Beiträge auf WDR4  

evangelisch

Kirche in WDR 4 | 08.06.2018 | 08:55 Uhr

Paradiesvogelschiß

Autorin: Guten Morgen! Es klingt wie ein Märchen, ist es aber nicht gewesen: Eine Pfarrerstochter verliebt sich in einen durchreisenden Puppenspieler. Aber dieser Puppenspieler ist kein verkleideter Prinz, sondern einfach ein verheirateter Taugenichts. Als sie – die fromme Elisabeth - schwanger ist, verlässt er sie. Was tun als Religionslehrerin und Fräulein aus christlichem Hause? Was sie tut, erzählt viele Jahre später ihr Sohn Peter:

Sprecher: Da hat meine Mutter sich Urlaub genommen und hat in Dortmund Unterkunft und Arbeit in einem Krankenhaus, eigentlich in einer Gebärklinik gefunden.

Und da hat sie mich dann auch geboren. Dann hat sie gedacht, dass Kind muss (...) wenigstens einen ordentlichen Paten haben. Und (...) eine große, besondere Kapazität (...) war damals Karl Barth, der große Reformator der Reformation (...), und sie bat Karl Barth doch die Patenschaft über dieses Unglücksbündel zu übernehmen. (1)

Autorin: Der Theologe Karl Barth ist später die große protestantische Stimme gegen die Nazis. Und das Unglücksbündel ist ein Glücksfall der deutschen Lyrik, der wunderbare Peter Rühmkorf, ein Poet von hinreißender Frechheit und unerschütterlicher Komik. Ein Wortakrobat, der einen mit schmetterlingsleichten Gedichten niederschmettert. Schnoddrig und derb, schreibt er gegen die Schlechtigkeit der Welt und hat sie doch nie so schlechtgemacht, dass man sie nicht mehr liebt. Allergisch gegen Kitsch, will er doch vom Paradies sprechen. Da lässt er es als „Paradiesvogelschiß“ über seine Leser kleckern. So der Titel seines letzten Buchs.

Fromm zu reden, ist für Peter Rühmkorf ein Graus gewesen, dazu ist er zu fromm erzogen worden. Aber sein protestantisches Erbe kann man nicht ausschlagen, das hat er gewusst. Und dass am eigenen Schaffen nicht alles gelegen ist, dass man auch angewiesen ist auf das, was einem zufällt. Karl Barth hat das Gott zugeschrieben, der senkrecht von oben ins Leben einschlägt. Sein Patensohn Peter nennt es das, was „vom Paradiesvogel in den Garten geschissen wird“.

Das protestantische Kirchenlied, das hat er mit Löffeln, wenn nicht Kellen gefressen, so Peter Rühmkorf. Paul Gerhardt ist nicht aus seinem Gedächtnis zu tilgen gewesen. „Befiel du deine Wege und was dein Herze kränkt. Der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, wo dein Fuß gehen kann.“ In Rühmkorfs Worten heißt das: „Bleib erschütterbar und widersteh!’ Irgendwie kommt das dann doch wieder raus.

Sprecher: Also heut: zum Ersten, Zweiten, Letzten:

Allen Durchgedrehten, Umgehetzten,

was ich, kaum erhoben, wanken seh,

gestern an und morgen abgeschaltet:

Eh dein Kopf zum Totenkopf erkaltet:

Bleib erschütterbar – doch widersteh!" (2)

Autorin: Er hat sich einen absoluten Agnostiker genannt. Für mich ist so einer ein moderner Psalmenschreiber, ein Prophet.

Heute vor zehn Jahren ist Peter Rühmkorf gestorben.

Einen gesegneten Tag wünscht Ihnen Silke Niemeyer, Pfarrerin in Lüdinghausen

(1)http://www.deutschlandfunkkultur.de/ein-grosser-dichter.1278.de.html?dram:article_id=192453

(2)ebd.

katholisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)