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Kirche in WDR 4 | 02.05.2015 | 08:55 Uhr

Alles vernetzt

Guten Morgen! In Haselünne geht eine Rehaklinik ans Netz. In Neuss geht ein Möbelhaus ans Netz. In Bornim geht eine Grundschule ans Netz. Was früher eröffnet wurde, indem der Bürgermeister mit großer Schere das Schleifenband durchschnitt, geht heute ans Netz. Alles muss ins Netz. Jeder ist vernetzt. Was des Fisches sicherer Tod ist, ist des Menschen Lebenselement: Das Netz. Das Netz ist der Inbegriff der Freiheit geworden: Freiheit, jederzeit und an jedem Ort über Entfernungen hinweg dabei zu sein. Es ist auch Inbegriff der Sicherheit geworden: Sicherheit, jederzeit und an jedem Ort über Entfernungen hinweg in Kontakt zu sein.

Vernetzt zu sein, heißt unabhängig zu sein und geborgen zu sein.

In den achtziger Jahren fragte sich Heinz-Rudolf Kunze: „Was sind das bloß für Menschen, die Beziehungen haben, betrachten die sich denn als Staaten? Sie berühren sich nicht, sie verführen sich nicht... Sie enden wie Diplomaten.

Dreißig Jahre danach müsste man Kunzes Song umschreiben: „Was sind das bloß für Menschen, die Netzwerke haben, betrachten sie sich als Maschinen? Sie berühren sich nicht, sie verführen sich nicht, sie enden wie ... – wie sie enden weiß ich nicht. Aber da geht ein Paar zusammen essen. Und im Restaurant checkt sie ihre E-Mails und er telefoniert mit seinem Kollegen. Da sind fünf Jugendliche auf einer Konfirmandenfahrt, die abends miteinander in ihrem Zimmer sitzen, jeder mit seinem Smartphone beschäftigt. „Alles ist miteinander vernetzt, aber die Entfernungen zwischen den Menschen werden immer größer.“, behauptet der Autor Moritz Rinke. (1)

Je mehr die Telefone ihre geringelten Schnürlein verloren, desto mehr ließen ihre Benutzer sich an die Leine legen – gefangen im Netz der Illusion, grenzenlose Möglichkeiten zu haben. Die große Freiheit des Netzes hat eine hässliche Kehrseite, und die heißt Überwachung. Und die Kehrseite der großen Sicherheit heißt Kontrolle. Der vernetzte Mensch ist der überwachte und kontrollierte Mensch. Nicht nur durch die allgegenwärtigen Geheimdienste und Datenfischer, auch durch die sozialen Netzwerke. Ständig muss man reagieren, sich präsentieren, muss sich mit anderen vergleichen, ein Bild von sich liefern. In Echtzeit, sofort. Eine Psychologin nennt das „eine bösartige Selbstvergiftung“. (2)

Die so genannten sozialen Netzwerke werden dadurch nicht selten Arena für asoziales Verhalten, Mobbing und Hysterie.

Ich will beileibe nicht zurück in die Zeiten, als Telefone noch Familienmitglieder waren, die ein Kleid aus besticktem Brokat trugen und einen freundlich mit ihren Wählscheibenloch-Äuglein anblickten. Aber ich wünsche mir mehr Unmittelbarkeit ins Zusammenleben zurück. Es ist schwer, sich dem Zwang, ins Netz zu gehen, zu entziehen. Man muss vielleicht andere Bilder finden als das vom Netz, solidarischere Bilder. Ein biblisches Bild vom Zusammenleben ist das Bild vom lebendigen Leib:

„Ihr alle seid viele Glieder und doch nur ein Leib. (...) Der Kopf kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht. Im Gegenteil, gerade die schwächer scheinenden Glieder des Leibes sind unentbehrlich. (...) Gott hat den Leib so zusammengefügt (...), damit (...) alle Glieder einträchtig füreinander sorgen. Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm.“ (1 Korinther 12,12ff)

In einer Gesellschaft, die Leib ist, wie Paulus sie beschreibt, braucht man einander. Eine Netzgesellschaft hat User – Nutzer, die ihrerseits benutzt werden. Ich möchte nicht auf den Nutzen reduziert werden. Ich brauche meine Mitmenschen und möchte gebraucht werden. Weniger Netz und mehr Freiheit für leibhaftige Begegnungen, mehr Offenheit für die Menschen aus Fleisch und Blut, die hier und jetzt da sind, das wünsche ich uns. Ihre Pfarrerin Silke Niemeyer aus Recklinghausen.

(1) http://www.rowohlt.de/buch/Moritz_Rinke_Wir_lieben_und_wissen_nichts.1489893.html

(2) http://www.sueddeutsche.de/leben/selbstverletzendes-verhalten-wenn-die-seele-blutet-1.2314345

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