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Das Geistliche Wort | 25.10.2015 | 08:40 Uhr

„Auf dem Pilgerweg zum andern.“

(Gedanken zum Thema Mission am Weltmissionssonntag)

Bischof Claude Rault kenne ich bis jetzt nur aus seinem Buch. In wenigen Wochen habe ich die Gelegenheit, ihn persönlich kennen zu lernen, wenn er nach Deutschland kommt aus Algerien – nicht als Flüchtling, sondern als Botschafter. Ich freue mich schon sehr auf die Begegnung mit ihm, weil er sein Leben im selben Geist ausrichtet, wie der die Priestergemeinschaft „Jesus Caritas“, der ich selbst angehöre.

Guten Morgen!

Claude Rault ist Bischof der Diözese Laghouat in Algerien, in der Sahara. Über seine Erfahrungen dort hat er ein Buch geschrieben, das mich fasziniert und berührt. Es heißt: Die Wüste ist meine Kathedrale.

Musik I (aus: „The mission“, Nr.1 „On earth as it is in heaven,3:48)

Claude Rault, der Bischof der Sahara in Algerien, ist eine erstaunliche Persönlichkeit! Er ist ein Bischof in einem muslimischen Land. Sein Bistum zählt nur eine Handvoll Christen und erstreckt sich über eine riesige Wüste aus Sand und Steinen. In seinem Buch erzählt er von seiner Beziehung zu den Frauen und Männern Algeriens und zum Islam. Er berichtet von der Gastfreundschaft, die er bei den Muslimen erfährt, wie er einen christlich-muslimischen Gesprächskreis gründet und was Christen und Muslime miteinander und sogar voneinander lernen können. Er beschreibt, was es für ihn bedeutet, missionarisch zu leben, nämlich: in Beziehung zu sein und Begegnung zu wagen.

Gerade jetzt – wo in vielen Teilen Nordafrikas und des Nahen und Mittleren Ostens Gewalt im Namen der Religion herrscht – finde ich es unverzichtbar, dass Beziehung und Begegnung geschieht, vor allem zwischen Christen und Muslimen, aber auch innerhalb der anderen Weltreligionen und Bekenntnisse.

Missionarisch leben – so verstehe ich Bischof Rault – ist alles andere als Zwangsbekehrung und Glaubensunterdrückung. Es ist einfaches „Da-Sein“, präsent sein gerade auch bei dem, der anders ist, der anders glaubt.

Was es heißen kann, als missionarischer Mensch zu leben, beschreibt Rault einmal in einem Gedankenexperiment und geht dazu in die Lehre bei Jesus selbst:

Stellen Sie sich vor, Sie sind mit Jesus unterwegs, gehen mit Ihm Seite an Seite auf den Wegen Galiläas. Und was Sie dort erleben, das hat es in sich: Jesus selbst ist ein Mensch der Begegnung und Beziehung – mehr als jeder andere!

Das konnte und wollte Jesus so leben, weil er zutiefst überzeugt war, dass Gott selbst wesenhaft Beziehung ist, Liebe, die sich mitteilt. In Jesus verschenkt sich Gott selbst an uns, sagt Bischof Rault.

Es geht Jesus nicht um eine Wahrheit, die man glauben muss oder eine Moral, die zu befolgen ist. Es geht ihm um eine Erfahrung. Und die müssen oder besser: die dürfen wir Menschen selbst machen.

Musik II („Mission“, Nr.3, „Gabriels Oboe“)

Jeus geht es um die Erfahrung der persönlichen Begegnung. Und die sieht oft ganz anders aus, als wir sie uns zuvor vorstellen.

Bischof Rault erzählt in diesem Zusammenhang eine Begebenheit, die ihn selbst tief und nachhaltig berührt:

Er war während des Ramadan, der Fastenzeit des Islam, bei Brahim, einem muslimischen Freund und seiner Familie zum Abendessen eingeladen. Es war der Abend eines heißen Sommertages. Brahim hatte an diesem Tag auf dem nächstgelegenen Markt, etwa 30 Kilometer entfernt, einen Esel gekauft. Mit dem Esel war er in der Hitze des Tages die 30 Kilometer zu Fuß nach Hause gekommen. Kaum zu Hause angekommen, erblickt er den Gast und will ihm sofort zu trinken geben noch bevor die Sonne untergegangen ist. Er selbst darf ja noch nicht trinken, aber seinem Freund, Claude Rault, sagt er: „Du darfst doch trinken, du brauchst dich ja nicht an den Ramadan zu halten!“ Rault lehnt dankend ab, weil er seinen Freund Brahim beim Einhalten des Ramadan nicht nur respektiert, sondern auch mit ihm solidarisch sein möchte. Aber Brahim bleibt hartnäckig: „Trink, sage ich dir! Wenn du nicht für dich selbst trinken willst, dann trinke eben für mich!“ Das konnte Rault nicht ablehnen und trank ein paar Schluck Wasser. Und Brahim schaute ihm lachend zu und war so zufrieden als würde er selbst trinken!

Hier geht es um mehr als um pure Höflichkeit. Was Bischof Rault hier erfahren hat, führt ihn mitten ins Neue Testament. Dort heißt es:

„Wer euch auch nur einen Becher Wasser zu trinken gibt, weil ihr zu Christus gehört – Amen, ich sage euch: er wird nicht um seinen Lohn kommen“ (Mk 9,41).

Und an anderer Stelle:

„Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben“ (Mt 25,35).

Mit Blick auf Bischof Raults Erfahrungen frage ich mich:

Wer hatte hier Hunger? Und wer war hier durstig? Und wer war hier völlig erschöpft?

Denn hier gab doch der hungrige und durstige Brahim etwas ab und pointierte so das Evangelium!

Brahim hat inzwischen seine letzte Reise hinter sich und Bischof Rault ist sich sicher, dass Brahim am Tor des Paradieses herzlich von Christus empfangen wurde mit den Worten:

Du warst durstig und hast sogar noch zu trinken gegeben! Du warst hungrig und hast sogar noch zu essen gegeben! Du kehrtest heim von der Reise und hast andere noch aufgenommen! Tritt ein in die Freude deines Herrn!

Musik III (The mission, Nr.5 „Brothers“)

Aus dem Geist des Evangeliums zu leben heißt etwas anderes als Reden zu halten. Es geht darum, selbst zum lebendigen Wort zu werden, zu einem Wort, das konkret Geschwisterlichkeit und Liebe erfahrbar macht. … Das Wort allein genügt nicht. Was unsere Welt am dringendsten braucht, sind Menschen, die aus dem Wort heraus leben.

Bischof Rault begründet seine Überzeugung so:

Sprecher:

„Auch Jesus hat nicht nur gepredigt. Er ist Menschen begegnet, hat Kranke geheilt, hat Schwache getröstet, hat neue Hoffnung geweckt, wohin er auch kam. Er hat zwar die Jünger dazu berufen, sein Werk weiterzuführen, aber seine eigenen Begegnungen hat er meistens nicht als Gelegenheit genutzt, um neue Anhänger zu gewinnen! Da kreuzten sich Wege, und was sich danach zwischen ihm und den Menschen abspielte, davon wissen wir in den meisten Fällen nichts. Es bleibt ein Geheimnis zwischen den Herzen und Gott. Mit Sicherheit hatte aber die Begegnung mit Jesus zur Folge, dass für diese Menschen nichts mehr so war wie vorher!“

Ich verstehe das so:

Jesus hat mehr und mehr für sich begriffen, dass das Reich Gottes und damit seine Sendung allen galt, denen er begegnete. Man könnte sagen, auch die Kirche hat diesen Lernprozess durchgemacht und erst nach und nach erkannt, dass sie für alle da sein muss, und zwar ohne Menschen zu vereinnahmen. Und das gilt es zu entdecken: In jedem Menschen, in jedem Herzen, in jeder Religion, in jeder Kultur ist Gott längst gegenwärtig, lebendig und längst am Werk.

Musik IV (The mission, Nr.7 “Vita nostra”)

Ich lerne eine ganze Menge von Bischof Claude Rault, dem Bischof der Sahara in Algerien. Ich lerne von ihm, was es heißt, in der Nachfolge Jesu zu leben. Ich lerne von ihm, Zeuge seiner Lebensbotschaft zu sein.

Bei Christian Salenson, einem Theologen unserer Tage, fand ich eine Definition, die Bischof Rault als Zeugen par exellence ausweist:

Sprecher:

„Zeuge ist nicht derjenige, der etwas weiß und sagt, was er gelernt hat; Zeuge ist, wer sieht. Ein Zeuge ist jemand, der das Wirken Gottes in der Welt betrachtet. Er wiederholt nicht, was er irgendwann einmal gesehen hat, sondern sagt, was er hier und jetzt sieht.

Das Ziel des Zeugnis-Gebens ist nicht, der Kirche neue Mitglieder zuzuführen, sondern sich selbst und andere für Gottes Wirken zu öffnen. Das Zeugnis geht übrigens nicht immer von denen aus, die gläubig sind und sich als Jüngerinnen und Jünger Jesu verstehen. Viele Christen haben erlebt, wie Menschen, die vordergründig mit dem Christentum nichts zu tun haben, für sie zu Zeugen geworden sind.“

Ich denke noch einmal an Bischof Rault und seinen Freund Brahim.

Lieber Brahim, muslimischer Bruder! Von Dir kann ich wie Bischof Rault das Evangelium lernen und tiefer verstehen. Von Dir kann ich lernen, ein besserer Christ zu sein. Ich stelle mir vor, wie schön es wäre, wenn wir Christen den muslimischen Geschwistern helfen könnten, bessere Muslime zu sein. Ja, und wenn wir alle einander helfen, unser Menschsein in einer Fülle und Tiefe zu entdecken und zu leben wie es uns Jesus von Nazareth gezeigt und vorgelebt hat.

Musik V

Einen schönen und gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Pfarrer Frank Reyans aus Grefrath.

*Vgl. Claude Rault, Die Wüste ist meine Kathedrale, Sankt Ottilien 2011, Klappentext.

**Vgl. Rault, S.69.

***Vgl. Rault, Wüste, S.81/2.

****Vgl. Rault, Wüste, S.83.

****Rault, Wüste, S.84.

*****Vgl. Christian Salenson, Den Brunnen tiefer graben, München 2011, S. 106/107.

Salenson, Brunnen, S.109.

Copyright Vorschaubild: gemeinfrei wikipedia

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