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katholisch

Kirche in WDR 4 | 13.11.2017 | 08:55 Uhr

Nicht die Welt retten

Auf meinem Schreibtisch landen viele Beschwerdebriefe. Das ist bei der Kirche nicht anders als in der Politik. Da läuft immer mal etwas schief oder regt Leute auf. Mit einer Briefschreiberin bin ich in eine regelrechte „Brieffreundschaft“ geraten. Immer wieder schrieb sie seitenlange Briefe; ließ ihren Ärger los über „die Bischöfe“ und „die Kirche“. Erst war es das Engagement für Flüchtlinge, dann diese oder jene Predigt von Bischof X und Bischof Y, und schließlich ging es um eine Vielzahl anderer Themen. Jede Antwort löste einen neuen Brief aus.

Ich war es leid. Was treibt die Frau eigentlich an? Warum investiert sie so viel Zeit, um endlose Briefe zu schreiben? Das wollte ich wissen. Ich lud sie zu einem Kaffee ein. „Was wünschen Sie sich eigentlich von uns Kirchenleuten?“, fragte ich sie. Sofort sprudelte sie wie ein Wasserfall los: Auf die Politiker sollten wir einwirken, damit sie eine bessere Flüchtlingspolitik machen. Andere Dinge sollten wir natürlich predigen, auf bestimmte Bischöfe einwirken. Natürlich sollten wir verhindern, dass immer mehr fremde Leute ins Land kommen. Unsere christliche Tradition sollten wir schützen. Überhaupt sollten wir bessere Angebote machen, damit „die Leute“ zurück in die Kirche kämen. Gegen Ungerechtigkeiten sollten wir aufstehen und den Politikern Dampf machen – hier und in der ganzen Welt.

Irgendwann verlor ich dann die Geduld: „Ich kann nicht mehr“, gab ich zu. Mal abgesehen davon, dass ich viele ihrer Wünsche gar nicht erfüllen will – eine solche Flut an Erwartungen war mir einfach zu viel. „Sie überfordern mich - und Sie überfordern sich selbst!“, rief ich. Niemand kann alles auf einmal tun und die Welt mal eben nach den eigenen Wünschen auf den Kopf stellen. Aber davon wollte sie nichts wissen. Sie war so unzufrieden und zornig über den Zustand der Kirche und der ganzen Welt, dass sie mich gar nicht verstand. „Was wollen Sie denn erreichen?“ fragte ich sie. Da schoß es aus ihr heraus: „Ich will die Kirche und die Welt meiner Kindheit retten – für mich und meine Kinder!“

Das war es also. Eine tiefe Verzweiflung, dass ihre Welt nicht mehr so ist, wie sie einmal war. Und dass sie sich anders entwickelt, als sie es für richtig hält. Diese Verzweiflung treibt sie an. „Ich muss die Welt retten“, ist ihre Devise. „Ihre“ Welt wohlgemerkt. Das beschäftigt sie Tag für Tag – und frustriert sie zugleich. Weil das mit der Weltrettung nicht so einfach geht - und weil nicht alle die Welt so gerettet haben wollen, wie sie das gerne hätte.

„Es ist nicht unsere Aufgabe, die Welt aus den Angeln zu heben“, hat Dietrich Bonhoeffer gesagt, „sondern nur an gegebenem Ort das im Blick auf die Wirklichkeit Notwendige zu tun, kann die Aufgabe sein!“ Dieses Zitat des berühmten evangelischen Theologen und Widerstandskämpfers hat sich mir eingeprägt. Es fällt mir ein, wenn ich bei mir selbst oder anderen den Druck spüre, die ganze Welt retten zu wollen. Jeder von uns hat nur begrenzte Möglichkeiten. Es kommt darauf an, uns dort einzusetzen, wo wir es tatsächlich können – und wo wir verantwortlich sind. Wir können und müssen nicht alles tun. ?

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