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Das Geistliche Wort | 10.01.2016 | 08:35 Uhr

Weite wirkt

Autor: Guten Morgen! Good morning! Oder auch: Selamat pagi! Das ist Indonesisch. Vier Monate noch, dann werden in vielen evangelischen Gemeinden solche Begrüßungen zu hören sein. Oder auf Suaheli, portugiesisch oder chinesisch. Evangelische Christinnen und Christen aus der ganzen Welt werden in Nordrhein-Westfalen zu Gast sein. Die evangelischen Kirchen sind eine Weltkirche. „Die etwas andere Weltkirche“ hat man sie im Vergleich zur katholischen genannt. Vielfältig. Bunt. In fast allen Ländern der Erde vertreten.

Im nächsten Jahr begehen alle evangelischen Kirchen weltweit den 500. Jahrestag der Wittenberger Reformation. Auf dem Weg zu diesem Ereignis gibt es jedes Jahr einen Themenschwerpunkt. In diesem Jahr heißt er: „Reformation und die eine Welt.“ Denn Reformation ist kein sächsisches Provinzereignis. Sie betrifft die ganze Welt!

Die protestantischen Kirchen sind unglaublich vielfältig. Da gibt es zum Beispiel die Lutheraner, Reformierten, Methodisten oder Baptisten. Sie alle haben eine gemeinsame Basis: Alle hören auf das Wort Gottes und sie sehen sich als Teil einer weltweiten Gemeinschaft. Sie wollen die Welt miteinander gestalten und bewahren. Spiritualität und Engagement – das gehört in der weltweiten Ökumene zusammen.

O-Ton 1 (Mohring-Kohler): Wenn ich in der Christus Kirche, also in Namibia, in Windhuk bin, und erlebe dort einen Gottesdienst, dann denke ich immer: Egal, ob ich nun in Harsewinkel in der Martin-Luther-Kirche sitze oder in der Christus-Kirche in Windhuk. Es ist wie zuhause. […] Oder wenn wir aus unserem Frauenprojekt zurückfahren und dann die Frauen praktisch „Großer Gott wir loben dich“ in Nama mit den Knacklauten singen, das ist toll.

Musik 1 Adel Tawil feat. Matisyahu, Zuhause (Album: Lieder, Track 8)

Zeig mir, dass es anders geht. Lass uns zusammen singen bis uns die Welt zu Füßen liegt. Komm wir bringen die Welt zum Leuchten, egal woher du kommst. Zu Hause ist da wo deine Freunde sind. Hier ist die Liebe umsonst. Ich weiß genau, dass alles besser werden kann. Wenn ich ganz fest dran glauben, dann schaff ich es irgendwann. All of my life I've been running from the knife. Under the gun I know I got this life.

O-Ton 2 (Mohring-Kohler): Christina Mohring-Kohler, ich wohne hier in Harsewinkel und bin schon seit vielen Jahren, also seit Anfang 1979 in der evangelischen Kirchengemeinde verwurzelt. Ich habe in vielen Bereichen hier gearbeitet und in den letzten Jahren schwerpunktmäßig Öffentlichkeitsarbeit und bin auch die Vorsitzende des Weltladens.

O-Ton 3 (Liebschwager): Ich bin Martin Liebschwager, bin seit 1984 Gemeindepfarrer in Harsewinkel und hab schon zweimal mit großer Freude zwei Kreiskirchentage im Gerry-Weber-Stadion mitgestaltet und arbeite jetzt bis zum Festival im Gerry-Weber-Stadion für das Festival.

Autor: Die Gemeinde in Harsewinkel arbeitet eng mit Partnern in Namibia und Palästina zusammen. Das ist nicht ungewöhnlich. Viele evangelische Kirchengemeinden haben Partnergemeinden in aller Welt. Daraus sind Freundschaften entstanden. Und diese Freunde kommen in diesem Jahr nach Deutschland: aus Afrika, Südostasien oder Lateinamerika.

Christina Mohring-Kohler und Martin Liebschwager bereiten gemeinsam mit vielen anderen ein großes Festival vor. Am Himmelfahrtswochenende Anfang Mai wird es im Gerry-Weber-Stadion in Halle stattfinden. „Weite wirkt“ heißt die Überschrift. Unter diesem Motto wird zu Pfingsten in Mühlheim auch eine Großveranstaltung der rheinischen Landeskirche stattfinden. Und wieder eine Woche später der dritte Ökumenische Kirchentag auf dem lippischen Gut Wendlinghausen. Gastgeberin in Halle ist die Evangelische Kirche von Westfalen. Erwartet werden bis zu 20.000 Besucherinnen und Besucher. Für sie wird es ein abwechslungsreiches Programm geben. Wie bei einem Kirchentag. Und vielfältig und unterschiedlich sind die Gäste selbst.

O-Ton 4 (Liebschwager): Das wird sich in Musik äußern. Chöre aus aller Welt werden zu Gast sein. Das wird sich kulinarisch äußern, indem wir auch viele Spezialitäten aus den Partnerländern angeboten bekommen oder anbieten werden. Es wird sich in der Unterschiedlichkeit der Sprachen, in den Themenbereichen wird sich das widerspiegeln.

O-Ton 5 (Mohring Kohler): Der Freitag steht auch unter dem Thema eines Titels von Adel Tawil: „Komm, wir bringen die Welt zum Leuchten“ Das soll ein Willkommensfest für die Flüchtlinge sein. Ein Dankeschön für die Flüchtlingshelfer.

Musik 2 = Musik 1

Ruthless, they want my heart tonight. I'm a run these lines 'til my insides shine. And I find some peace of mind. Yeah. – Komm wir bringen die Welt zum Leuchten, egal woher du kommst. Zu Hause ist da wo deine Freunde sind. Hier ist die Liebe umsonst.

Autor: Vorbei sind die Zeiten, als Deutsche und Europäer das Bild des Protestantismus prägten. Heute leben in Deutschland weniger Protestanten als im Kongo und nur etwas mehr als in Kenia. Das Land mit den meisten Protestanten sind die USA, gefolgt von Nigeria, China und Brasilien. Afrika ist heute der Kontinent mit den meisten protestantischen Christinnen und Christen. Europa liegt noch hinter Amerika und Asien. (1) So verschieden die Formen des Glaubens in diesen Ländern auch sind – umso wichtiger ist, was der Apostel Paulus schreibt: „Wir sind allesamt einer in Christus Jesus.“

O-Ton 6 (Gal 3,26-29, aus: Die Große Hörbibel – Die Bibel nach Martin Luther. Von der Deutschen Bibelgesellschaft, CD 15, Track 16, gelesen von Ernst August Schepmann)

Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. Gehört ihr aber Christus an, so seid ihr ja Abrahams Kinder und nach der Verheißung Erben.

Autor: Paulus war in der Reformationszeit sozusagen wiederentdeckt worden. Dass Martin Luther 1517 mit seinen Thesen gegen den Ablasshandel an die Öffentlichkeit trat, war das Ergebnis seiner gründlichen Bibelstudien. Im Neuen Testament las er auch, dass der christliche Glaube von Anfang an in die Weite wirken wollte. Jesus hatte den Auftrag erteilt, das Evangelium in die ganze Welt zu verbreiten. Am Pfingsttag hatten die ersten Christen erlebt, dass Menschen mit den unterschiedlichsten Muttersprachen sich verstehen konnten: Jeder fühlte sich ganz persönlich in seiner eigenen Sprache angesprochen. Und Paulus setzte dem die Krone auf: Alle Menschen sind verbunden durch Jesus Christus, sagte er. Egal, welche Hautfarbe sie haben. Welches Geschlecht. Oder welche soziale Stellung.

Wir alle leben in einer Welt. Diese Erfahrung gab es auch schon in der Zeit der Reformation. Amerika war nur 25 Jahre vor Luthers Thesen entdeckt worden. Und zwei Jahre nach 1517 umsegelte die Mannschaft von Ferdinand Magellan zum ersten Mal die gesamte Welt. Am Anfang erlebten die Menschen die unbekannten Völker jedoch als fast unüberwindlich fremd. Die Bewohner der neu entdeckten Länder wurden als Wilde abgewertet. Oft stellten die Europäer sie vor die Wahl zwischen Taufe und Tod. Im Goldrausch wurden ganze Weltgegenden versklavt.

Die Folgen dieser historischen Schuld reichen bis in die Gegenwart. Umso wichtiger, dass Christinnen und Christen heute ihre Verbundenheit erleben. Und dass sie daraus den Auftrag ableiten, sich für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt einzusetzen.

Musik 3: Adel Tawil, Kartenhaus (Album: Lieder, Track 6)

Und das was uns verbindet ist so viel näher, als wir verstehen. Die Zeit vergeht, zieht uns fort. Doch ich will an keinen anderen Ort, denn man ist niemals soweit. Ich will, dass das für immer bleibt. Ich will, dass du für immer bleibst.

Autor: Martin Luther betete. Er versuchte, seine Gedanken und Gefühle auf eine Mitte hin auszurichten. Auf Jesus Christus. Er suchte nach Antworten auf seine Fragen. Auf die Herausforderungen seiner Zeit. Dazu las er in der Bibel. Er war das, was wir heute einen spirituellen Menschen nennen. Denn Spiritualität meint genau das: Sich sammeln im Gebet. Sich öffnen für die Begegnung mit Gott. Die eigenen Fragen und Themen ins Gespräch mit Gott bringen. Das geht alleine in einem stillen Raum oder beim Festival „Weite wirkt“ im Gerry-Weber-Stadion, gemeinsam mit anderen aus aller Welt:

O-Ton 7 (Liebschwager): Wir werden ein Zelt der Stille dort haben. Wir werden einen großartigen Gottesdienst dort erleben am Sonntagmorgen. Wir werden auch viele spirituelle Angebote dort haben. Und wie aus diesen Kraftquellen des Glaubens […] sich die Weite öffnet und daraus die Verantwortung erwächst: Ja, wir sind nur eine Welt! Wir sind gemeinsam Schöpfung. Wir haben eine gemeinsame Verantwortung für diese Schöpfung. Und das wird auch sehr stark zum Tragen kommen, dass das auch eine Folge des Glaubens ist. Nicht einfach eine Sozialromantik oder sonst etwas, sondern dass der Glaube uns auf Wege weist, wie wir diesen Glauben in unserer Welt leben können.

Autor: Die Kirche erlebt im Moment einen Aufbruch. In der Vergangenheit hat es immer wieder Projekte gegeben, um Ehrenamtliche zu gewinnen. Und die Freude war groß, wenn sich einzelne Menschen ansprechen ließen. Jetzt hat sich die Lage umgekehrt. Die Menschen fragen von sich aus, wo sie mitmachen können. Das Thema Flüchtlinge hat nicht nur Deutschland aufgeweckt, sondern auch die Gemeinden. Die einen haben Angst und reagieren mit Abwehr. Aber viele sehen die große Aufgabe. Und sie wollen daran mitwirken, dass die Ankommenden bei uns gut aufgenommen werden. Menschen, die vor unvorstellbarer Gewalt und Grausamkeit aus ihrer geliebten Heimat fliehen.

Viele Helferinnen und Helfer gehen immer wieder bis an die Grenzen ihrer Kräfte. Immer mehr stellen sie deshalb die Frage, aus welchen Quellen sie neue Energie für sich gewinnen können. Viele, die neu zur Gemeinde kommen, entdecken für sich die Erfahrung: Spiritualität und Engagement gehören eng zusammen. Einsatz ohne Kraftquelle ermattet. Und Gebet ohne Taten bleibt fruchtlos.

Musik 4: Adel Tawil, Herzschrittmacher (Album: Lieder, Track 9)

Müde Augen, müde Welt. Doch du bist das, was mich am Leben hält. Ohne dich könnt ich all das nicht tragen. Ohne dich hört mein Herz auf zu schlagen. Du machst mich wach und wacher, so wie ein Herzschrittmacher. Ohne dich hört mein Herz auf zu schlagen. Ohne dich hätt ich so viele Fragen. Du machst mich wach und wacher. Du bist mein Herzschrittmacher.

Autor: Spiritualität und Engagement – beides gehört zusammen. Aufmerksam sein für Jesus Christus und sein Evangelium. Und für die Verantwortung, die ich für andere Menschen habe. Beides ist in der weltweiten Ökumene keine Einbahnstraße mehr. Als weiße Missionare und Händler die nichteuropäische Welt kolonisierten, war das noch anders. Sie verstanden sich als die Bringer von Kultur und Glauben. Von Christentum und Bildung. So wurde nicht zuletzt die wirtschaftliche Ausbeutung vieler Länder gerechtfertigt. Voller Stolz auf die eigene Überlegenheit.

Das ist zum Glück vorbei. Vor 100 Jahren lebten gut vier Fünftel der Christen auf der Nordhalbkugel. Heute sind es noch knapp zwei Fünftel. Höchste Zeit, gegenseitig voneinander zu lernen. Spirituelle Impulse aus dem Süden zu bekommen. Anregungen für den Aufbau lebendiger Gemeinden ebenso wie für den Umgang mit Flüchtlingen. Und zu erfahren, dass Handeln Hand in Hand am besten geht.

Das Festival „Weite wirkt“ hat genau dieses Ziel. Ein Ort zu sein, wo Menschen sich drei Tage lang begegnen. Gemeinsam beten und reden. Sich gegenseitig vorstellen und zusammen feiern, essen und singen. Und erleben, dass wir bei aller Vielfalt tatsächlich eine große Gemeinschaft sind. Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Pfarrer Sven Keppler von der evangelischen Kirche in Versmold. Good bye und ci vediamo a Halle oder den anderen Orten, wo die Weite wirken darf!

Musik 5 = Musik 1

Quellenangabe:

(1) Pew Research Center, Global Christianity. A Report on the Size and Distribution of the World’s Christian Population, Washington 2011, S. 27-29.

www.weite-wirkt.de

Musikinformation

Musik 1=2=5

CD-Name: Lieder

Track-Name/-Nr.: Zuhause / 8

Interpret: Adel Tawil, Matisyahu

Komponist: Beatzarre, Jack Knight, Matisyahu, Konstantin Scherer, Adel Tawil

Textdichter: Adel Tawil

Verlag: Universal

LC-Nr. 14513

Label: Vertigo Berlin

Musik 3

CD-Name: Lieder

Track-Name/-Nr.: Kartenhaus / 6

Interpret: Adel Tawil

Komponist: Robin Grubert, Adel Tawil, Simon Triebel, Ali Zuckowski

Textdichter: Adel Tawil

Verlag: Universal

LC-Nr. 14513

Label: Vertigo Berlin

Musik 4

CD-Name: Lieder

Track-Name/-Nr.: Herzschrittmacher / 9

Interpret: Adel Tawil

Komponist: Adel Tawil, Simon Triebel, Ali Zuckowski

Textdichter: Adel Tawil

Verlag: Universal

LC-Nr. 14513

Label: Vertigo Berlin

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