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Kirche in WDR 5 | 09.06.2018 | 06:55 Uhr

Todesverachtung

Guten Morgen! Eine laute Piazza in einer quirligen italienischen Stadt. Straßencafés und Souvenirläden reihen sich aneinander. Ein Ladenbesitzer taucht auf, bahnt sich seinen Weg zwischen den Kunden und verschließt die Tür. Dann schreitet er zum Fenster, bleibt reglos stehen und blickt mit geneigtem Kopf auf den Platz. Auch die anderen Läden schließen. Menschen erheben sich. Es wird still. Touristen schauen irritiert, verstummen. Nur eine Glocke ist zu hören.

Ein Leichenzug verlässt die Kirche, überquert die Piazza.

Diese Szene haben Freunde im Urlaub erlebt. Es hat sie beeindruckt, wie für einige Momente die Zeit und alles Leben stillgestanden haben. Das Kaufen und Verkaufen, das Essen und Trinken, das Reden und Gehen. Alles ist still. In schweigendem Respekt gibt man dem Toten und seinen Angehörigen den Weg frei. Der Leichenzug zieht vorüber, entschwindet. Der Ladenbesitzer öffnet wieder die Tür. Die Stimmen schwellen schnell wieder an. Die Glocke verklingt. Das Leben geht weiter. Und das Lachen.

Der Tod macht einen Schnitt. Er unterbricht. Er stört, stört auf.

Hier ist ein Mensch gestorben.

Er ist gewesen und ist nicht mehr.

Er ist ins Leben gesetzt worden und hat sein Leben gelebt.

Er hat geatmet.

Er hat gegessen und getrunken.

Er hat gewünscht, gehofft, gearbeitet.

Er hat sein Lied gepfiffen und gelitten.

Er hat geschafft, ist gescheitert, hat sein Bestes versucht.

Er hat geliebt und ist geliebt worden. Hoffentlich...

Er ist einzigartig gewesen und bleibt einzigartig.

Er ist einer von uns gewesen. Er ist wie wir, sterblich gewesen.

Jetzt ist er, was wir einst sein werden, tot.

Grund genug für einen Moment das Leben zu unterbrechen, stehen zu bleiben, still zu werden und ihm die letzte Ehre zu geben. Ein guter Ausdruck: die letzte Ehre. Hier im Angesicht der sterblichen Ohnmacht mag ich das Wort Ehre. Auch wenn man den Kummer nicht teilt, ehrt man den Toten. Man ehrt nicht nur ihn, der aufgehört hat. Man ehrt auch die, die um ihn trauern. Und man ehrt die eigene Seele, die in diesem Moment ihre Endlichkeit begreift, und ihren Wunsch nach einem Ende in Würde.

Bei uns stellt sich aber zunehmend eine besondere Art von Todesverachtung ein. Sie besteht darin, dass man dem Tod verbietet zu stören. Da kann der Sohn des Verstorbenen nur spätabends das Trauergespräch einrichten, weil er Kundengespräche hat. Da muss die Beisetzung am Samstag stattfinden, damit sich niemand frei nehmen muss. Da werden die Städte unter Druck gesetzt, die Beerdigungszeiten auszuweiten.

Der Tod darf nicht mehr unterbrechen. Man hat seine eigenen Pläne. Man hat seine Verpflichtungen. Man hat seine Arbeitsabläufe.

Den Toten ist es egal, mag man denken. Sie spüren nichts mehr davon. Mag sein. Aber mit uns Lebenden geschieht was. Wir verlieren ein Stück unseres Lebens und unserer Würde schon vor dem Tod, wenn wir uns nicht mehr von ihm unterbrechen lassen. Es ist kein Lebensgewinn und kein Zeitgewinn. Es ist ein Tod vor dem Tod, wenn wir Lebenden uns nicht erlauben, die Uhren anzuhalten und die Fenster zu öffnen, wenn ein Mensch, mit dem wir das Leben geteilt haben, das Seine aushaucht.

Einen gesegneten Tag wünscht Ihnen Silke Niemeyer, Pfarrerin in Lüdinghausen.

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