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Das Geistliche Wort | 29.06.2014 | 08:40 Uhr

Nicht häuslich darf die Sehnsucht sein

Autorin: Sie sehnen sich nach Veränderung. Sie wollen los. Jetzt. Nicht länger zuhause sitzen. Sie haben Ideen, Energie. Sie wollen mitmischen, gestalten, verändern.

Sie brechen auf. Noch ist nicht klar, wohin die Reise gehen wird. Aber die Sehnsucht ist da, treibt sie hinaus - die jungen Frauen. Anfang des 20. Jahrhunderts gehen sie los, gehen an die Universitäten und schreiben sich ein. Manche von ihnen für das Studium der Evangelischen Theologie.

Sie wollen ein Amt in ihrer Kirche. Ein Amt für die theologisch gebildete Frau. Ein Pfarramt.

Es wird Jahrzehnte dauern, bis sie das erreicht haben werden. Seit 40 Jahren erst sind Pfarrerinnen in den Evangelischen Kirchen in NRW ihren männlichen Kollegen gleichgestellt.

Mein Name ist Karla Wessel, ich bin Gemeindepfarrerin in Gelsenkirchen-Buer. Ich bin meinen älteren Schwestern dankbar, dass sie damals losgeprescht und ihrer Sehnsucht gefolgt sind. An ihren Weg möchte ich heute erinnern.

Musik 1: Track 2 Lobe den Herren, den mächtigen König (3:22) von CD Befiehl du deine Wege, Komponist: 17. Jh., geistlich Stralsund 1665, Halle 1741 bearbeitet von Michael Schlierf, Interpreten: Heike Wetzel (Flöte), Michael Schlierf (Flügel), Produzent: Michael Schlierf, Gerth Medien, Asslar 2010, LC 13743.

Sprecher: „Wie lieb sind mir deine Wohnungen, Herr Zebaoth! Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des Herrn, mein Leib und meine Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.“ (Psalm 84,2.3)

Autorin: Ein Gebet. Psalm 84. In den Jahren nach dem 2. Weltkrieg haben die Theologinnen diesen Psalm für sich entdeckt. Ein jahrtausendealtes Gebet von Menschen, die aufgebrochen sind. Sie wollen zum Haus Gottes. Unterwegs kommen Fragen: Ob es noch lange dauern wird? Ob sie die Hindernisse überwinden können? Ob Ausdauer und Proviant reichen werden? Da vergewissern sie sich ihrer Sehnsucht. Erinnern sich an das, was sie treibt und was sie lockt und woraus sie ihre Kraft schöpfen.

In den Nachkriegsjahren verabreden die Theologinnen, diesen Psalm zu beten. Auch sie sind noch lange nicht dort angekommen, wo sie hinwollen. Jeden Samstagabend um 21.00 Uhr beten sie nun Psalm 84.* Weit entfernt sind sie voneinander, vereinzelt in ihren Stellen und Städten. Doch im Gebet sind sie einander nahe. Sie erinnern sich an ihre Sehnsucht. Sie vergewissern sich ihrer Stärke in Gott.

Sprecher: „Der Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen – deine Altäre, Herr Zebaoth, mein König und mein Gott. Wohl denen, die in deinem Hause wohnen.“ (Psalm 84,4+5)

Autorin: Doch die Theologinnen sind nicht willkommen im Haus Gottes. Sicher, im 2. Weltkrieg als die Pfarrer eingezogen wurden, da haben sie die Pfarrämter geführt. Sie haben gepredigt und getauft, Brot und Wein geteilt, Tote begraben und Trauernde begleitet. Sie haben dafür gesorgt, dass die Kirche auch im 3. Reich die Geschichten vom Gott Israels nicht vergisst. Sie haben alles getan, was ein Pfarrer tut, und das oft unter schwersten Bedingungen. Doch nun sollen sie wieder zurück. Wie überhaupt in den 50ger Jahren die Frauen wieder zurück sollten ins Haus und an den Herd.

Doch dafür waren sie nicht aufgebrochen. So wollten sie nicht ans Haus gebunden sein. Es war etwas anderes, wonach, sie sich sehnten.

Sprecher „Lieber ein Tag in deinen Höfen als tausend Tage sonst wo zu sein. Lieber stehe ich an der Schwelle zum Haus meiner Gottheit, als in den Zelten der Ungerechtigkeit zu lagern.“ (Psalm 84,11)

Autorin: An der Schwelle. Bis dahin waren die Theologinnen gekommen. Und das war schon mühsam genug. Die Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts hatte den Zugang zu den Universitäten erstritten. Es dauerte bis 1919, bis sich Maria Weller als erste Westfälin einschrieb für Evangelische Theologie: Sie war zuversichtlich: Bis zum Ende ihres Studiums würde der Weg einer Theologin ins Pfarramt möglich sein.

Doch da hatte sie sich getäuscht. Nach dem 1. Examen begann ein vier Jahre langer Papierkrieg, bevor sie endlich zum 2. Kirchlichen Examen zugelassen wurde – die Eingangsvoraussetzung zum Pfarramt.

Auch danach wurde sie nicht Pastorin, wie ihre männliche Kollegen Pastoren wurden. Maria Weller blieb Vikarin. So erging es auch all den anderen Frauen, die sich ebenfalls auf den Weg gemacht hatten.

Vikarinnen bekamen weniger Gehalt, waren kündbar, hatten weder Ruhestandsansprüche noch Krankheitsabsicherung. Sie durften keine leitenden Funktionen übernehmen, im Gemeindegottesdienst nicht predigen oder das Abendmahl leiten. Einen Talar zu tragen war ihnen verwehrt. Und im Falle der Heirat musste die Vikarin ihr Amt niederlegen.

Als Erika Kreutler, Theologin der zweiten Generation, vor einigen Jahren auf diese Zeit zurückblickt, erkennt sie:

Sprecherin: „Vikarinnen konnten damals nichts fordern oder gar einklagen, denn dafür gab es keine gesetzlichen Grundlagen. Sie lebten im Grunde von den Brosamen, die von der Herren Tische fielen, und waren völlig von denen abhängig, die die Leitung in der Kirche innehatten. Daher war es klug von ihnen, wenn sie in der Kirche `unsichtbar` blieben und nur `treu und still` arbeiteten. An diese Devise haben sich die Theologinnen in Westfalen in der Anfangszeit gehalten. Das mag heute für die jüngere Generation unverständlich sein. Sie kann der ersten Generation vielleicht sogar vorwerfen, nicht genügend gekämpft zu haben. Aber diese Generation hatte kaum eine andere Wahl bis weit in die 60ger Jahre, ... Jeder öffentliche Auftritt einer Frau wurde kritisch verfolgt, und bei weniger guten Leistungen wurde gleich mit Befriedigung festgestellt, dass eine Frau eben so etwas nicht könne und in das Haus gehöre.“ (Erika Kreutler, Die ersten Theologinnen in Westfalen, Bielefeld 2007, Seite 62f)

Autorin: Es dauerte bis 1963 im Rheinland und 1964 in Westfalen. Erst dann wurden die Theologinnen zu Pastorinnen mit dem Recht zur Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung. Predigen, Abendmahl leiten – jetzt durften sie es. Einschränkungen gab es aber auch jetzt noch: Sie bekamen weniger Geld als Männer und sie durften nicht heiraten. Das konservative Bild von der Ehefrau und Mutter machte es den Kirchenleitungen nicht vorstellbar, dass eine Frau sowohl Mutter als auch Pastorin sein kann. So mussten die Frauen ihr Amt aufgeben, wenn sie heirateten.

Es brauchte weitere zehn Jahre, bis 1974 die volle Gleichstellung von Pfarrerinnen und Pfarrern erreicht wurde. Endlich war nun auch das Zölibat für Frauen aufgehoben.

Sprecher: „Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten und von Herzen dir nachwandeln. Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, wird es ihnen zum Quellgrund, und Frühregen hüllt es in Segen. Sie gehen von einer Kraft zur anderen und schauen den wahren Gott in Zion.“ (Psalm 84,6+7+8)

Autorin: Durch manch dürres Tal sind sie gezogen, die ersten Theologinnen. Ich ahne es, wenn sie vom „Sonntagsnachmittagsheimweh“ sprechen. Wenn sie klagen über das Alleinsein einer berufstätigen Frau inmitten einer Männerwelt. Wenn sie schreiben von dem Leben ohne Familie und Menschen, die ihnen nahe standen.

Sprecherin: „Daß wir erst um die Daseinsberechtigung unserer schweren Arbeit, die wir doch so lieben, kämpfen müssen, liegt uns allen gar nicht und macht viele von uns müde und resigniert. …“ (Maria Weller, zitiert bei Erika Kreutler, Die ersten Theologinnen in Westfalen, Bielefeld 2007, Seite 60 )

Autorin: schreibt Maria Weller 1930. Aber sie hatten Ausdauer. Pfiffige Ideen und gute Strategien. Schon in den 40ger Jahren war es einigen Frauen wichtig, den schwarzen Talar zu tragen. So gingen die Theologinnen Hannelotte Reiffen und Ilse Härter in schrillen roten und grünen Kleidern zur Vorbesprechung ihrer Einsegnung und fragten ihre Vorgesetzten, ob sie etwa in diesen Gewändern erscheinen sollten. Daraufhin wurde ihnen das Tragen des Talars erlaubt.

Im Verlauf der 50ger Jahre trugen immer mehr Frauen den Talar, so auch Annemarie Grosch in Schleswig-Holstein. Da es dafür aber keine Erlaubnis gab, wird sie 1957 zu einer Sitzung der Kirchenleitung zitiert. Was tun? Was sagen?

Annemarie Grosch entscheidet sich, ihr ganzes Gewicht – im wahrsten Sinne des Wortes, in die Diskussion einzubringen.

Sprecherin: „Ich nahm den Talar meines verstorbenen Mannes und fuhr damit nach Hannover. Unterwegs überlegte ich mir: ‚Was machst du bloß!‘ (…) Die ganze Tendenz der modeschöpfenden Theologen in Sachen Vikarinnentalar ging ja dahin, ihn möglichst vom Talar der Männer zu unterscheiden, um deutlich zu machen, daß wir ein ‚clerus minor‘ seien. (…) Und so überlegte ich mir, es sei das Beste, wenn aus der Sitzung überhaupt nichts rauskäme (…) Ich dachte mir aus, daß es das Beste sei, mit meinem Körpergewicht als Argument gegen jegliche Veränderung des Talars zu argumentieren (…)

Autorin: Zu diesen geplanten Veränderungen des Talars für Vikarinnen gehörte zum Beispiel ein Gürtel, der um die Taille gebunden wurde. Die korpulente Annemarie Grosch wehrte sich gegen den Vorschlag:

Sprecherin: Ich hielt dagegen: ‚Stellen Sie sich mal vor, ich hab jetzt um die nicht vorhandene Taille einen Gürtel und noch dazu auf dem Friedhof im Winter einen Mantel drunter, da seh ich doch aus wie ein Faß! Das kann Ihr ästhetisches Empfinden doch nun wirklich nicht zulassen.‘ Den vier Herren blieb daraufhin einfach die Spucke weg über meinen Freimut, aber im Grunde genommen mussten sie mir Recht geben. (…) Und somit ist in der Tat aus der Sitzung nichts geworden, und ich habe auch nie ein Protokoll bekommen, und wir trugen unseren Talar fröhlich weiter.“

(A. Grosch, zitiert in Querdenken, Beiträge zur feministisch-befreiungstheologischen Diskussion, Pfaffenweiler 1992, S. 299f)

Autorin: Heute tragen Pfarrerinnen wie ich den Talar. Wir tragen auch Bischofs- und Präseskreuz. Und wir können selbst entscheiden, wie wir leben und lieben. Trotzdem müssen wir immer wieder aufpassen, dass wir nicht in Ehrenamt und Hilfsdienste verdrängt werden. Immer wieder ist es vor allem für Pfarrerinnen eine Herausforderung, die Balance zwischen Familienleben und beruflichen Anforderungen zu halten. Lesbische Pfarrerinnen ringen bis heute um die Rückendeckung ihrer Kirche. Und die Erkenntnisse der Feministischen Theologie fassen nur schleppend in der Kirche Fuß.

Sind wir angekommen?, fragen sich viele Pfarrerinnen. In der Geschichte der evangelischen Theologinnen war es auch nach 1974 so, dass jede Generation vor neuen Herausforderungen stand. Das erleben auch Frauen anderer Berufsgruppen. Das ersehnte Ziel gerade erreicht – da tut sich schon eine neue Ungerechtigkeit auf. So ist es wohl, dass das Ziel sich immer wieder neu entfernt. Und doch kommt es darauf an, wie Ingeborg Bachmann sagt,

Sprecherin: „daß wir uns orientieren an einem Ziel, das freilich, wenn wir uns nähern, sich noch einmal entfernt“. (Ingeborg Bachmann, Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. Werke Band 4, Piper 1978, Seite 277).

Musik 2: Track 4 Heilig, heilig, heilig! von CD Befiehl du deine Wege, Komponist: John Bacchus Dykes (1823-1876) bearbeitet von Michael Schlierf, Interpreten: Heike Wetzel (Flöte), Michael Schlierf (Flügel), Produzent: Michael Schlierf, Gerth Medien, Asslar 2010, LC 13743.

Autorin: Maria Weller ist nicht mehr Pfarrerin geworden. Sie war im Ruhestand, bevor die Gesetze dieses ermöglichten. Aber sie hat noch erlebt, dass jüngere Frauen dieses Ziel ereichten. Ich bin ihr und all den anderen Theologinnen dankbar, dass sie ihrer Sehnsucht gefolgt sind. Dass sie sich nicht haben binden lassen an Heim und Herd, wie es für die Frauen ihrer Zeit vorgesehen war. Dass sie aufgebrochen sind. Dass sie Fakten geschaffen haben. Dass sie Strategien entwickelt und Gespräche geführt haben. Dass sie Anträge geschrieben und genervt haben durch ihr unermüdliches Wiederholen und Beharren.

Denn so ist es: Wer mitmischen, gestalten, verändern will, muss mitunter Protokolle schreiben und Anträge ausfüllen und Klinken putzen und allerlei Mühseliges und Zermürbendes tun. Ich werde manchmal müde darüber. In der Erinnerung an die Theologinnen vor mir aber erwacht wieder eine Lust. Es ist die Lust, dem nachzuspüren, was meine Sehnsucht ist, was unsere Sehnsucht als Frauen in der Kirche heute ist. Es steht noch manches aus. Für Ehrenamtliche wie für Hauptamtliche in den evangelischen Kirchen. Für Frauen und für Männer.

„Nicht häuslich darf die Sehnsucht sein, die brückenbauende, von Stern zu Stern“, hat Nelly Sachs gedichtet. Mahnung und Verheißung zugleich. Nicht zu klein, zu bescheiden, zu privat zu sehnen.

Was ist es, wonach du dich sehnst? Wofür du bereit bist, dein ganzes Gewicht einzusetzen? Gibt es da womöglich etwas, das uns verbindet in unserem Sehnen?

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Karla Wessel aus Gelsenkirchen Buer.

Musik 3: Track 8 Quiereme von CD Mocca flor, Interpreten: Quadro Nuevo (das sind: Accordion, Accordion [Vibrandoneon], Bandoneon - Andreas Hinterseher; Bass, Percussion - D.D. Lowka; Guitar - Robert Wolf; Saxophone, Clarinet, Mandolin - Mulo Fran; Mastered By - Guido Hieronymus; Producer - Georg F. Löffler: Recorded By, Mixed By - Philipp Winter); Label: Fine Music FM 110-2 (2004); TangoLabel: Justin Time, 2005, LC 11188.

* An diese Tradition des Psalm 84 am Samstag Abend erinnerte Angelika Weigt-Blätgen in ihrer Festrede zum 20. Westfälischen Theologinnen-Tag im Februar 2009 in Dortmund, nachzulesen in: Mein Gott, was haben wir viel gemacht! Geschichte der westfälischen Theologinnen von 1974-2014, hg. von Antje Röckemann u.a., Bielefeld 2014

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