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Das Geistliche Wort | 06.12.2015 | 08:40 Uhr

Alte Psalmen neu vertont

O-Ton Buthmann: Ich glaube, Musik ist das Medium, was alle Menschen am direktesten erreichen kann. Es ist ein Zugang, der nicht so sehr über den Kopf geht, sondern er trifft eigentlich im besten Fall direkt in Bauch und Herz.

Autor: sagt Miriam Buthmann. Und die muss es wissen. Sie ist 28 Jahre jung und Kirchenmusikerin. Mit ihren Piercings und Rastalocken passt sie allerdings so gar nicht in das Klischee von Kirche und Musik. Meist sitzt sie auch nicht an der großen Kirchenorgel, sondern probt mit einem Gospelchor oder einer Jugend-Band. Denn als Kantorin ist sie zuständig für Rock, Pop und Jazz in die Kirche. Mit ihrer eigenen Band hat Hamburgerin jetzt ein Album produziert. Titel: Mit einem anderen Blick.

Musik 1 (Buthmann, Du gibst dich mit uns ab): Ich bestaune / den Himmel, den du malst, / Mond und Sterne auf ihrer Bahn. / Große Weiten / dort über unsrer Welt, / klein sind Menschen vorm Himmelszelt.

Autor: Guten Morgen! Mein Name ist Titus Reinmuth, in bin Rundfunkpfarrer und lebe in Wassenberg am Niederrhein. Miriam Buthmann hat Psalm 8 aus der Bibel als Vorlage für ihren Songtext genommen. In der Bibel steht über dem Psalm eine Überschrift: „Für die musikalische Aufführung mit der Gittit“ Das ist altes ein Saiteninstrument. Vor mehr als zweitausend Jahren hat man die Psalmen also auch schon gesungen. Klar, die Noten sind nicht mehr da, aber die Liedtexte in der Bibel haben es oft in sich. So wie Psalm 8.

Sprecherin:

Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk,

den Mond und die Sterne, die du bereitet hast:

was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst,

und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?

Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott,

mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.

Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk,

alles hast du unter seine Füße getan.

(aus Psalm 8)

Musik 1 (Buthmann, Du gibst dich mit uns ab): Und du gibst dich mit uns ab, mein Gott. / Du verleihst uns Würde und Macht. / Es fehlt nicht viel und wir sind wie du. / Du gibst dich mit uns ab, mein Gott. / Du verleihst uns Würde und Macht. / Es fehlt nicht viel und wir sind wie du.

O-Ton Buthmann: Ich hab versucht auszudrücken, wie wundervoll alles ist, was uns umgibt, und die Frage zu stellen, wie viel von der Größe, die der Mensch erhalten hat, wie viel von der Macht uns eigentlich gut steht und zusteht.

Autor: Miriam Buthmann sieht in diesem Lied aus der Bibel nicht nur ein Staunen über Gottes Schöpfung. Sie meint, wir müssten darauf achten, wie wir heute leben.

O-Ton Buthmann: Das heißt, dass der Mensch mit allem, was er kann, sowohl technisch, als auch was die Nachhaltigkeit betrifft, dass man sich da schon die Frage stellen sollte, ist das eigentlich im Sinne der Schöpfung, wie wir handeln heute?

Autor: Der Mensch in Gottes Schöpfung – ein großes Thema in den Psalmen, dem Gebet- und Liederbuch der Bibel. Es gibt andere Themen: Sehnsucht und Hoffnung, Recht und Gerechtigkeit, Krankheit und Not. Not macht oft sprachlos. Wie gut es es, wenn ich dann Worte im Gedächtnis habe, die helfen. Die aus Psalm 23 zum Beispiel, den früher noch viele auswendig gelernt haben: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln…“ Da vertraut jemand, der oder die gerade etwas Schweres durchmacht, ganz auf Gott. In anderen Psalmen danken, bitten oder loben die Menschen Gott oder sie klagen ihm ihr Leid. Immer sind es starke Worte.

O-Ton Buthmann: Es sind wirklich viele poetische Bilder und manche sprechen mich persönlich auch total an, aber die Sprache drum herum ist nicht das, wie ich es ausdrücken würde. Das ist eigentlich die Aufgabe, vor der ich mich sehe. Also einfach das, was drinsteckt in den Psalmen in meine Sprache zu bringen.

Autor: So sagt es die junge Kirchenmusikerin aus Hamburg, Miriam Buthmann.

Musik 1 (Buthmann, Du gibst dich mit uns ab): Du gibst dich mit uns ab, mein Gott. / Du verleihst uns Würde und Macht. / Es fehlt nicht viel und wir sind wie du.

Autor: Dass die Psalmen der Bibel vertont werden, ist nicht neu. Auch früher schon suchte man nach Melodien und manchmal auch nach neuen Worten. Ich spreche darüber mit Christa Kirschbaum. Sie ist Landeskirchenmusikdirektorin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

O-Ton Kirschbaum: Das ist schon sehr uralt, die Psalmen gehörten zum festen Bestandteil der Stundengebete in den Klöstern. Und die wurden ganz früh auch schon gesungen, sie gehören zum Repertoire des gregorianischen Chorals, was ungefähr 1000 n. Chr. schon feststand.

Autor: Die Schweizer Reformatoren Anfang des 16. Jahrhunderts vertonten die Psalmen neu. Ihr Genfer Psalter entwickelte sich schnell zu einem Erfolgsmodell. Der Reformator Johannes Calvin setzte auf die Macht der Musik und auf die poetischen Texte der Psalmen. Die bezeichnete er als das beste Gesangbuch.

O-Ton Kirschbaum: Allerdings hat er gesagt: Die so auswendig zu lernen ist schwierig, also am besten bereimt man sie, dann kann man sie sich nämlich besser merken.

Musik 2 (Vocalconsort Berlin: Auf dich setz ich, Herr, mein Vertrauen): Auf dich setz ich, Herr, mein Vertrauen. / Verlass mich nimmer mehr / in Schanden und Unehr, / lass deine Gütigkeit mich schauen / und mich aus allen Nöten / durch dein Güt tu erretten.

Autor: Das sind Worte aus dem Genfer Psalter zu Psalm 31. Keine Musik, auf die man tanzen würde. Nichts für ein beschwingtes Konzert. Es sind Melodien für einen reformierten Gottesdienst.

O-Ton Kirschbaum: Die Psalmmelodien sind alle neu erfunden worden für diese Bereimung und sie bestehen nur aus Notenwerten, Halbe und Viertel, die in einem ganz bestimmten System aneinander angeschlossen werden, keine wilden Rhythmen, keine rhythmischen Verschiebungen, es ist ein ganz gleichmäßiger Fluss, und nach jeder Zeile wird auch erst mal tief durchgeatmet.

Autor: So Christa Kirschbaum. Wie sagte es Miriam Buthmann, die Pop-Kantorin aus Hamburg? Musik trifft direkt in Bauch und Herz. Das war früher nicht anders als heute – und Johannes Calvin, der Schweizer Reformator, wusste nicht nur um die Chancen der Musik. Er kannte auch die Gefahren und meinte:

O-Ton Kirschbaum: Die Musik ist eine sehr sinnliche Kunst. Die kann leicht die Leute ablenken von der Konzentration auf das Eigentliche, die christliche Botschaft. Deswegen hat er nur die Psalmen zugelassen als Lieder, als Musik in seinen Gottesdiensten. In der reformierten Tradition haben sie versucht, ganz eins zu eins den biblischen Text zu übertragen. Wenn also zum Beispiel ein Psalm 88 Verse hat, dann hat er in dem Lied 44 Strophen. Zwei Verse für eine Strophe.

Autor: Die lutherischen Kirchen haben bald versucht, den Genfer Psalter zu kopieren. Die Psalmen zu vertonen und in neue, gereimte Verse zu bringen, das sprach viele an. Cornelius Becker, Pfarrer und Doktor der Theologie in Leipzig, hat in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts auf seine Weise alle 150 Psalmen neu gereimt und dabei die alten Texten ergänzt und gedeutet.

O-Ton Kirschbaum: Dieser ganze Becker-Psalter ist dadurch bekannt geworden, dass der Komponist Heinrich Schütz jeweils neue Melodien zu diesen Psalmgedichten erfunden hat, die bis heute noch im Gebrauch sind. Das bekannteste davon ist „Wohl denen, die da wandeln“.

Musik 3 (Wohl denen, die da wandeln):

Wohl denen, die da wandeln

vor Gott in Heiligkeit,

nach seinem Worte handeln

und leben allezeit;

die recht von Herzen suchen Gott

und seine Zeugnis’ halten,

sind stets bei ihm in Gnad.

Autor: Ein Lied zu Psalm 119. Tatsächlich bis heute ein Klassiker im Evangelischen Gesangbuch. Seit der Barockzeit gibt es zahlreiche Psalm-Motetten, die geistliche Chormusik von Heinrich Schütz, die Motetten von Johann Sebastian Bach oder die von Felix Mendelssohn-Bartholdy im 19. Jahrhundert. Eine starke Tradition. Bis heute sind diese Liedtexte der Bibel Ausgangspunkt für neue Kompositionen im Bereich der Kirchenmusik. Wenn es um die Psalmen geht, hat auch Landeskirchenmusikdirektorin Christa Kirschbaum ihre persönlichen Favoriten.

O-Ton Kirschbaum: Ich mag natürlich besonders die Lobpsalmen, zum Schluss des Psalters, weil da sehr viel von der Musik ausdrücklich auch die Rede ist. Singet dem Herrn ein neues Lied, jauchzet dem Herrn alle Welt, oder der 150. Psalm, wo das ganze biblische Instrumentarium aufgezählt wird. Was ich heute natürlich gerne erweitern möchte um Instrumente, die es damals einfach noch nicht gab.

Sprecherin:

Lobet Gott in seinem Heiligtum,

lobet ihn in der Feste seiner Macht!

Lobet ihn für seine Taten,

lobet ihn in seiner großen Herrlichkeit!

Lobet ihn mit Posaunen,

lobet ihn mit Psalter und Harfen!

Lobet ihn mit Pauken und Reigen,

lobet ihn mit Saiten und Pfeifen!

Lobet ihn mit hellen Zimbeln,

lobet ihn mit klingenden Zimbeln!

Alles, was Odem hat, lobe den HERRN!

Halleluja! (Psalm 150)

Autor: Das ist das biblische Orchester nach Psalm 150. Tatsächlich wären diese Instrumente heute zu erweitern. Zum Beispiel um Schlagzeug, Bass, Gitarre und Klavier. Das ist die Idee von Miriam Buthman, der Pop-Kantorin aus Hamburg. Mit ihrer Band bildet sie die verschiedenen Stimmungen der Psalmen ab. Manchmal kommt die Musik nicht fröhlich, sondern nachdenklich daher, düster, klagend. So wie bei den Tönen zu Psalm 102.

Musik 4 (Buthmann, Erhöre mein Gebet):

Sprecherin:

HERR, höre mein Gebet

und lass mein Schreien zu dir kommen!

Verbirg dein Antlitz nicht vor mir in der Not,

neige deine Ohren zu mir;

wenn ich dich anrufe, so erhöre mich bald!

O-Ton: Das ist ein sehr persönlicher Psalm und er hat eine ganz große Tiefe, und die habe ich für mich entdeckt. Das ist einer der Psalmen, die am nächsten an meiner Person auch dran sind.

Musik 4 (Buthmann, Erhöre mein Gebet): Erhöre mein Gebet, / hör mich an / in meiner Not

Autor: Miriam Buthmann erzählt, wie sie einmal plötzlich sehr krank wurde. Eine Woche später sollte sie mit ihrer Band auf Tour gehen.

O-Ton: … und es war noch nicht klar, wie ich wieder in dieser kurzen Zeit zur Stimme kommen konnte. Dann habe ich diesen Psalm entdeckt für mich, in dem eine sehr, sehr große Not beschrieben wird, und dieses Alleinsein und trotzdem die Hoffnung haben, dass das schon irgendwie gut ausgeht.

Musik 4 (Buthmann, Erhöre mein Gebet):

In diesem Augenblick / sieh mich an / geh nicht fort

Autor: Dieses Lied habe ich in den letzten Wochen manches Mal gehört. Nach den Terroranschlägen in Paris. Es waren ruhige, nachdenkliche Tage voller Trauer und Mitgefühl. Ich fühlte ich mich sprachlos, wie gelähmt. Und immer wenn ich keine eigenen Worte finde, keine schnelle Erklärung, keine Lösung, dann bin ich froh, dass die Bibel Worte hat, mit denen ich Gott klagen kann, was ich nicht verstehe.

Musik 4 (Buthmann, Erhöre mein Gebet): Ich fühl mich / nicht wohl in meiner Haut / ich liege hier / ganz starr und allein / Feinde hab ich genug / und jedes Wort klingt hohl und gemein / Erhöre mein Gebet, / hör mich an / in meiner Not

Autor: Mal sind es die großen Krisen der Welt, mal das eigene persönliche Schicksal. Gott nicht nur zu danken und ihn zu loben, sondern ihm auch manches Leid zu klagen, dafür sind die Psalmen gut. Das Gefühl, dass Gott nicht fortgeht, sondern da ist, das gab Miriam Buthmann die Kraft, durchzuhalten, als sie krank war. Wieder auf den Beinen, konnte sie damals mit ihrer Band auftreten, sich wieder an Gottes Schöpfung freuen und weiter neue Lieder schreiben für ganz viel Popmusik in der Kirche.

Einen besinnlichen zweiten Advent, vielleicht mit einem Buch, vielleicht mit Musik, wünscht Ihnen Rundfunkpfarrer Titus Reinmuth aus Wassenberg.

Musik 5 (Buthmann, Beschützer der Welt)

Musik 1:

CD-Name:Mit einem anderen Blick

Track-Name/-Nr.: Du gibst dich mit und ab (Track 4)

Interpretin: Miriam Buthmann

Komponistin: Miriam Buthmann

Textdichterin: Miriam Buthmann

LC-Nr. 24822

Label: Fischplatte

Musik 2:

CD-Name:Calvin. Genfer psalter

Track-Name/-Nr.:Auf dich setz ich, Herr, mein Vertrauen (Track 32)

Interpretin:Vocalconsort Berlin

Leitung:Klaus-Martin Bresgott

Textdichter:Ambrosius Lobwasser (deutsche Bereimung)

Komposition:Felix Mendelssohn-Bartholdy

Verlag:edition chrismon

LC-Nr.16005

Label:edition chrismon

Musik 3:

Büroarchiv, Nr. 143, Track 10

CD-Name: Mit Herzen, Mund und Händen

Track/-name:10 / Wohl denen, die da wandeln

Komponist:Heinrich Schütz 1661

Texter:Cornelius Becker 1602

Interpret:Schwäbischer Posaunendienst und Göppinger Kammerchor

Leitung: Erhard Frieß

Label:imatel

LC-Nr.:03078

Verlag:Gesangbuchverlag Stuttgart GmbH u.a.

Musik 4:

CD-Name:Mit einem anderen Blick

Track-Name/-Nr.:Erhöre mein Gebet (Track 8)

Interpretin:Miriam Buthmann

Komponistin:Miriam Buthmann

Textdichterin:Miriam Buthmann

LC-Nr.24822

Label:Fischplatte

Musik 5:

CD-Name:Mit einem anderen Blick

Track-Name/-Nr.:Beschützer der Welt (Track 10)

Interpretin:Miriam Buthmann

Komponistin:Miriam Buthmann

Textdichterin:Miriam Buthmann

LC-Nr.24822

Label:Fischplatte

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