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Kirche in WDR 2 | 27.01.2017 | 05:55 Uhr

Albaniens Gastfreundschaft

Heute ist Holocaustgedenktag, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Das Erinnern an das, was damals geschah, war lange Zeit ein Motor für Versöhnung und gegen das Vergessen: Nie wieder sollte sich wiederholen, was heute vor 72 Jahren in Auschwitz-Birkenau zu Ende ging: Dass dort, und nicht nur dort, die Anderen systematisch vernichtet wurden: die Andersgläubigen, die Andersdenkenden, die Anderslebenden, die Anderssprechenden.

Gerade hier, auf europäischem Boden hat sich seit damals die Idee immer mehr durchgesetzt: Friedliches Zusammenleben bedeutet mehr Menschlichkeit.

Aber dass das heute noch keine Selbstverständlichkeit ist, daran wurde ich letzte Woche erinnert von einem LKW-Fahrer aus Albanien. Ausgerechnet ein Albaner! Gentian muss Deutschland Anfang Februar verlassen. Seit einem Jahr gilt Albanien wieder als sicheres Herkunftsland.

Aber warum ist für seine Familie kein Platz in Deutschland? Gentian hat hier einen festen Job, den kein Deutscher tun will, er nimmt also niemandem einen Job weg. Seine beiden Töchter sprechen nach einem Jahr bewundernswert gut Deutsch. Die ganze Familie ist bereit, sich hier zu integrieren. Warum sollen sie also zurück nach Albanien?

Ich sitze im Cafe mit Gentian, mit dem ich bis zuletzt gekämpft habe, dass er bleiben kann. Und da platzt es aus ihm raus, noch einmal:

"Was war mit den Willkommensschildern, mit denen sie uns am Bahnhof in München begrüßt haben?" "Braucht ihr nicht Arbeiter wie mich?" Und dann: "Habt ihr Albaniens Gastfreundschaft vergessen?" Ich stutze. Gentian erzählt vom Dritten Reich. Als Albanien das einzige Land war, das ausnahmslos Juden aufgenommen hat.

Kein einziger Jude wurde an die deutschen Besatzer verraten . Während die Schweiz schon sagte "das Boot ist voll", war der albanische Pass für viele Juden Europas das rettende Dokument.

Die Geschichte der Menschlichkeit wurde während des Holocausts vor allem von Albanern mit großer Solidarität gegen viele Widerstände geschrieben.

Das hatte ich nicht gewusst. Ich konnte das gar nicht glauben Ich musste nach meinem Cafe-Besuch recherchieren um zu wissen, dass Gentian Recht hatte. Albanien war damals der Rettungsanker für viele Menschen. Das scheint heute vergessen.

Heute schottet Deutschland sich ab, besonders gegenüber Albanern. Die Behörden haben Gentians Familie die Duldung verweigert, obwohl sie niemandem etwas wegnehmen, sondern ganz im Gegenteil: Gentian leistet seinen Beitrag als normaler Arbeitnehmer in unserem Land, ist solidarisch und will für sich und seine Familie eine sichere Zukunft aufbauen, bei und mit uns. Jetzt müssen er und seine Familie zurück – ohne Perspektive.

Ich frage mich: Wie steht es um die Solidarität mit den Anderen? Ich beobachte: Seit den Silvesterereignissen in Köln vor einem Jahr hat die Solidarität hierzulande massiv abgenommen. Aber nicht nur in Deutschland – in ganz Europa. Wir schauen kollektiv weg, während die Flüchtlinge in den Lagern derzeit frieren.

Stattdessen kursiert der Generalverdacht: Potenzielle Gefährder. Alles nur Schmarotzer.

Aber so werden wir weder unserer Geschichte noch unserer Zukunft gerecht, die sich doch orientieren wollte an Werten wie Menschlichkeit, Erinnerung, Solidarität.

*http://www.hagalil.com/archiv/2006/06/ramaj.htm

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