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katholisch

Kirche in WDR 3 | 13.06.2017 | 07:50 Uhr

Wie geht aufräumen?

Guten Morgen!

Als Krankenhausseelsorger wurde ich einmal zu einer Patientin gerufen, die mir bei meinem ersten Besuch sagte: „Ich muss aufräumen.“ Sie wusste seit einiger Zeit, dass sie sterben muss. Und sie sprach davon ganz ruhig und unaufgeregt. 50 Jahre war sie und sie hatte das Gefühl, nur noch wenige Tage zu leben. Sie suchte jemanden, der bereit war, sie auf ihrem Sterbeweg zu begleiten.

Ich sagte zu. Und noch heute denke ich manchmal an sie. Sie hat mir etwas vorgelebt. Als sie sagte: „Ich muss aufräumen“, wurde ich aufmerksam.

Wie wir aufgeräumt haben? Ganz einfach: sie erzählte mir von ihrem bewegten Leben. Drei Mal war sie verheiratet. Ihre erste Ehe war gescheitert. Dann heiratete sie einen verwitweten Mann mit drei Kindern. Von ihren Stiefkindern wurde sie wie eine leibliche Mutter geliebt. Als dieser zweite Mann verstarb, heiratete sie ein drittes Mal. Sie sollte bald erfahren: nun war sie es, die ihren Partner würde zurücklassen müssen, denn ihre schwere Krankheit ließ nicht auf sich warten.

Von Beruf her war sie Gymnastiklehrerin. Körperbeherrschung, Rhythmus spüren – darin kannte sie sich aus. Und sie erzählte, wie wichtig es ihr war, dass die Schüler eine gute Beziehung zum eigenen Körper finden. Sie brachte ihnen bei, mit dem eigenen Körper auf Du und Du zu stehen, und Signale zu erkennen. In dieser Weise ging sie auch mit ihrem Körper um, als sie die Schmerzen ohne Morphium nicht mehr aushalten konnte. Wenn die Wirkung nach ließ, griff sie nicht gleich zu neuer Betäubung, sondern wartete eine Zeit lang ab. „Ich will wissen, woran ich bin“, sagte sie. Sie wollte ihren Körper ausreden lassen, wollte hören, was die Schmerzen ihr zu sagen hatten.

Als ich sie nach ihrer Entlassung einmal besuchte, öffnete sie mir selbst die Tür. Sie hatte das Krankenlager verlassen und kümmerte sich wieder um den Haushalt. Sie bügelte die Wäsche und wirkte dabei wie eine Hausfrau, die mitten im Leben steht. „Ich weiß“, sagte sie, „dass ich eine tickende Uhr in mir trage. Doch nie in meinem Leben habe ich die Blumen im Garten so intensiv erlebt wie jetzt“. Sie erzähtle, wie das Aufräumen ihr neue Lebenskraft schenke und ihr Mut mache, die verbleibende Kraft sehr bewusst mit ihrem Mann zu verbringen. „Es ist mir jetzt wichtig, dass mein Mann viele Erinnerungen von unserem gemeinsamen Lebens haben wird, wenn ich nicht mehr da bin“, sagte sie.

Ich verstand mehr und mehr, was sie meinte, als sie mir anfangs sagte: „Ich muss aufräumen.“ Schritt für Schritt ging sie erzählend mit mir zu den einzelnen Personen und Orten ihres Lebens und verweilte mit mir vor Ereignissen, Begegnungen und Beziehungen ihrer Geschichte. Mir war zumute, als würde ich von ihr durch ein Museum von Bild zu Bild geführt. Vor jedem Bild blieben wir stehen. Zu jedem Bild hat sie etwas gesagt. Immer sprach sie liebevoll, freundlich und wertschätzend von allem ohne Ressentiment.

Die Art und Weise, wie sie mit sich selbst und ihren Mitmenschen umging und wie sie mit mir ihre Lebensbilder anschaute, rief in mir einen Psalmvers wach (Ps 90,12): „unsere Tage zu zählen, das lehre uns, damit wir einen wachen Sinn erlangen.“

Für heute wünsche ich Ihnen, dass Sie bereichert, wer auch immer ihnen begegnet oder in den Sinn kommt. Es grüßt Sie aus Köln Pfarrer Friedhelm Mensebach

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