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Sonntagskirche | 11.03.2018 | 08:55 Uhr

Selbstvergessen

Guten Morgen!

Auf einer Hochzeitsfeier. Ein Mann sitzt auf einer winzigen Bühne und spielt Klarinette. Eine junge Frau tanzt dazu ausgelassen auf der Tanzfläche. Der Musiker und die Tänzerin – sie haben auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun. Da ist viel Abstand zwischen ihnen. Sie schauen sich nicht an. Und doch breitet sich zwischen ihnen ein Raum aus. Ein Raum voller Musik und Selbstvergessenheit.

Der Musiker lässt sich in die Musik hineinfallen und vergisst alles um sich herum. In diesem Moment zählt für ihn nichts als die Musik. Ich frage mich: Wie lebt er wohl? Vielleicht ist er voller Sorge, weil er nicht weiß, wie er die nächste Miete für die Wohnung aufbringen soll. Vielleicht hat er gerade eine schöne Zeit mit seiner Frau verbracht. Vielleicht muss er sich demnächst operieren lassen. Ich werde es nicht erfahren. Muss ich aber auch nicht, weil es für diesen Moment gar nicht zählt. Es zählt allein die Musik. Ihr hat er sich verschrieben. Er lässt seine Klarinette singen und schmeicheln, kreischen und weinen. Er scheint auch gar nicht zu bemerken, wie viele Leute noch im Raum sind, wer tanzt, wer sich unterhält, wer am Buffet oder der Bar steht. Er sitzt nur da und spielt. Und entführt so ganz nebenbei die, die ihm zuhören, in eine andere Welt.

So wie die Frau, die zu den Klarinettenklängen tanzt. Wer weiß, vielleicht hatte sie einen furchtbar anstrengenden Tag im mit den Kindern. Vielleicht ist sie Chefin und hatte Ärger mit dem Team. Vielleicht lernt sie seit Monaten für eine Prüfung. Vielleicht hat ihr Freund sie am vorletzten Wochenende verlassen. Und dann hat sie heute, als sie überlegte, welches Kleid sie wohl anziehen sollte, gedacht: „Warum gehe ich da eigentlich hin? Nach Feiern ist mir echt gar nicht heute.“ Und hatte schon beschlossen, sich spätestens nach einer Stunde wieder zu verabschieden. Doch dann ist da diese Musik. Wild und sehnsüchtig. Und sie beginnt zu tanzen. Dreht sich, wirbelt herum. Die Augen geschlossen. Der Rock fliegt um ihre Beine. Sie lässt sich in die Töne hineinfallen. Taucht in eine andere Welt. Die quengeligen Kinder sind für einen Moment vergessen, der Ärger mit dem Team, die Prüfung und sogar der treulose Freund.

Der Musiker und die Tänzerin. Es ist nach Mitternacht, als er seine Klarinette in den Kasten zurücklegt und sie ihre Jacke überzieht. Sie werden sich wahrscheinlich nicht wiedersehen. Miteinander gesprochen haben sie nicht. Sie verabschieden sich mit einem kurzen Lächeln. Sie haben nichts miteinander zu tun. Und doch haben sie einen Raum geteilt, einen Raum von Musik, Tanz und Selbstvergessenheit.

Manchmal, glaube ich, heilt Gott schon durch den Abstand, den er zu den Dingen schafft, die mich drücken.

(Verabschiedung: Ein bekömmliches Maß an Selbstvergessenheit wünscht für heute Ihr Pfarrer Michael Opitz aus Düsseldorf.)

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