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Das Geistliche Wort | 18.06.2017 | 08:35 Uhr

Was Worte nicht sagen können

Autor: Eine matte, schwarze Box steht neben dem Altar. So hoch und breit wie eine große Tür. Sie wirkt leicht schwebend, als ob sie keinen direkten Kontakt zum Boden hätte. In der massiv wirkenden Box mit klaren Kanten ebenfalls eine schwarze matte Fläche. Ich trete etwas näher an das Kunstwerk in der Johanneskirche in Düsseldorf heran. Aus der schwarzen Fläche blickt mich schemenhaft ein Gesicht an. Ernster Blick. Ich versuche mehr zu erkennen. Was mir erst einmal nicht gelingt. Gehe ein wenig zur Seite. Doch das Bild verschwindet unter dem anderen Lichteinfall. Nun blicke ich auf eine fast durchgängig matte schwarze Fläche. Gehe noch einmal zwei Schritte zurück. Langsam erscheint das Bild wieder. Immer noch schemenhaft aber ich erkenne das Portrait eines Mannes, mittleres Alter, lange leicht gelockte Haare, Vollbart.

Guten Morgen. „Die Versuchung“ heißt das Kunstwerk von Konstantinos Angelos Gavrias. Damit spielt der Künstler auf die Versuchungsgeschichte an, wie die Evangelisten sie im Neuen Testament schildern: Jesus fastet allein in der Wüste und widersteht dreimal den Versuchungen des Teufels.

Musik 1: Ray of light (Album: Floating)

CD-Name: Floating; Titel: Ray of light; Track-Nr.: 4 ; Interpret: Keti Bjornstad; Komponist: Keti Bjornstad ; Texter: -; Verlag: Universal Music A/S; Label: Universal Music A/S; LC-Nr.: 27975

Autor: Gavrias nutzt in seinem Werk ein Selbstportrait. Der Künstler selbst als Jesus? Einer, der den Versuchungen widersteht?

O-Ton 1: Klar, es war für mich mit griechisch-orthodoxem Hintergrund kam natürlich die Fragestellung: ich halt mich natürlich nicht für Jesus, das nicht, dadurch dass ich aus solchem Background komme, fing für mich auch eine Transformation der Infragestellung, was ich da mache, sich da so in einen Kontext hineinzustellen. Selbstportrait, ob das nicht Blasphemie ist zum Beispiel. Klar kommen solche Fragestellungen.

Autor: Gavrias inszeniert sich in seinem Selbstportrait wie in zahlreichen Jesus Darstellungen in der Kunst, spielt an auf die schwarz-weißen Negativbilder des Turiner Grabtuchs. Er verfremdet sein Bild von sich, in dem er das Bild extrem abdunkelt, sich selber fast unkenntlich macht. An den Rändern geht das Portrait in das dunkle Schwarz der Box über. Es wirkt als ob der Abgebildete in das ihm umgebende Dunkle hineingezogen wird, sich ein Schatten über das Portrait legt.

O-Ton 2: Also es lag mir nahe. Also dadurch, dass ich Vollbart, lange Haare hatte und die Assoziation ziemlich nahe lang und sich das in dem Maße der Reduktion eigentlich auch aus meinem Abbild komplett entfernt gleichzeitig. Durch diese totale Reduktion löst sich eigentlich auch die Identität auch eigentlich auf. Man erkennt halt fragmentartig irgendwie eine Person, eine Gestalt. Umrisse.

Autor: Was zu Beginn ein Selbstportrait war, wandelt sich in der künstlerischen Bearbeitung. Was zu Beginn noch spielt mit der dauerhaften Verfügbarkeit von Fotos und Selfis, verändert sich zu einem Christusbild. Während ich länger auf das Bild schaue, frage ich mich, ob ein Bild von mir eine ähnliche Wandlung erfahren könnte. Würde ich mich als Christus darstellen? Mich fasziniert der Gedanke, dass Christus sich in heute lebenden Menschen darstellt. Menschen um mich herum etwas von diesem Christus in sich tragen. Vor dem Kunstwerk muss ich hin- und herlaufen, um je nach Lichteinfall etwas von dem Gesicht zu sehen. Es hängt von meiner Perspektive ab, was ich erkennen kann und wen ich in dem Bild erblicke. Je nach Tageszeit, Blickwinkel und Perspektive ist es sogar möglich, dass ich nichts erkenne und in eine dunkle Box blicke.

O-Ton 3: Die Tranformation in dem Bild ist ja auch schwer fotografisch festzuhalten, weil es eigentlich ein Bild ist, was durch Licht, Zeit und Raum sich ändert und sich entsprechend der Tageszeit: mal erscheint es, mal erscheint es nicht. Entsprechend welcher Perspektive man einnimmt sieht mans oder sieht mans auch nicht.

Autor: Ich stelle fest, wie mich das Kunstwerk verführt in einen Dialog einzutreten. Mein Bild von Jesus ist alles andere als ein klares Bild. Übertragen könnte es bedeuten: Je nachdem ist mir eine Facette wichtig und bedeutsam. Der Tröster, der Heiler, der Prediger. Der sanft das passende Wort spricht oder der laut kantig eine Ansage macht und auf den Tisch schlägt. Und ich stelle fest: Mein Blick auf Jesus ist eher von Zweifeln geprägt. Wirklich der Sohn Gottes? Ist es der, von dem die Menschen sagen, dass er es ist? Gavrias Darstellung legt für mich auch die Frage nahe: In welchen Menschen erblicke ich Christus? Wann wurde mir Göttliches zuteil, weil Menschen mich aufgefangen haben, getröstet, versorgt, von Dummheiten abgehalten und mich wieder auf die Spur brachten? Es scheint nur eine Nuance zu sein, ins Dunkel abzutauchen, den Versuchungen zu erliegen, den Glauben zu verlieren.

O-Ton 4: ja, man verliert den Glauben, man findet ihn wieder. Gott ist mal da, mal ist er nicht da. Man ist hoffnungslos. Ich mein, das Leben hat ja viele Facetten: so wie die Licht und die Dunkelheit, die halt reinkommt und sich mal einfaded und mal ausfaded. Aber im Endeffekt ist es immer da.

Autor: So wenig ich mir ein endgültiges Bild von Jesus machen kann, etwas von ihm – so zeigt mir der künstlerische Zugang von Gavrias – strahlt in meine Welt. Nur ohne eine Auseinandersetzung, ohne ein sehr genaues Hinschauen aus verschiedenen Blickwinkeln, bleibt mir dessen Anblick verwehrt. So dunkel und trostlos die schwarze Box auch zuerst wirken mag. Je länger ich davor stehe und mich bewege, umso mehr kann ich darin sehen und entdecken.

O-Ton 5: Egal wie dunkel die Dunkelheit da ist. Das Faszinierende in der Arbeit ist kann man trotzdem etwas sehen. Das entsteht durch ein bisschen Licht. Also Licht hat wirklich eine Stärke. Egal wie dunkel etwas ist bringt es nach wie vor ein Fragment hervor.

Autor: Natürlich überlege ich, ob ich dieses „sehen können“, das Entdecken des Kunstwerkes so ganz allein hinbekommen würde? Vielleicht ist ein gemeinsames erkunden und entdecken wichtig? Vielleicht benötige ich auch Sehhilfen und Begleiter bei meinen Erkundungen. Wen würde ich mitnehmen, wenn ich das nächste Mal ein Kunstwerk besuche?

Musik 2: Can you see me? (Album: The danger of light)

CD-Name: The danger of light ; Titel: Can you see me?; Track-Nr.: 5 ; Interpret: Sophie Hunger; Komponist: Emilie Welti (Sophie Hunger); Texter: Sophie Hunger; Verlag: Two Gentlemen; Label: Two Gentleman; LC-Nr.: 47350

Autor: Ortswechsel. Christuskirche in Heinsberg. Hier hat eine Gruppe von Architekturstudenten ein neues Kreuz für die Kirche erschaffen. Ich bin neugierig. Welchen Akzent setzen junge Architekten heute? Wie setzen sie sich mit einem so alten, geprägten Symbol auseinander? Ein Symbol, das in Traueranzeigen begegnet, auf Berggipfeln und an Halsketten?

O-Ton: Der Fokus war die ganze Zeit auf dem Kreuz, weil das für mich etwas viel bedeutungsvolleres in dieser Kirche ist und ja, das war für mich eigentlich eine Ehre, dass sie sich dann für das entschieden haben, was wir uns so dabei gedacht haben. Weil das Kreuz ist ja für mich jetzt das wichtigste, Der wichtigste Gegenstand in der Kirche.

Autor: Sagt Hannah Weiß. Sie studiert Architektur an der Fachhochschule in Aachen und hat zusammen mit David Lange und Jonas Wübbe das neue Kreuz entworfen.

O-Ton: also das Kreuz ist ja klar ein Symbol der Trauer, aber wir wollten, dass es eben auch ein Symbol der Hoffnung wird.

Autor: Für die drei war das eine außergewöhnliche Aufgabe.

O-Ton: Wir haben uns dann mit der Symbolik eines christlichen Kreuzes ... auseinandergesetzt und haben da herausgefunden, ... dass die horizontale Achse für das Irdische steht, die vertikale Achse für das Himmlische steht. Und das wollten wir eben herausstellen.

Autor: In der modernen Christuskirche wirkt das mannshohe Kreuz licht und leicht. Im Kern besteht das Kreuz aus Glas. Vier Betonelemente fügen sich von außen an, als würden sie schweben. Das leichte Material trägt das Schwere.

O-Ton: Es ist erst mal so ein bisschen unfassbar, weil man nicht so ganz versteht, wie diese dicken Betonteile jetzt an dieser ganzen Sache halten. Wenn die dann auch noch offen sind, dann macht es das Ganze noch mal ein bisschen freier. Und noch ein bisschen unfassbarer.

O-Ton: Dadurch dass zumindest der Beton an den Seiten – sprich oben und unten – offen ist, symbolisiert das so ein bisschen, dass diese Achsen ins Unendliche laufen... Also gar nicht hier in diesem Raum oder in diesem Kreuz enden.

O-Ton: Ich denke, dass es uns da sehr gelungen ist, mit dem Glas so eine Leichtigkeit darzustellen, die diese Schwere trägt, was Ja auch den Gedanken trägt, dass Jesus sein schweres Kreuz irgendwie doch mit einer geistigen Leichtigkeit getragen hat.

Autor: Das neu gestaltete Kreuz ist übrigens leer. Einen gekreuzigten Christus sieht man hier nicht.

O-Ton: Die Vorstellung, dass da jemand dran gestorben ist ... das war für mich eher so eine beängstigende und bedrückende Vorstellung. Aber seitdem wir uns dann damit auseinandergesetzt haben ... hat das auch für mich ein bisschen was Erleichterndes. ...

O-Ton: Es ist ja ein Kreuz, was eigentlich gar keine bedrohliche Stimmung... rüber bringt, sondern... Ein Symbol der Hoffnung werden soll.

O-Ton: Und ich glaube, dass dieses Kreuz allein durch seine Konstruktion... Vielleicht auch ein bisschen ins Nachdenken kommt. Dass die schwere Last eben... mit einer Leichtigkeit getragen werden kann.

Autor: Die drei Architekturstudenten deuten das Kreuz nicht als Folterinstrument. Stellen nicht den Tod und die Gewalt in den Mittelpunkt. Und doch kommt in ihrer Lesart die Schwere vor. Sie lastet in Form von offenen Betonelementen auf dem fragilen, zerbrechlichen Glaskreuz. Je nach Licht im Raum der Kirche ist es gar nicht zu erkennen, wie die schweren Betonteile getragen werden. Dann schweben sie im Raum.

Musik 3: Fields of Gold (Album: Silent Light)

CD-Name:Silent Light; Titel: Fields of Gold; Track-Nr.: 8 ; Interpret: Dominic Miller; Komponist: Gordon Summer; Texter: - ; Verlag: ECM Records GmbH; Label: ECM Records GmbH; LC-Nr.: 02516;

Autor: Das Kunstwerk und die Gestaltung des Kreuzes zeigen mir, wie Architektur und Kunst in einen Dialog mit mir eintreten. Zu Beginn vielleicht etwas sperrig, aber je länger ich mich damit auseinandergesetzt habe, umso intensiver wurden meine Fragen und Gedanken, ausgelöst durch Gestaltung, Material, Formen und Farben. Ich habe nach Erklärungen gesucht, versucht zu entschlüsseln, was ich sah. Was Worte nicht sagen können, haben die beiden so unterschiedlichen Werke für mich erlebbar gemacht. Auch wenn mein Gegenüber dabei stumm blieb, nicht dazwischen ging, mir kein richtig oder falsch entgegnete. Für mich eine aufregende Reise in religiöse Dimensionen: Der Christus in mir und meinen Mitmenschen. Das Licht, das je nach Einfall aus dem Dunklen ein Antlitz sichtbar werden lässt. Oder das Kreuz als Hoffnungszeichen, das das Schwere leicht macht, es trägt und aushält. Das Schatten wirft und im Glas Lichtakzente spiegelt. Vielleicht haben Ihnen meine Kunsterlebnisse Lust gemacht, sich mal wieder in ein Museum aufzumachen oder eine Kirche mit Kunstwerken zu besuchen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie dabei Entdeckungen machen, die Sie auf neue inspirierende Gedanken bringen, Sie irritieren oder aufrütteln. Augenblicke von Erkennen und genau hinsehen. Am besten zu Zweit mit einer guten Freundin oder einem guten Freund. Als Sehhilfe für das, was man selber übersieht und als Miterkunder für Fragen an das eigene Leben.

Mit dieser Anregung vielleicht als heutige Sonntagsidee verabschiedet sich Michael Birgden aus Hürth.

Musik 3: Fields of Gold (Album: Silent Light)

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