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Kirche in WDR 4 | 19.06.2017 | 08:55 Uhr

Verrückt auf Probe

Guten Morgen.

Verrückt auf Probe.

Carsten redet gerne mit seiner Mutter. Sie gibt ihm Ratschläge, passt auf ihn auf, begleitet ihn sogar auf sein Zimmer auf Station. Carstens Mutter ist seit vielen Jahren tot. Nicht für ihn. Er hört ihre Stimme, fühlt ihre Gegenwart und berichtet mir bereitwillig, wie gut sich das anfühlt.

Ich mache ein Experiment: Ich teile für drei Tage das Zimmer mit seelisch kranken Menschen. Ich lasse mich aufnehmen auf eine psychiatrische Station mitten in Berlin um die Ecke meiner alten Wirkungsstätte als Arzt in der Kinderklinik.

Carsten wird nicht behandelt, weil er Stimmen hört, sondern weil er zusätzlich Angstzustände hat, die ihn daran hindern, am Leben teilzunehmen. Wenn jemand unter seinen Symptomen nicht leidet, gibt es keinen Grund, daran unbedingt etwas zu ändern. Das Therapieziel bestimmt heutzutage der Patient. Nur wer sich selbst oder andere massiv gefährdet, darf in Deutschland gegen seinen Willen mit richterlichem Beschluss behandelt werden.

Auf einer Station sind alle freiwillig und froh, dass sie hier sein können. Die meisten haben Monate oder Jahre gebraucht, um sich einzugestehen, dass sie Hilfe brauchen, und noch mal Monate, um welche zu bekommen. Die beiden anderen Jungs in unserem Viererzimmer haben zu lange zu viel Alkohol getrunken. Der eine über Jahrzehnte, sodass sein Gedächtnis die Lücken mit Seemannsgarn ausfüllt, nennt sich Morbus Korsakow auf schlau. Zuerst bin ich überrascht, was er alles so erlebt, bis ich merke, dass er sich das selber nicht mehr merken kann.

Jeder, der meint, Alkohol mache besonders gesellig, locker und interessant, sollte mal mit Menschen sprechen, die ein paar Jahre abhängig waren von diesem Nervengift. Es macht einsam, unlocker und zusammenhängende Gespräche werden auch nüchtern irgendwann unmöglich.

Der andere ist zum Entzug, einsilbig und meidet den Kontakt. Die meiste Zeit ist er irgendwo unterwegs. Jeder hat seine eigenen Therapiepläne, Einzelgespräch, Gruppen-, Musik- und Tanztherapie, Sportangebote. Moderne Psychiatrie ist viel mehr als Medikamente.

In der Musiktherapie lerne ich Claudia und Arkadius kennen, beide kamen mit Depressionen hierher. Sie eine Kunsterzieherin, die sich irgendwann nicht mehr vor die Tür traute, weil sie dachte, sie sei nichts mehr wert. Und er Regisseur aus Polen. Wir machen zusammen im Kreis mit verschiedenen Instrument Musik. Es entstehen Rhythmen, Klänge, Dialoge zwischen Harfe, Zimbel und Knackfrosch. Jeder nach seinem Gefühl. Okay, die Musik ist jetzt kein Welthit, aber ich spüre, wie gut es tut, einmal statt zu reden sich auf anderen Wegen mitzuteilen.

Genauso in der Tanztherapie: Wir bewegen uns, schütteln uns aus und werfen Bälle in bestimmter Reihenfolge hin und her. Und plötzlich unterbricht uns die Therapeutin und fragt: „Wer hat gerade an etwas anderes gedacht?“ Keiner. Der beste Weg, seinen Geist zu beruhigen, ist manchmal, den Körper zu bewegen. Na ja, ich habe zwischen durch schon mal dran gedacht, was werden die ARD-Zuschauer denken, wenn sie mich so tanzen sehen. Und dann war es mir wieder egal. Sollen die doch, statt die Nase zu rümpfen, lieber selber mal wieder tanzen gehen und loslassen. Es ist wie beim Sex: Es macht einen großen Unterschied, ob man beteiligt ist oder nur von außen draufschaut.

Was mir in den drei Tagen auf Station klar wird: Es sind nicht immer die Ärzte, die den entscheidenden Unterschied machen. Ganz viel lernen die Patienten untereinander. Zum Beispiel wenn einer schon länger depressiv war und es ihm jetzt besser geht, ist das ein Hoffnungsbeispiel für andere. Und auch die Pflegekräfte machen einen großartigen Job. Arzu und Cem beeindrucken mich mit ihrer bedingungslosen Herzlichkeit. Ich frage Arzu, ob sie schon mal Probleme hatte wegen ihres Kopftuchs. „Nee. In der U-Bahn werde ich immer wieder darauf angesprochen, aber hier auf Station in all den Jahren kein einziges Mal.“ Und ein asiatisch-stämmiger Patient pflichtet ihr bei: „Wir sind hier drin genauso verrückt und multikulti wie die da draußen, aber hier vertragen wir uns besser.“

(Ende WDR 4, Schluss für WDR 3 und WDR 5)

Eckart von Hirschhausen wünscht Ihnen allen seelisch gesunden Tag - aus Köln.

Fernsehtipp: Hirschhausens Check-up (2): Wie die Mitte des Lebens gelingt. Das Erste (ARD), Montag, 19. Juni 2017, 20.15 Uhr.

http://www.daserste.de/information/ratgeber-service/hirschhausens-check-up/sendung/folge-2-mitte-des-lebens100.html

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