Beiträge auf WDR3  

evangelisch

Choralandacht | 11.11.2017 | 07:50 Uhr

Mitten wir im Leben sind (eg 518)

Autor:

Es geschah in Lissabon am 1. November 1755, Allerheiligen: Ein knapp 6minütiges Erdbeben verwüstet das Stadtzentrum. Zahlreiche Brände brechen aus. 40 Minuten später überrollt ein Tsunami das Festland. Bilanz der dreifachen Katastrophe: Knapp100.000 Tote. 85 Prozent der Gebäude zerstört.

Musik 1

Autor:

In Venedig gerät das bleierne Dach des Dogenpalastes in Bewegung. In den Niederlanden und in Schweden werden Schiffe aus der Verankerung gerissen. Auf die englische Südküste rollt eine drei Meter hohe Flutwelle zu. In Luxemburg stürzt eine Kaserne ein.

Der portugiesische König weilte an diesem Tag nicht in seiner Hauptstadt. Er betrat seitdem kein festes Haus mehr und wohnte bis an sein Lebensende in Zelten.

Sprecher:

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,

In allen Lüften hallt es wie Geschrei,

Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei

Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen

An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.

Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.

Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Autor:

Jakob von Hoddis stellt sich im Gedicht WELTENDE von 1911 dem Unfassbaren. heute ist es längst Realität geworden: Hochhäuser stürzen ein, Lastwagen fahren Amok; der nordkoreanische Machthaber zündet Wasserstoffbomben und der oberste Befehlshaber des amerikanischen Atomwaffenarsenals droht mit der Vernichtung eines Staates, der 25 Millionen Einwohner hat.

Musik 1

Das Erdbeben von Lissabon war nicht zuletzt auch eine Katastrophe der Weltanschauungen. Voltaire spöttelt über Leibniz‘ These von der besten aller Welten. Verlacht wird die Behauptung Rousseaus, die Natur sei gut und auch der Mensch werde gut werden, wenn er sich mit ihr verbinde. Der Glaube an einen guten Gott ist schwer erschüttert worden. Wie kann Gott das zulassen? Spätestens seit dem Erdbeben in Lissabon ist die Frage der Rechtfertigung Gottes angesichts der Übel in der Welt nicht mehr verstummt, im Gegenteil. Wie verhalten wir uns als Christen zu dieser Frage? Vor jenen, die eindeutige Antworten haben, sei dringlichst gewarnt.

Die meisten Menschen geraten ins Schlingern, wenn es nicht mehr gelingt, Ereignissen einen Sinn zu verleihen. Uns gelingt es nur selten und meistens nicht sehr überzeugend, dem Tod einen Sinn zu verleihen. Diese Ohnmacht, diese Hilflosigkeit dem Tod gegenüber ist in der Welt, seit es Menschen gibt. Und weil der Mensch um seinen Tod weiß – es ist eigentlich das einzige, was er ganz sicher weiß, leben die meisten von uns in latenter Verunsicherung. Dieser Zustand der Verunsicherung angesichts des Todes ist eine menschliche Grundkonstante.

Dr. Martin Luther ging es wohl ähnlich, als er sich 1524 mittels eines Liedes mit dem Tod auseinandersetzte.

Musik 2

Sprecher (overvoiced)

Mitten wir im Leben sind

mit dem Tod umfangen.

Wer ist, der uns Hilfe bringt,

dass wir Gnad erlangen?

Das bist du, Herr, alleine.

Uns reuet unsre Missetat,

die dich, Herr, erzürnet hat.

Heiliger Herre Gott,

heiliger starker Gott,

heiliger barmherziger Heiland,

du ewiger Gott:

lass uns nicht versinken

in des bittern Todes Not.

Kyrieleison.

Autor:

Luthers Haltung scheint klar. Er fleht darum, wohl ganz in unserem Sinne, nicht in des bitteren Todes Not ertrinken zu müssen. Er weiß, dass er sich mit eigenen Schwimmbewegungen nicht retten kann. Er braucht einen Rettungsring,und er kennt jemanden, der einen hat. Und damit der ihn auch rausrückt, huldigt er ihm.

Felix Mendelssohn Bartholdy hat eine Motette geschrieben, in der diese Huldigung einen geradezu ekstatischen Akzent bekommt.

Musik 3

Sprecher (overvoiced)

Heiliger Herre Gott,

heiliger starker Gott,

heiliger barmherziger Heiland,

du ewiger Gott:

Autor:

Aber Luther huldigt nicht nur, er nimmt auch eine Demutshaltung ein.

Musik 1

Sprecher

Uns reuet unsre Missetat,

die dich, Herr, erzürnet hat.

Autor:

Viele neigen heute dazu, sich über solche Demutshaltungen zu erheben. Das sollten wir nicht tun. Welch realen Gefahren sich der Reformator ausgesetzt sah, formuliert er in seiner Kyrie-Litanei.

Gott möge uns behüten …

Sprecher:

Vor des Teufels Trug und List,

vor bösem, schnellem Tod,

vor Krieg und Blutvergiessen,

vor Gewalt und Feindschaft,

vor Feuers- und Wassersnot,

vor dem ewigen Tod.

Autor:

Und wenn wir heute an Krieg, Gewalt, Waldbrände, Überschwemmungen und Hurrikane denken, so ist es ja wirklich nicht ausgeschlossen, dass unsere Missetaten, um das alte Wort zu gebrauchen, dabei eine Rolle spielen. Also – auch heute kann ein wenig Demut nicht schaden, weder uns noch den Staatslenkern.

Das lateinische musikalisch-literarische Vorbild unseres Liedes wird Notker I. aus St. Gallen zugeschrieben. Eine Legende erzählt, Notker habe „Media vita in morte sumus“ verfasst, als er Bauleute beim Bau einer Brücke über dem Abgrund habe arbeiten sehen. Aber vermutlich ist dieser gregorianische Choral bereits 90 Jahre vor Notkers Geburt im Jahre 750 in Frankreich entstanden, also knapp 800 Jahre bevor Luther ihn aufnahm und aktualisierte.

Musik 4

Autor: (overvoiced)

Vielleicht können wir unser Dilemma mit dem Tod besser ertragen, wenn wir ihn nicht ausblenden, wenn wir ihm ins Auge schauen. Und wenn wir auf Gott hoffen, der uns Hilfeversprochen hat. Der portugiesische Autor José Saramago hat sich in einem Roman mit dem Tod auseinandergesetzt. Der Tod ist bei ihm eine Frau. Sie lässt sich von einem Cellisten eine Suite von Johann Sebastian Bach vorspielen, verbringt mit ihm zusammen die Nacht, und, zum ersten Mal in ihrem unendlich langen Leben schläft sie ein. Der letzte Satz des Romans:

Sprecher (overvoiced)

„Am darauffolgenden Tag starb niemand“.

Musik 3

...du ewiger Gott, lass uns nicht entfallen von des rechten Glaubens Trost.

Kyrieleison.

katholisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)