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Choralandacht | 10.11. 2018 | 07:50 Uhr

Vater unser im Himmelreich (eg 344)

Musik 1: (Orgel)

Sprecher: „Nun folgen etliche Gesänge, darin der Katechismus kurz gefasset ist, denn wir ja gern wollten, dass die christliche Lehre auf allerlei Weise mit Predigen, Lesen, Singen et cetera fleißig getrieben, und immer dem jungen, einfältigen Volk eingebildet, und also für und für rein erhalten und auf unsere Nachkommen gebracht würde.“ (1)

Autor: So begründet Martin Luther seine Katechismus-Lieder; Lieder, die die fünf zentralen Texte des christlichen Glaubens in Liedform bringen: Die 10 Gebote, das Glaubensbekenntnis, die Abendmahlsworte, die Einsetzung der Taufe und schließlich als Gebet das Vaterunser. Diese Lieder sollen jungen Menschen den christlichen Glauben nahebringen. Martin Luther meint, dass der christliche Glaube sich auf diese Weise über sich selbst klar wird und in die Zukunft wirkt. Nicht weniger unternimmt der Reformator mit seinem Lied zum Vaterunser, dem Gebet, das Jesus seine Schüler gelehrt hat.

Musik 2:

1. Vater unser im Himmelreich,

der du uns alle heißest gleich

Brüder sein und dich rufen an

und willst das Beten von uns han:

gib, dass nicht bet allein der Mund,

hilf, dass es geh von Herzensgrund.

Autor: Wenn die Menschen einen Vater im Himmel haben, dann haben sie in jeder Situation einen Ansprechpartner, an den sie sich wenden können. Die Beziehung zwischen den Menschen und Gott ist wie die zwischen Kindern und einem Vater, dem man alles anvertrauen kann.

Solch ein Vertrauensverhältnis zwischen Gott und uns Menschen wird im Vaterunser gbeschworen, zu solch einem Vertrauen wird mit diesem Gebet und diesem Lied eingeladen. Gegen solch ein Vertrauen wird immer wieder vorgebracht, dass es Erfahrungen mit Vätern gibt, die jedes Vertrauen in einen himmlischen Vater unmöglich machen. Wenn Väter ihren Kindern gegenüber gleichgültig sind, sie vergessen und vernachlässigen – oder wenn sie ihnen sogar Gewalt antun – wie soll man da jemals an einen lieben Vater im Himmel glauben können?

Mit dem Lied werden wir Menschen gebeten, es bei dieser Abwehr nicht zu belassen. Gerade wenn wir von unseren menschlichen Vätern enttäuscht oder gar verletzt worden sind, gerade dann ist es - im wahrsten Sinn des Wortes - „not-wendig“, den himmlischen Vater zu kennen. Der wird uns niemals enttäuschen, verletzten oder verstoßen, der wird uns stärken und aufbauen.

Jesus hat uns nicht nur dieses Gebet nahegelegt, er hat auch die Geschichte vom Vater mit seinen beiden sehr verschiedenen Kindern erzählt: das eine Kind ist brav und häuslich, das andere rebellisch, mit dem Drang: bloß weg von hier. Das rebellische Kind trennt sich äußerlich vom Vater, das andere geht auf innere Distanz zu ihm. Nach einer gewissen Zeit kommt der Rebell wieder nach Hause – völlig vereinsamt und verdreckt – und der andere Sohn, der zuhause geblieben ist, geht auf Abstand – zu seinem verdreckten Bruder und zu seinem Vater, der den Dreckskerl auch noch in die Arme schließt. Da stehen beide Kinder wieder vor ihrem Vater - und beide Kinder verstehen ihn eigentlich überhaupt nicht. Aber dieser Vater hält zu seinen beiden Kindern, er versucht sie auf sehr liebevolle Weise für sich zu gewinnen. Er veranstaltet ein großes Fest für seinen zurückgekehrten Jungen und bittet inständig den anderen Sohn, doch auch zum Fest zu kommen – ist doch schön, wenn die Geschwister sich wieder haben – oder? So einfühlsam, so engagiert verhält der himmlische Vater uns gegenüber.

Musik 3:

Sprecherin (overvoice):

1. Vater unser im Himmelreich,

der du uns alle heißest gleich

Brüder sein und dich rufen an

und willst das Beten von uns han:

gib, dass nicht bet allein der Mund,

hilf, dass es geh von Herzensgrund.

Sprecher: Darum ist’s gut, dass man frühmorgens das Gebet das erste und des Abends das letzte Werk sein lasse und sich mit Fleiß vor diesen falschen, betrügerischen Gedanken hüte, die da sagen: Warte ein wenig, in einer Stunde will ich beten, ich muss dies oder das zuvor noch fertig machen. Denn mit solchen Gedanken kommt man vom Gebet in die Geschäfte, die halten und umfangen einen dann, dass aus dem Gebet den Tag über nichts wird. (2)

Autor: So schreibt Martin Luther an seinen Wittenberger Frisör, den Barbier Meister Peter Beskendorf. Die kleine Schrift trägt den Titel „Eine einfältige Weise zu beten, für einen guten Freund“. Offensichtlich hat sich der berühmte Reformator nicht geziert, für den religiös interessierten Frisör eine anrührend eingängige Schrift zu verfassen. Damit versucht er auf seine Weise genau das einzulösen, was er in der ersten Strophe gedichtet hat: „Vater unser im Himmelreich, der du uns alle heißest gleich Brüder sein“. So ungleich wie der Reformator und der Frisör in Wittenberg, so ungleich wie die beiden Brüder in der Geschichte, die Jesus erzählt hat, so ungleich wie so manche Nachbarn auf der gleichen Straße, so ungleich waren und sind wir Menschen. Aber wenn wir einen himmlischen Vater haben, dann spielt die Ungleichheit keine entscheidende Rolle. Oder besser noch: die Ungleichheit, die oft zu Missverständnissen und Abgrenzungen führt, sie soll zum Anlass werden, den anderen Menschen geschwisterlich zu begegnen – denn wir haben denselben Vater und gehören zusammen. Wie das geht, beschreibt Luther in der 6. Strophe seines Liedes:

Musik 2:

6. All unsre Schuld vergib uns, Herr,

dass sie uns nicht betrübe mehr,

wie wir auch unsern Schuldigern

ihr Schuld und Fehl vergeben gern.

Zu dienen mach uns all bereit

in rechter Lieb und Einigkeit.

Autor: Zwischen den Menschen, die sich verletzt haben, gibt es die Chance zu einem neuen Anfang. Deswegen steht am Beginn dieser Strophe die Bitte, dass Gott uns die eigene Schuld vergeben möge. Keine eingebildete oder angedichtete Schuld, sondern genau das, was wir Gott und den anderen schuldig geblieben sind – genau das gehört hier her.

Sprecher: Gott möge uns die vielen Streitigkeiten von morgens bis abends verzeihen-

das Hin- und Herlaufen zwischen den vielen Fronten-

und all die Vorwürfe, die wir uns gegenseitig machen

möge er in herzhaftes Gelächter verwandeln

und unsere Bosheiten in viele kleine Witze auflösen. (3)

Autor: So hat der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch den langen Weg von der Selbsterkenntnis bis zum Herzen der anderen Leute beschrieben. Aber auch bei Martin Luther schwingt eine große Portion Menschenkenntnis mit, wenn er in der Schrift für seinen Frisör die Bitte um Vergebung auslegt. Er drückt seine Gedanken hier in Gebetsform aus.

Sprecher: Vergib auch all unseren Feinden und allen, die uns Leid und Unrecht antun, wie auch wir ihnen von Herzen vergeben. Denn sie tun sich selbst damit das größte Leid an, dass sie dich durch ihr Handeln gegen uns erzürnen. Und uns ist mit ihrem Verderben nicht geholfen, sondern wir wollten sie viel lieber mit uns selig sehen. (4)

Autor: Martin Luther ist alles andere als ein Vorzeigeheiliger. Auch in der Schrift für seinen Frisör hat er an mehreren Stellen gegen Katholiken und Andersglaubende heftig polemisiert. Aus anderen Schriften und Äußerungen Luthers wissen wir, dass er mit dazu beigetragen hat, seine vermeintlichen Gegner zu vernichten. „Uns ist mit ihrem Verderben nicht geholfen“, schreibt er. Wenn Luther doch mit dieser tiefen Erkenntnis selbst ernsthafter umgegangen wäre. In seinen Schriften gegen die Juden z.B. ist davon nichts übriggeblieben. Er war ein Mensch mit Fehlern. Das hat er selbst gewusst. Das letzte von ihm überlieferte Wort lautet: „Wir sind Bettler. Das ist wahr“. (5)

Ihm blieb selbst nichts anderes übrig, als darauf zu bauen, dass der himmlische Vater auch ihm seine Schuld vergeben wird.

(1) zit. nach Gerhard Hahn, Vater unser im Himmelreich, in: HEG, S.55

(2) zit. nach: Martin Rößler, Psalter und Harfe wacht auf, Liedpredigten 2009, S. 157ff, S. 167

(3) Hanns Dieter Hüsch, Das Schwere leicht gesagt, Düsseldorf, 1991, S. 151f

(4) Rößler, a.a.O.: S. 165

(5) M. Luther, Ausgewählte Werke Bd.6, München, 1968, S. 428

Musikinformationen:

Musik 1: (Orgel)

CD-Name: Eine feste Burg – WDR-Rundfunkchor Köln Konzertmitschnitt Dortmund 14.10.2017

Titel: Vater unser im Himmelreich

Track: 1

Interpret: WDR Rundfunkchor Köln

Leitung: Stefan Parkman

Komponist: Johann Sebastian Bach

Texter: unbekannt

Verlag: Carus Kaufmaterial

LC-Nr.: Z2323

Label: Eigenproduktion

Best.Nr.4.023

Musik 2:

CD-Name: In dir ist Freude

Titel: Vater unser im Himmelreich

Interpret: Dorothea Rieger, Heike Werner, William Lombardi, Markus Volpert

Jan Katzschke, Martin Wollin

Leitung: unbekannt

Komponist:Tischsegen des Mönchs von Salzburg vor 1396, Böhmische Brüder 1531, Martin Luther 1539

Texter: Martin Luther

Verlag: Janz Team e.V.

LC-Nr.: 03583

Label: JanzTeam Music

Best.Nr. 556225

Musik 3:

CD-Name: Luther | Anonymus | Krieger | J.S. Bach u.a. Verleih uns Frieden gnädiglich

Titel: Vater unser im Himmelreich

Track: 1

Interpret: Britta Schwarz (Mezzosopran); Domen Marincic (Viola da gamba); Margret Köll (Harfe); Maria Graf (Harfe)

Leitung: unbekannt

Komponist: Martin Luther

Texter: Martin Luther

LC-Nr.:03722

Label: Querstand

Best.Nr.VKJK1703

EAN: 4025796017038

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