man mag es kaum glauben, denn nichts davon ist auf der Radierung zu sehen. Stattdessen biedermeierliche Intimität. Hinter dem Hausvater steht Frau Käthe mit dem Schlüsselbund in der Hand, die Jungen gruppieren sich auf der Vorzugsseite, also rechts neben dem Vater, zwei Mädchen stehen links. Nun weiß man wohl, dass Luther die Musik sehr schätzte: “Singen ist die schönste Kunst und Übung. Wer singt, hat nichts zu tun mit der Welt“, soll er gesagt haben. Dennoch fragt man sich: Hat es jemals so eine harmonische Pfarrfamilie gegeben? Wir wissen aus Briefen und Tischreden, dass die eigenen Kinder Luthers es später schwer gehabt haben. Auch andere Pfarrerskinder wie Friedrich Nietzsche und Gottfried Benn haben unter der scheinbaren Idylle des Pfarrhauses gelitten. So sehr Luther ein Familienmensch war: Das Arbeitspensum Luthers, die stetigen Besuche und Untermieter im Wohnhaus haben der ganzen Familie so viel abverlangt, dass es wahrscheinlich nur höchst selten zu solch idyllischen Musikstunden wie auf dem Bild gekommen sein wird.

Musik (7)

Coburger-Marsch; Major Johannes Schade mit seinem Heeresmusikkorps ...

CD: Die schönsten deutschen Märsche. Deutsche Traditions-Märsche und Großer Zapfenstreich

1917 wurde schon einmal ein Reformationsjubiläum gefeiert. Das 400. nämlich. Und der Stahlstich, den ich Ihnen jetzt beschreiben möchte, ist bezeichnenderweise auf einer Feldpostkarte abgebildet. Es ist das vorletzte Kriegsjahr. In der Mitte steht eine Deutsche Eiche, aber der Titel „Deutsche Eichen“ bezieht sich eher auf die beiden Heldengestalten daneben. Hier kniet niemand mehr unter einem Kreuz. Stattdessen hält Martin Luther – unter dem Talar eine ritterliche Rüstung - zur linken ein blankes Schwert in der Hand. „Der Mann aus Erz“. Unter ihm ein Spruchband: „Ein feste Burg ist unser Gott“. Ihm gegenüber die Gestalt des Eisernen Kanzlers, Bismarck mit Pickelhaube und Säbel ausgerüstet und seinem Spruch: „Wir Deutsche fürchten Gott, sonst nichts auf dieser Welt.“ Wir wissen heute, in welches Verderben diese Überhöhungen geführt haben. Kann Luther etwas dafür? Schwer zu sagen. Das Bild auf der Feldpostkarte spiegelt zuerst und vor allem das Denken vor hundert Jahren wieder. Aber vielleicht hat Luther am Ende seines Lebens durch manche Äußerungen zu solch späteren Deutungen auch selber etwas beigetragen. Das mag eine Warnung an uns sein, Luther besser nicht für eigene Zwecke zu vereinnahmen. Eher wäre es angesagt, im Umgang mit dem Menschen Martin Luther eine gewisse Nüchternheit und Ehrlichkeit aufzubringen; ihn also als vielschichtigen Menschen zu sehen.

Musik (8)

Nun Komm, Der Heiden Heiland, BWV 62 - I. Nun Komm, Der Heiden Heiland; Christoph Spering; CD: Bach: Lutherkantaten,

Bilder einer Ausstellung, 500 Jahre Darstellungen von Martin Luther. So ist es immer weitergegangen. Im Nationalsozialismus wird eine Lutherskulptur so gemeißelt, dass sie ihn mit einem germanischen Christentum verbindet. In der DDR gibt es zunächst öffentliche Darstellungen des Reformators als Fürstenknecht. Viel später findet man auf Briefmarken auch dort wieder wie zu Beginn unseres Museumsbesuchs das klare, kantige Gesicht des Mönches aus Wittenberg. Bilder erzählen viel, oft mehr noch über die Zeitumstände ihrer Entstehung und ihre Künstler als über den Portraitierten. Mir zeigt der Rundgang: Irgendwie sind wir Zuschauer auf allen Darstellungen mitgemalt und mitgemeint. Vielleicht haben wir in den Gesichtern des Reformators tatsächlich auch manches von uns selber wiederentdeckt: Glaubenszweifel, aber auch Durchhaltevermögen und Trost. Unser Rundgang geht zu Ende. Ich führe Sie jetzt aus der Kunsthalle wieder zum Ausgang, die Stufen hinunter in Ihr Leben zurück. Wer weiß, vielleicht bleiben ja von unserer gemeinsamen Bilderschau manche Eindrücke, die Sie mitnehmen in Ihren eigenen Lebensentwurf. Das wünscht Ihnen Pfarrer Max Koranyi aus Königswinter.

Musik (9) wie Musik (2)

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