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Kirche in WDR 2 | 20.03.2017 | 05:55 Uhr

Wir zählen unsere Tage nicht

Frühlingsanfang. Aufbruchsstimmung. Und genau darum geht es in dem Roman, der mich bezaubert hat, aber auch in Frage stellt: um Aufbruch, die Lust am Leben – und dass es dafür nie zu spät ist. Es geht um ein Paar, das in die Jahre gekommen ist. Sie, eine bekannte Radiomoderatorin, muss vom Sender abtreten. Er, ein freischaffender Künstler, muss sein Atelier aufgeben. Clou der Geschichte: Das Paar fängt im Seniorenalter radikal neu an. Sie geben alles auf und erfüllen sich alte Lebensträume. „Seid ihr verrückt?“, fragen die erwachsenen Kinder, „in eurem Alter?“ Die Antwort der beiden: „Wir zählen unsere Tage nicht!“

Und so heißt dann auch Silvio Blatters Roman: „Wir zählen unsere Tage nicht!“ Und ich habe mit Vergnügen gelesen, was die beiden für Dinge tun, die „man“ doch eigentlich nicht mehr tut, wenn die Lebensjahre ins Land gezogen sind. Die beiden stellen sogar ihre Beziehung auf den Kopf. Sie trennen sich räumlich – und bleiben doch ein Paar. Das versteht nun wirklich niemand. Als Paar lebt „man“ doch zusammen - vor allem, wenn „man“ schon älter ist. Aber eben nicht diejenigen, die darauf verzichten, ihre Tage zu zählen.

Ich gebe zu: Ich zähle meine Tage sehr wohl. Ich wäge ab, prüfe, rechne und überlege, was alles passieren könnte. Reicht die Zeit? Passt alles? Kann nichts schief gehen? Ich bin auch in den alltäglichen Dingen jemand, der auf Nummer Sicher geht, bevor er entscheidet. Nicht zuletzt meine Position in der Leitung eines Bistums erfordert das von mir: Entwicklungen vorausdenken und möglichst richtig einschätzen; Kalkulieren, Rechnen, Zählen. Bloß keine Fehler machen. Bloß keine unnötigen Kosten riskieren – weder an Geld, noch an Zeit. Sonst könnte es richtig viel Ärger geben!

Und dann lese ich in dem Roman: „Er zählt seine Tage aus Angst“. Das sitzt. Das trifft mich auf einer tieferen Ebene. Da geht es um mehr als meinen Beruf und meine Funktion. Da geht es um den Umgang mit meiner eigenen Endlichkeit.

Wer nur darüber nachdenkt, dass das Leben begrenzt ist und deshalb alles genau abgewogen und gesichert sein muss, der lähmt sich selbst. Ja, es gibt eine Endstation im Leben. Das ist bedrohlich, das macht Angst und Druck. Aber, so sagen die Protagonisten des Romans: Die Gemeinheit des begrenzten Lebens ist nur auszuhalten, „wenn man die Tage nicht zählt, sondern nutzt“.

„Es gibt nur eine wirklich bedeutsame Stunde“, hat der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer gesagt. Nicht auf die vergangenen Stunden und Tage komme es an, und auch nicht auf die kommenden, sondern auf die Stunde der Gegenwart. „Wer die Gegenwart flieht“, so Bonhoeffer wörtlich, der „flieht den Stunden Gottes!“

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