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Kirche in WDR 3 | 01.05.2015 | 07:50 Uhr

Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen

Guten Morgen! „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.“

Ich wünschte mir, dass auch andere Bibelworte so bekannt und bei Politikern so beliebt wären wie dieser Satz vom Apostel Paulus. Sogar bis in die Verfassung der Sowjetunion hatte es das Pauluswort geschafft: „Die Arbeit ist in der UdSSR Pflicht und Ehrensache jedes arbeitsfähigen Staatsbürgers nach dem Grundsatz: ‚Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.’“ Zur Verteidigung von Hartz IV griff der ehemalige Vizekanzler und Bundesarbeitsminister Franz Müntefering zur Autorität der Heiligen Schrift: „Nur wer arbeitet, soll auch essen!“ polterte er. Der Bibelsatz wurde zur politischen Waffe gegen Arbeitslose.

Nicht lange nach „Müntes“ markiger Lektion in christlicher Arbeitsmoral verhungerte tatsächlich ein junger Mann in seiner Wohnung. Das Jobcenter hatte ihm nach und nach die Bezüge bis auf null gekürzt, weil er sich nicht meldete. Der 20-Jährige war psychisch krank, lernbehindert und litt unter Depressionen. Warum er nichts von sich hören ließ und wovon er lebte, danach fragte keiner. Nachdem er über Monate zu wenig gegessen hatte, starb er. Aber wem sollte man einen Vorwurf machen – alles war nach Recht und Gesetz gelaufen. Hier stellte das Hartz-Prinzip seine grausame Logik unter Beweis.

„Nur wer arbeitet, soll auch essen.“ Genug zu essen bekommt der Mensch demnach nicht, weil er Mensch ist, sondern weil er arbeitet. Im Hartz-Gesetz ist das unbedingte Grundrecht auf Leben und Existenz abgeschafft. Es ist umgewandelt in ein Tauschverhältnis: Lebensrecht gegen Arbeitspflicht. Daran fügt sich nahtlos die Kanzlerinnen-Parole: „Sozial ist, was Arbeit schafft.“ - Egal, welche Arbeit.

Man muss Paulus jedoch richtig zuhören. Er sagt: „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.“ Damit hat er keine landläufige Faulpelzerei im Sinn. Es ist eine streitlustige Spitze gegen Enthusiasten seiner Zeit. Die dachten, der gekreuzigte und auferstandene Christus käme ja ganz bald wieder. Und deshalb sei es nicht nötig, sich noch um den Lebensunterhalt zu kümmern. Solidarität mit anderen war ihnen egal. Sie schwebten über den Dingen. Paulus geht ihr religiöser Egotrip mächtig auf die Nerven. Er will sie auf den Boden der Tatsachen zurückholen.

Paulus würde sich im Grabe herumdrehen, wüsste er, dass sein Vers Arbeitslosen um die Ohren gehauen wird, die Bewerbung um Bewerbung schreiben, von Maßnahme zu Maßnahme geschickt werden. Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen, heißt heute: Arbeite um jeden Preis. Übernimm auch noch den sinnlosesten Job und die mieseste Beschäftigung. Und wenn du keine Arbeit findest, dann arbeite hart daran, deinen prinzipiellen Willen unter Beweis zu stellen.

So etwas liegt Paulus fern. In der damaligen Welt war Arbeit etwas für Sklaven, nicht für freie Bürger. Die Christen haben das anders verstanden. Sie haben Arbeit gewürdigt als Beitrag zu Gottes Schöpfungswerk. Sie soll Gott ehren und dem Nächsten dienen. Und sie soll nicht grenzenlos sein. Dafür sorgt der Feiertag. Arbeit um der Arbeit willen und um jeden Preis ist unchristlich.

Die Hartz-Schikane wird nicht nur mit Bibelsprüchen garniert, sondern auch mit Wundererzählungen. Die biblischen Wunder werden in der Regel nicht geglaubt, das so genannte Jobwunder gern. Früher wurde über die wunderbare Brotvermehrung in der Bibel gestaunt, heute über die wunderbare Arbeitsvermehrung. Wie die wunderbare Brotvermehrung funktioniert hat, weiß man nicht. Wie das Wunder funktioniert, dass bei gleich bleibendem Arbeitsvolumen die Jobs zunehmen, schon: mehr miese Maloche.

Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen? Die Arbeiterbewegung hat die nötige Ergänzung gefunden und Paulus damit einen Dienst erwiesen: „Und weil der Mensch ein Mensch ist, drum braucht er was zu essen, bitte sehr“.

Ihre Pfarrerin Silke Niemeyer aus Recklinghausen.

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