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Das Geistliche Wort | 11.02.2018 | 08:35 Uhr

Vom Umgang mit der "superjeilen Zick"

Autor: Heute ist es wieder soweit, liebe Hörerinnen und Hörer, es ist Karnevalssonntag: An vielen Orten im Rheinland gehen die Karnevalszüge durch die Stadtviertel. Auch meine Familie geht mit vier Kindern zum Veedelszoch. Wir sehen Fußgruppen, singend, lachend, Kamelle werfend. Geschmückte Wagen, hochaufragend, bunt und aufwändig geschmückt. Kreative Kostüme, Musik, schunkelnde und lachende Zeitgenossen auf den Straßen: „Die Karawane zieht weiter, der Sultan…“ Und unsere verkleideten Kinder stehen mit ihren Tüten am Straßenrand, hören die Musik und rufen aus Leibeskräften: „Alaaf!“ und „Kamelle!“

1. Musik: Die Höhner: Viva Colonia (da simmer dabei, dat is prima), (Album: Wenn Nicht Jetzt, Wann Dann – Die Größten Hits und Schönsten Balladen, 2010).

Da simmer dabei ! Dat is prima! VIVA COLONIA!

Wir lieben das Leben, die Liebe und die Lust

Wir glauben an den lieben Gott und hab´n noch immer Durst.

Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer!

Vor über zwanzig Jahren bin ich als Norddeutscher ins Rheinland gekommen. Der Karneval war mir, dem gebürtigen Lübecker, zunächst völlig fremd und fern. Naserümpfend habe ich darüber abfällige Bemerkungen gemacht, als norddeutsche Spaßbremse. Über das Karnevalswochenende bin ich viele Jahre möglichst Richtung Elbe gefahren und atmete auf, wenn ich darüber war. Oder ich habe Rosenmontag gearbeitet, als einziger im Büro.

Aber das hat sich geändert. Mit den Kindern, die Karneval lieben, hat sich in unserem Freundeskreis eine feste Karnevalstradition entwickelt. Und so ganz allmählich ist sie auch mir lieb geworden. Wir treffen uns mit einigen Familien immer am selben Ort in Bonn, die Kinder fangen Süßigkeiten, kleine Spielzeuge und anderes Wurfmaterial, sind mächtig stolz auf die Ausbeute. Wir singen und rufen und bestaunen die kreative Vielfalt der bunten Fußtruppen. Stundenlang ziehen an uns geschmückte Wagen und Musikkapellen, Tanzgruppen und zur Freude meiner Tochter auch viele Pferde vorbei.

Inzwischen gebe ich es zu: Schön ist das. Laut und bunt und kreativ. Ein völlig zweckloses Miteinander von Hunderten und Tausenden, die einfach ihre Lebensfreude teilen. Als gäbe es kein Morgen und keine Sorgen im Hier und Jetzt. Der Augenblick zählt, der kurze Blick, das Küsschen, eine geschenkte Blume am Straßenrand; kein Zwang zum tieferen Sinn. Da sind Augenblicke der Sympathie, die Begegnung mit völlig fremden Menschen, die einfach Spaß haben an diesem bunten Fest. Der Karneval hat seinen Reiz, finde ich als Norddeutscher inzwischen.

Aber ich kenne auch Familien, die genau damit Schwierigkeiten haben. Etwa, weil in ihrem Kreis jemand fehlt, der diesen Karneval ganz besonders liebte. „Ich muss alles überprüfen“, sagte mir erst kürzlich eine Frau, die ihren Mann vor einem halben Jahr durch Suizid verlor. Er war mehrere Wochen vermisst und wurde von der Familie und vielen Freunden gesucht.

Ich arbeite als Notfallseelsorger und wir haben die Familie und ihren Freundeskreis in dieser Zeit der Ungewissheit begleitet. Und auch, als schließlich die Todesnachricht seine Frau und seine Kinder erreichte und aus den Befürchtungen traurige Gewissheit wurde, waren wir da.

In diesen Tagen geht mir das Gespräch mit dieser Witwe nach. Ihr Mann liebte den Karneval, der weit mehr als ein Hobby für ihn war. Er hat Sitzungen mitgestaltet, saß im Elferrat, ist im Zug mitgefahren. Sein Freundeskreis war der Karnevalsverein, die fünfte Jahreszeit die wichtigste von allen. Doch gegen die tiefe innere Traurigkeit, die er seit Jahren an sich kannte und die ihn immer wieder überfiel, fand er am Ende kein Mittel. Und nun? „Er fehlt mir so unendlich. Mir fällt es so schwer“, sagt mir seine Frau. „Ich bin an Karneval nicht hier, es geht einfach nicht. Ich fahre mit den Kindern weg.“

2. Musik: Brings, Superjeile Zick, Refrain

(Album: Brings, Superjeile Zick, 2014)

Nä, wat wor dat dann fröher en superjeile Zick,

mit Träne in d'r Auge loor ich manchmol zurück.

Bin ich hück op d'r Roll nur noch half su doll,

doch hück Naach weiß ich nit wo dat enden soll.

Für diese Witwe ist die superjeile Zick von früher endgültig vorbei, auch wenn ihr früherer Freundeskreis dieses Lied ganz anders hört. Der Rückblick auf den Karneval der letzten Jahre ist für sie enorm schmerzhaft. „Manche unserer Freunde verstehen nicht, dass wir im Karneval nicht dabei sind“, sagt sie. „Sie meinen, dass wir gerade für Michael doch wieder mitziehen müssen im Veedelszoch. Weil er doch genau damit in unserer Mitte ist und wir an ihn denken können und das Leben irgendwie weitergehen muss.“ Aber sie könne nicht einfach weitermachen wie vorher. Er fehle ihr und den Kindern so. Jeden Tag beim Aufwachen und beim Einschlafen vermisse sie ihn und zwischendurch auch. „Ich brauche, dass gute Freunde das verstehen. Und mich meinen Weg gehen lassen. Ich brauche keine Tipps.“

Wie nah, dachte ich gestern noch, liegt beides beieinander: Die ausgelebte Freude und das Leid nach einem schmerzhaften Verlust. Die laute Musik, die kein Ende kennt. Und das Gefühl: Auch diese Ausgelassenheit ist zerbrechlich, endlich; sie kann schnell vorbei sein und es gibt Zeiten im Leben, da ist sie unerträglich.

3. Musik: Herbert Grönemeyer – Der Weg

(Album: Herbert Grönemeyer, Mensch, 2002)

Wir haben uns geschoben

Durch alle Gezeiten

Haben uns verzettelt,

Uns verzweifelt geliebt

Wir haben die Wahrheit

So gut es ging verlogen

Es war ein Stück vom Himmel,

Dass es dich gibt

Du hast jeden Raum

Mit Sonne geflutet

Hast jeden Verdruss

Ins Gegenteil verkehrt

Nordisch nobel

Deine sanftmütige Güte

Dein unbändiger Stolz

Das Leben ist nicht fair

Es macht oft hilflos, wenn jemand intensiv von Verlust und Leid getroffen ist. Nicht selten sind auch nahestehende Freunde unsicher und ratlos. „Was hilft?“ habe ich diese Witwe gefragt. Zunächst schwieg sie lange. Und dann erzählte sie, dass seit dem Tod ihres Mannes die Beziehung zu seiner Mutter viel intensiver geworden ist, die ja auch ihren Sohn verloren hat. „Das Gespräch mit meiner Schwiegermutter hilft mir“, sagt sie. „Sie ist so stark, ich bewundere sie. Sie hat im letzten Jahr außerdem noch ihren Mann verloren, den Vater von Michael. Und sie versteht mich einfach. Das tut so gut. Es ist bei uns wie mit Ruth und Noomi.“ Ich fragte nach: „Ruth und Noomi? Aus der Bibel?“ „Ja“, sagte sie. „Das ist auch so eine besondere Nähe von Schwiegermutter und Schwiegertochter.“

Die Geschichte von Ruth und Noomi erzählt davon, dass während einer Hungersnot in Israel eine jüdische Familie aus Bethlehem ins Nachbarland auswanderte, nach Moab. Aber Elimelech, der Vater der Familie, starb schon bald. Und auch seine beiden Söhne starben, so wird erzählt. So blieben die Frauen der Familie zurück, Elimelechs Frau Noomi mit ihren beiden Schwiegertöchtern Ruth und Orpha aus Moab. Noomi entschied sich zur Rückkehr in das Land Israel, in die Heimat. Und während Orpha im Lande Moab bleiben wollte, entschied sich Ruth, gemeinsam mit ihrer Schwiegermutter Noomi in deren Heimat Israel aufzubrechen:

Sprecherin 1: Noomi aber sprach: Siehe, deine Schwägerin ist umgekehrt zu ihrem Volk und zu ihrem Gott; kehre auch du um, deiner Schwägerin Orpha nach. Ruth antwortete: Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der HERR tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden. Als sie nun sah, dass sie festen Sinnes war, mit ihr zu gehen, ließ sie ab, ihr zuzureden. So gingen die beiden miteinander.

Autor: Zwei Männer waren verstorben. Der Tod des Mannes, der für die ältere Noomi ihr Sohn und für die jüngere Ruth der Ehemann war; der Tod des Mannes, der für die ältere Noomi ihr Ehemann und für die jüngere Ruth Schwiegervater war, verbindet die beiden Frauen. Da ist eine Schicksalsverbundenheit, die eine besondere Intensität und Kraft gewinnt. Zwischen Schwiegermutter Noomi und Schwiegertochter Ruth ist eine lebendige, tragfähige Bindung entstanden. Gemeinsam brechen sie auf. Aus der Trauer in ein neues Leben. Und ihre Erfahrung, ihre Liebe und ihre Bindung nehmen sie mit.

4. Musik: Udo Lindenberg, Durch die schweren Zeiten, Refrain

(Album: Udo Lindenberg, Stärker als die Zeit, 2016)

Ich trag dich durch

Die schweren Zeiten

So wie ein Schatten

Werd ich dich begleiten

Ich werd‘ dich begleiten

Denn es ist nie zu spät

Um nochmal durchzustarten

Wo hinter all den schwarzen Wolken

Wieder gute Zeiten warten

Autor: Es gibt sie, diese besondere Nähe, die aus einer Schicksalsverbundenheit erwächst. Als Mitarbeitende der Notfallseelsorge haben wir oft Hinterbliebene zu Angehörigentreffen eingeladen. Dort wurde für uns menschliche Nähe spürbar, die sich aufgrund eines gemeinsamen Schicksals einstellt. Ganz verschiedene Männer und Frauen haben die Erfahrung gemacht, einen geliebten Menschen zu verlieren. Aus ihren Begegnungen sind nicht selten intensive Freundschaften geworden. Denn die Verbundenheit durch einen vergleichbaren Verlust oder ein Schicksal kann dazu führen, dass andere Menschen mühelos verstehen, was mit einem ist. Die Nähe anbieten, ohne sich aufzudrängen. Vor denen man nichts erklären oder rechtfertigen muss. Die einfach mitgehen, wenn man es braucht, ohne dabei distanzlos zu werden. Die einen in Ruhe lassen, wenn es dran ist und ahnen, wenn Alleinsein kaum auszuhalten ist.

Wenn ein Mensch völlig unerwartet aus dem Leben gerissen wird, gibt es Zeiten, die ganz besonders belastet sind. Für manche ist es der Karneval. Für viele auch der Advent und das Weihnachtsfest. Fast immer aber der Geburtstag eines geliebten verstorbenen Menschen. Und ganz besonders der Jahrestag, an dem jemand vermisst wurde oder gestorben ist. „Vor dem Jahrestag, an dem genau vor einem Jahr der Abschiedsbrief von Michael auf dem Küchentisch lag, habe ich große Angst gehabt“, sagte mir die Witwe im Gespräch. „Aber dann kam die Freundin vorbei, die ich damals als erste angerufen habe. Das war so gut. Ich war dann nicht allein. Auch meine Kinder sind nachmittags gekommen. Wir haben gar nicht viel geredet. Wir sind einfach irgendwann zum Friedhof gegangen, haben eine Kerze angezündet und einander untergehakt. Das hat sich komplett richtig angefühlt. Ich war so unendlich dankbar, hier mit Menschen zu stehen, die mir nahe sind.“

Solche Wege nicht allein zu gehen, ist gut. An solchen Tagen jemanden zu haben, der einen versteht, auch. Orte zu haben, die wichtige Stationen sind für die eigene Trauer und sie vielleicht mit anderen aufsuchen zu können, kann helfen. Aber es gilt auch, seit vielen Jahren bestehende Traditionen im Blick auf Feste und Gewohnheiten zu überprüfen und vielleicht manches anders zu machen. Einige Hinterbliebene laden zum Geburtstag von Verstorbenen gute Freunde ein. Oder die Freunde fragen von sich aus nach, ob es okay ist, wenn sie an diesem Tag vorbei kommen. Irgendwann stellt sich vielleicht eine andere, neue Normalität ein, die anders ist als früher, aber auch gelebt werden kann.

Ich wünsche Ihnen, liebe Hörerin und lieber Hörer, solche Erfahrungen von Nähe und Verständnis in Ihrem Leben. Egal, ob sie Karneval mitfeiern können oder anders feiern oder gar nicht. Ich wünsche Ihnen Wegbegleitungen wie die von Noomi und Ruth. Vielleicht dauern sie manchmal nicht länger als einfach ein paar schöne Augenblicke. Vielleicht aber entwickelt sich daraus eine gemeinsame Geschichte. Das kann im ausgelassenen Karneval passieren, aber auch ganz woanders. Und vielleicht sind Sie auch für andere schon einmal zu einer Art Engel geworden, ohne dass Ihnen dies klar war, etwa wenn Sie selbst einen Besuch angeboten haben. Das kann sich ziemlich gut anfühlen, wenn einem jemand sagt, dass man für ihn oder sie ein Engel geworden ist. Wo Menschen einander begleiten, wo sie einander zu Engeln werden, da lächelt Gott. Laden wir Gott ein zu diesem Lächeln. Im kurzen Karneval und im übrigen Jahr auch – in den Hochburgen der tollen Tage und anderswo.

Aus Bonn grüßt Sie Ihr Landespfarrer für Notfallseelsorge Uwe Rieske

5. Musik: Udo Lindenberg, Durch die schweren Zeiten

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