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Hörmal | 25.05.2014 | 07:45 Uhr

Am Grab

Vor sechs Jahren bin ich mit meinem Opa, meinem Vater und meinem Bruder nach Frankreich gefahren. An einem Sommertag haben wir Opa abgeholt in Wegberg bei Mönchengladbach und sind im Auto nach Laon gefahren, in die Nähe von Reims. 400 Kilometer. Mein Opa war damals 94 Jahre alt. Es war seine letzte große Reise.

Und wir sind gefahren, weil mein Opa seinen Vater sehen wollte, beziehungsweise: dessen Grab. 90 Jahre musste mein Opa darauf warten, bis er am Grab seines Vaters stehen konnte. Es versteckt sich in einem kleinen Wäldchen nahe Laon, wo die Deutschen im Ersten Weltkrieg gekämpft hatten, an der damaligen Westfront.

Früh ist mein Opa Waise geworden, er war vier, als sein Vater starb – wie so viele Soldaten im 1. Weltkrieg. Später, im 2. Weltkrieg, war mein Opa dann selbst Soldat und geriet für vier Jahre in französische Kriegsgefangenschaft, gar nicht so weit von Laon. Erst in den 1970er Jahren hatte er sich dann das erste Mal auf den Weg gemacht, um das Grab seines Vaters zu finden. Damals ohne Erfolg. Eine Suchanfrage über die deutsche Kriegsgräberfürsorge hatte uns dann vor sechs Jahren den richtigen Hinweis gegeben.

Und als wir an jenem sonnigen Tag in diesem friedlichen Wäldchen durch die Reihen von Gräbern gingen und mein Opa endlich den Namen seines Vaters fand, blieb er lange vor seinem Grab stehen – ich mit etwas Abstand hinter ihm. Ich habe meinen Opa nicht oft fluchen gehört. Aber hier konnte ich hören, was er da der Erde zusprach: „Dieser verdammte Krieg!“

Mittlerweile ist der Krieg woanders. Während in Laon die Vögel zwischen den Gräbern singen, schreit an so vielen Stellen der Welt die Erde vor Krieg und Zerstörung. Menschen sterben und Familien werden auseinander gerissen. Blutschuld über Blutschuld.

Ich bin groß geworden in einem Europa ohne Krieg. Und ich glaube, spätestens als ich mit meinem Opa am Grab seines Vaters stand, habe ich verstanden, was für ein großartiges Geschenk der Frieden ist, in dem ich leben darf.

Aber: Dieser Friede ist kein Geschenk. Er ist das Werk von Menschen, die daran gearbeitet haben. Frieden bedeutet Arbeit. Und Europa lebt in Frieden, weil seit knapp 70 Jahren immer wieder der Frieden erarbeitet wird.

Selig, die Frieden stiften, denn Sie werden Kinder Gottes heißen, heißt es in der Bergpredigt.

Heute ist die erste Europawahl, zu der mein Opa nicht mehr geht. Aber ich werde gehen; es ist mein kleiner Beitrag zu diesem Projekt Europa. Natürlich bedeutet wählen zu gehen auch etwas Mühe und ein wenig Arbeit, das stimmt. Aber für mich ist die Europawahl mein Beitrag, wie ich ein kleines Zeichen setzen kann – das bin ich nicht nur meinem Opa schuldig. Denn es geht mir bei Europa nicht um gekrümmte Gurken oder um Bürokratie. Es geht mir darum, dass dieses Projekt Europa und dieser Frieden weiter gehen. Damit meine Kinder nicht irgendwann einmal zu einem Soldatenfriedhof fahren müssen und deren Kinder auch nicht.

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