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Das Geistliche Wort | 26.12. 2018 | 08:35 Uhr

Angstfrei in Gottes Gegenwart

Guten Morgen! Liebe Hörer und Hörerinnen, heute, am zweiten Weihnachtstag, wünsche ich Ihnen allen noch ein gesegnetes Weihnachtsfest. Ich bin Schwester Ancilla Röttger aus dem Klarissenkloster am Dom in Münster.

Musik I

Was die Kirche an Weihnachten und an Ostern feiert, ist ein so großes Geheimnis, dass sie jeweils eine ganze Woche braucht, um dem gerecht zu werden. Allerdings gibt es zwischen diesen beiden Festwochen einen Unterschied: Zu Ostern feiert die Kirche eine ganze Woche lang die Auferstehung Jesu, also den Sieg des Lebens über Leid und Tod. Es beginnt damit, ein Feuer in der Nacht zu entzünden: Licht soll die Finsternis vertreiben. Eine einzige Kerze wird in den dunklen Kirchenraum getragen, wo das Licht sich verbreitet. Oftmals leuchtet die Osterkerze während der ganzen ersten Woche nach Ostern. Die Atmosphäre ist oft mitgeprägt von der aufbrechenden Natur im Frühling, die auf ihre Art ein Zeugnis des Lebens gibt: blühende Osterglocken und aufbrechende Knospen.

Dagegen hat die Woche nach Weihnachten einen ganz anderen Klang. Auch wenn sie ebenfalls von Kerzenschein und Licht geprägt ist, schaffen die vielen Lichterketten eine andere Atmosphäre. Es ist eine Woche, in der die Kirche an verschiedene Heilige denkt. Da steht heute am zweiten Weihnachtstag der heilige Stephanus an erster Stelle. Er war Märtyrer, also Blutzeuge, weil er sein Leben für seinen Glauben hingegeben hat.

Und dann geht es in dieser Woche weiter: zum Weihnachtsgeheimnis treten weitere Märtyrer in den Blick der Kirche. Und jeder Märtyrer verleiht der Weihnachtsbotschaft einen eigenen Aspekt.

Übermorgen geht es um die unschuldigen Kinder. Sie wurden im Alter bis zu zwei Jahren getötet, damals in der Gegend von Bethlehem durch König Herodes. Der hatte von Sterndeutern erfahren, dass es einen „neugeborenen König der Juden“ gibt. Das machte ihm so viel Angst, dass er einfach alle Kinder in dem fraglichen Alter umbringen ließ, um nur ja seine Macht nicht zu verlieren.

Und noch einen Tag später denkt die Kirche an den Bischof und Märtyrer Thomas Becket. Er wurde in seiner Kathedrale ermordet, Opfer politischer Wirren und Intrigen des 12. Jahrhunderts. All diese Heiligen stehen im Licht des Weihnachtsfestes.

Musik II

Ob Stephanus, die unschuldigen Kinder oder Thomas Becket: Alle verbindet nicht nur die Nähe zum Weihnachtsfest, sondern sie berühren auch ein anderes Phänomen: Die Angst. Viele Menschen leiden unter Angst. Dabei ist Angst immer fiktiv, auf etwas gerichtet, das noch gar nicht da ist und vermutlich auch nie eintreffen wird. Soziologen haben entdeckt, dass die Angst mit den wachsenden Absicherungen Schritt hält. Als die Menschen noch von der Jagd lebten, wussten sie: wenn wir heute nichts erbeuten, hungern wir heute. Doch als sie anfingen, Ackerbau zu betreiben, wuchs die Sorge, ob die Ernte wohl für den Winter reicht. Und mit jeder neuen Vorsorge nahm und nimmt auch die Angst zu: Ist mein Leben wirklich gesichert? Und die vielen Versicherungsunternehmen profitieren von dieser Angst vor der Ungesichertheit. Dabei liegt es nicht in der Hand einer Versicherung, mich aus der Angst zu befreien. Eine Versicherung kann lediglich den materiellen Schaden begrenzen, der droht – aber absolute Sicherheiten kann sie nicht garantieren.

Ich frage mich: Wie kommen Menschen aus der Enge heraus, in die die Angst sie führt? Angst, die die Luft abschnürt, nicht schlucken lässt, Menschen in sich selbst verkrümmt?

Angst hat natürlich auch ihre guten Seiten: Sie hält davon zurück, leichtfertig sich selbst und andere in Gefahr zu bringen. Sie darf nur nicht zum beherrschenden Faktor werden. Denn dann wird sie unberechenbar. Sie kann schließlich dazu führen, diejenigen in irgendeiner Weise zu beseitigen, die Angst machen.

Musik III

Angst spielt auch bei den Heiligen in dieser Weihnachtswoche eine Rolle. Als Stephanus seinen Glauben bezeugte, gab es Menschen, die mit ihm darüber stritten. Es heißt in der Apostelgeschichte: „sie konnten der Weisheit und dem Geist, mit dem er sprach, nicht widerstehen“ (Apg 6,10). Das brachte sie so sehr in Wut, dass sie Stephanus vor den Hohen Rat zerrten. Er aber wagte es, die religiös Verantwortlichen zu konfrontieren und hielt ihnen vor: „ihr habt durch die Anordnung von Engeln das Gesetz empfangen, es aber nicht gehalten“ (vgl. Apg 7,53). „Da erhoben sie ein lautes Geschrei,“ heißt es in der Apostelgeschichte weiter, „hielten sich die Ohren zu, stürmten gemeinsam auf ihn los, trieben ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn“ (Apg 7,57+58). Seine Gegner haben letztlich Angst: Sie hören nicht mehr zu. Sie schreien und halten sich die Ohren zu. Sie haben Angst, dass Stephanus ihr vertrautes sicheres Glaubenssystem durcheinanderbringen könnte. Dadurch schwächt er ihre religiöse Macht, in der sie die Gesetze ihrer Religion verbindlich für die anderen auslegen. Allgemein gesagt: Religiöser Fanatismus ist immer eine Ausgeburt der Angst.

Dann die unschuldigen Kinder: König Herodes hat Angst, dass dieses kleine Kind, von dem ihm die Sterndeuter erzählt haben, ihm den Thron streitig macht. Also tötet er viele Unschuldige, um sicher zu sein, dass der, vor dem er Angst hat, ermordet ist. Wieder allgemein gesagt: Gewalt und Unterdrückung sind meist die Folge der Angst vor Machtverlust.

Thomas Becket, Erzbischof von Canterbury wurde Der am 29. Dezember 1170 in seiner Kathedrale ermordete. Er war zuvor als Lordkanzler mit König Heinrich II. noch freundschaftlich verbunden gewesen. Doch hatte Becket ihm damals schon offen gesagt, dass er als Erzbischof sich ihm widersetzen müsste. Es ging um Streit, um rechtliche Dinge, Intrigen, politisches Durcheinander. All das brachte ihm schließlich den Tod. Und auch hier ist der Auslöser Angst vor Machtverlust, die den König und seine Ritter zur Wut anstachelte.

Musik IV

Es gibt viele Ängste, die zu Überreaktionen bis zum Mord führen. Angst ist kein guter Ratgeber. Auch nicht zu Ende gedachte Fragen können Angst bereiten, schon dann, wenn sie sich nur ankündigen. Manchmal gibt jemand auch schon eine Antwort auf eine Frage, bevor diese überhaupt gestellt ist, aus Angst, die Frage könne verunsichern. Der Schriftsteller Ulrich Schaffer formuliert das einmal so:

Sprecher:

»Ich habe mit ihm geredet. Er wusste alles. Hatte Antworten und Erklärungen für alles. Er hatte ein System, in das alles passte. Und was nicht passte, gab es nicht. Darum war ihm nichts peinlich an meinen Fragen. Aber mir war es peinlich, dass ich solche Fragen hatte. Auf seine Antworten hätte ich auch selbst kommen müssen. Alles klar. Es leuchtete mir ein. Jedenfalls damals. Warum ich ihm jetzt nicht mehr glaube? Weil er nicht fragen kann. Seine Fraglosigkeit ist seine Verurteilung meiner Person. Auch seine Antworten sind ein Urteil. Er hasst mich – aber das würde er nie zugeben. Eigentlich hasst er meine Fragen – aber sie werden ungefährlicher, weil er ja Antworten hat.«

Hassen, weil ich Fragen nicht zulasse. Es bedeutet im Grunde: Ich will nicht, dass du lebst. Fragen können ist nämlich eine Lebensäußerung – und sie nicht zulassen beim andern und bei sich selber, hat etwas mit Lebensverweigerung zu tun. Im Grunde ist genau das immer wieder der Auslöser von Angst: das Fragezeichen, das ich nicht auflösen kann und oft auch beim anderen nicht ertrage.

Und diese Fragen werden durch das, was an Weihnachten geschieht, in keiner Weise aufgehoben, sondern – wie die Heiligen in dieser Woche zeigen – bis zu Ende gedacht. Was ist dann aber anders geworden dadurch, dass Gott Mensch wird?

Paulo Coelho, ein brasilianischer Schriftsteller unserer Tage, erzählt von zwei Rabbinern, die in Deutschland unter dem Nazi-Regime nichts unversucht lassen, um den Juden beizustehen. Zwei Jahre lang leben sie in ständiger Angst, gefasst zu werden. Und am Ende werden sie gefasst. Im Gefängnis zeigen sie sehr unterschiedliche Verhaltensweisen:

Sprecher:

»Der erste Rabbiner betet in einem fort, aus Angst vor dem, was ihm bevorsteht. Der zweite schläft den ganzen Tag. „Warum schläfst du?“ fragt der ängstliche Rabbiner. „Um bei Kräften zu bleiben. Ich weiß, dass ich sie noch brauchen werde“, sagt der andere. „Aber hast du denn keine Angst? Wer weiß, was sie mit uns vorhaben.“ „Ich hatte Angst bis zu dem Augenblick, in dem wir gefangengenommen wurden. Die Zeit der Angst ist zu Ende, jetzt beginnt die Zeit der Hoffnung.“«

Es gibt sie immer noch, die Großen und Mächtigen, die in dieser Welt zu sagen haben und die doch Angst haben vor diesem kleinen Kind in der Krippe. Sie fürchten, dass von diesem Kind Veränderungen ausgehen, die ihre politische Größe und Macht, ihre menschliche Vorrangstellung gefährden könnten. Doch die Kleinen, Ohnmächtigen, Verlorenen, die Armen und Gebeugten – für sie ist in diesem Kind die Zeit der Hoffnung angebrochen.

Wenn ich die Fragen der Angst bis zu ihrem letzten Fragezeichen zulasse, komme ich meist zu der Einsicht, dass es zuletzt um die Angst vor dem Leben selbst geht. Denn Leben ist endlich, für jeden von uns. Doch seit Gott in diese Endlichkeit herabgestiegen ist und sterblicher Mensch wurde, hat er das Ende in einen Anfang verwandelt. Die Zeit der Angst ist wirklich vorbei. Vor der Krippe, vor Gott, der in diesem neugeborenen Kind einen neuen Anfang setzt, braucht niemand Angst zu haben. Er, Gott, kam zu den Menschen, damit der Mensch zu Gott kommt. Mit ihm ist die Zeit der Hoffnung angebrochen.

Aus Münster grüßt Sie Schwester Ancilla Röttger.

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