Beiträge auf WDR2  

evangelisch

Kirche in WDR 2 | 13.10.2015 | 05:55 Uhr

Wer ist hier eigentlich "dement"?

Gestern fand der Sohn das Telefon im Kühlschrank. Die Mutter lachte verlegen. Vor 84 Jahren wurde sie im Wohnzimmer geboren. Beide Söhne sind sich einig: Wenn sie es kräftemäßig irgendwie schaffen, soll sie dort auch sterben können.

Verrückte Dinge passieren in der letzten Zeit: Lampenschirme mutieren zu Trockenhauben, Puppen zu Kindern, Handtücher und Geschirr verschwinden unauffindbar.

Aber was ist schon normal? Die demenzkranke Mutter erlebt sich selbst nicht als

verrückt. Sie lebt in ihrer Welt. Ihre Wahrnehmung, ihr Denken, ihr Erleben schaffen eine eigene Wirklichkeit. Eigentlich nichts Besonderes. Das tun wir doch alle. Nur dass die meisten Menschen gesellschaftliche und kulturelle Verabredungen weitgehend einhalten. So wird man als „normal“ bezeichnet, während andere sie überschreiten und als „dement“ gelten. Verrückt sind die, die andere erfolgreich so bezeichnen.

Ein Neurologe erklärte mir, dass beim Alterungsprozess Zellen abgebaut würden. Je älter die Menschen würden (Je länger die Menschen lebten), umso eher bestünde die Gefahr, dass das Gehirn nicht mehr mitkäme. Man könne aber durch geistiges Training dem Abbau entgegenwirken.

Warum aber trifft es nicht nur „schlichtere Gemüter“, sondern auch Intellektuelle? Menschen, die bis zum Ruhestand in Führungsämtern gefordert und geistig überaus trainiert waren? Nimmt die Demenz durch das individuelle Altern zu oder durch Entwicklungen unserer Gesellschaft?

Vielleicht, so denke ich, gibt es einen Zusammenhang zwischen der Flucht vieler Menschen in die Demenz und der Erfahrung, nicht mehr gebraucht zu werden. In anderen Kulturen begegnet man alten Menschen mit hohem Respekt und fragt ihre Lebenserfahrung ab. Bei uns gelten die Alten zunehmend als Belastung. Der Wert menschlichen Lebens hängt bekanntlich von seiner Produktivität ab. Gewünscht ist, wer nützt! Wer´s nicht bringt, ist out. Wer nicht mehr mithalten kann, sowieso. Vielleicht können viele deswegen unsere Welt nicht mehr ertragen und flüchten: Die Älteren in die Demenz, die Jüngeren in 3-D-Welten oder in die Sucht.

Der Handwerker aus Nazareth stellte Menschen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, die wir heute zur sog. „Subkultur“ zählen: Kriminelle, Verrückte, Arme, Prostituierte, Kranke und Alte. Nicht als Objekte unserer Fürsorge, wie wir das gern haben. Sondern weil Gott sich mit ihnen (bis zur Verwechselbarkeit) identifiziert. Bei den scheinbar Nutzlosen können wir Wesentliches über Gott und damit über uns erfahren. Ein wenig verrückt ist das: Gott nicht auf der Seite der vermeintlich „Normalen“, bei der Definitionsmacht, sondern bei denen, die „out“ sind, die es nicht oder nicht mehr bringen.

Ich hab das erlebt: Da stellt die Demenz eines nahen Verwandten alles in Frage, was sicher zu sein schien. Zugleich aber öffnet seine Verwirrung die Augen für das, was wirklich wichtig ist.

Das Telefon gehört in der Regel nicht in den Kühlschrank, die Stehlampe ist keine Trockenhaube, und die Puppen sind keine Kinder. Aber manchmal - in allem Chaos, bei aller alltäglichen Überforderung, kann man es fühlen: Gott ist gerade da, wo wir nicht mit ihm rechnen. Mitten drin.

katholisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
evangelisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)
katholisch
Abspielen (titel)