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Choralandacht | 03.09.2016 | 07:50 Uhr

Auf meinen lieben Gott (eg 345)

Autor: Morgen im Gottesdienst, da wird er uns wieder mitgegeben: der Wochenspruch. Ein Wort aus der Bibel für die nächsten sieben Tage - wie eine Parole. Der Satz ab morgen steht im ersten Petrusbrief: "Alle eure Sorgen werft auf Gott, denn er sorgt für euch." Was für ein fast verwegenes Gottvertrauen! Der Choral, der diesen Spruch als sogenanntes Wochenlied begleitet, nimmt diese Tonlage auf. Ein riesiger Sorgenbatzen wird da auf Gott geworfen mit dem Lied "Auf meinen lieben Gott, trau ich Angst und Not":

Musik 1: Auf meinen lieben Gott trau ich in Angst und Not; der kann mich allzeit retten aus Trübsal, Angst und Nöten, mein Unglück kann er wenden, steht alls in seinen Händen.

Autor: Ich mag die Rede vom "lieben Gott" eigentlich nicht, sie kommt mir zu nett, zu harmlos vor. Hier ist sie aber gar nicht harmlos! Aller Harm eines Lebens, alles Unglück wird in Gottes Hand geworfen. Wir wissen nicht, wer so verwegen von Gottes Liebe gedichtet hat. Aber wir wissen, dass dieser Mensch um 1600 herum die Melodie eines damals populären Liebeslieds mit neuem Text versehen hat. Die ursprünglichen Verse sind freilich eher ein Liebeskummerlied. Die Liebesgöttin Venus und ihr Kind Amor werden schwer angeklagt:

Musik 2:

Sprecher (Overvoice): Venus du und dein Kind/ seid alle beide blind/ und pflegt auch zu verblenden,/ wer sich zu euch tut wenden, wie ich wohl hab erfahren/ in meinen jungen Jahren. // Amor du Kindlein bloß/ wem dein vergifts Geschoss/ Das Herz einmal berühret/ der wird alsbald verführet/ Wie ich wohl hab erfahren/ in meinen jungen Jahren. // Drum rat ich jedermann/ von Lieb bald abzustahn/ Denn nichts ist zu erjagen/ in Lieb als Weh und Klagen/ Das hab ich alls erfahren/ in meinen jungen Jahren.

Autor: Wie wunderbar stellt die unbekannte Hand mit dem Choral das bekannte Liebeskummerlied nun auf den Kopf: In Weh und Klagen geraten wir, wenden wir uns der Liebesgöttin zu? Angst und Unglück kann der eine, einzige Gott aus Liebe wenden! Ja mehr noch, in der zweiten Strophe kommt zu der Not von außen auch noch die innere Last dazu. Mein Versagen, meine Schuld, auch diese Last kann übergeben werden:

Musik 1: Ob mich mein Sünd anficht, will ich verzagen nicht; auf Christus will ich bauen und ihm allein vertrauen, ihm tu ich mich ergeben im Tod und auch im Leben.

Autor: Die Rede von der Sünde hat in der Kirche oft fürchterlich unter Druck gesetzt. Hier aber ist das Singen von der Sünde ein Befreiungsakt. Die Schuldlast nicht verheimlichen zu müssen, sondern dem lieben, dem wirklich liebenden Gott hinhalten zu können - welch hörbares Aufatmen! Möglich ist das für den unbekannten Poeten wegen Christus: mit ihm hat Gott ein Gesicht, kommt er ganz nah heran. Gerade mein Versagen treibt ihn in meine Nähe. Und nun das ganz Erstaunliche: sogar meine Vergänglichkeit, mein Sterben kann diese Nähe nicht aufheben. Das muss mit der dritten Strophe noch weiter besungen werden:

Musik 1: Ob mich der Tod nimmt hin, ist Sterben mein Gewinn, und Christus ist mein Leben; dem tu ich mich ergeben; ich sterb heut oder morgen, mein Seel wird er versorgen.

Autor: "Denn Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn." Diesen Satz hat die anonyme Hand hier wörtlich aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Philippi abgeschrieben. Und dann wiederholt sie einfach, was schon in der zweiten Strophe stand: diesem Christus "tu ich mich ergeben". Wer sich in einem Deutschaufsatz so ausdrücken würde, bekäme gewiss ein dickes rotes A an den Rand gesetzt: "Umgangssprache, schlechter Ausdruck".

Aber gerade so stimmt es doch genau! Im Blick auf mein Sterben kann ich nichts tun - bis auf das eine: mein Tun kann darin bestehen, dass ich Jesus alles tun lasse. Und was tut er? Er sorgt für meine Seele - gerade auch jenseits meiner Lebensgrenze. Im Choral heißt es sogar noch schöner: "mein Seel wird er versorgen". Nicht nur Seelsorger also, sondern Seelversorger! Ich spinne den Gedanken weiter: Auch wenn ich gestorben bin, versorgt Jesus meine Seele noch mit dem nötigen Lebensmittel. Und dieses Lebensmittel ist Gottes Liebe. Fragt sich: wie kann er das tun? In der vierten Strophe steckt die Antwort:

Sprecher: O mein Herr Jesu Christ, der du geduldig bist für mich am Kreuz gestorben: hast mir das Heil erworben, auch uns allen zugleiche das ewig Himmelreiche.

Autor: Im ganzen riesigen Rundfunkarchiv war keine Aufnahme zu finden, in der diese Strophe gesungen wird. Vielleicht liegt es an den Worten "für mich am Kreuz gestorben". Nicht wenigen ist das fremd geworden. Dem namenlosen Dichter war es urvertraut und eine Freudenbotschaft. Das Kreuz war für ihn nicht die Weise, mit der Jesus bei einem furchtbar berechnenden Gott wieder für gute Stimmung sorgen muss. Solch einem Gott würde ich mich in Angst und Not doch niemals anvertrauen! Das Kreuz ist der Ort, wo Gott selbst sich mit allen Sorgen bewerfen lässt und so das Heil erworben hat. Das ist für den Poeten so schön, dass seine Worte förmlich ausbrechen. Bisher hat er immer nur von sich und Gott gesungen, nun sieht er für uns alle zugleich offen das Himmelreich. Kein privates Heilssüppchen mag er mehr kochen. Mit besonderer Fröhlichkeit müsste diese Kreuzstrophe gesungen werden. Wie gut, dass ich eine passende Orgelvariation zu unserem Choral stattdessen hören lassen kann. Die Melodie zu einem heiteren Tanz verwandelt, zu einer flotten Courante:

Musik 3 instrumental

Autor: Ein Tanz in den Himmel hinein! Der große Barockmeister Dietrich Buxtehude hat es gewagt, Variationen in Tanzform zu diesem Kirchenlied zu komponieren - ein für seine Zeit völlig einmaliger Vorgang. Aber damit hat er den verborgenen Freudenglanz dieser Verse besonders hörbar gemacht. Nach der Courante lässt er eine noch flottere und hellere Gigue folgen. Und das ist genau die richtige Musik für die letzte Strophe!

Musik 3 instrumental

Sprecher (Overvoice): Amen zu aller Stund sprech ich aus Herzensgrund; du wollest selbst uns leiten, Herr Christ, zu allen Zeiten, auf dass wir deinen Namen ewiglich preisen. Amen.

Autor: In den ursprünglichen Liebeskummerverse wurden Venus und Amor blind genannt, wurde heftig vor der Liebe gewarnt. Hier wird ein Liebesglückslied gesungen: Nicht an den Kümmernissen unseres Lebens vorbei-, sondern mitten hineingesungen. Weil Jesus nicht blind ist, sondern unser Leben teilt und den Weg weiß. Vielleicht glaubt sich das leichter, wenn es mit einer Melodie zusammen zum Ausdruck kommen darf. Mit einem Amen wird die Schluss-Strophe begonnen, mit einem Amen auch beendet. Das erste Amen kommt mir allein von den Lippen - beim zweiten bin ich Teil von einem großen Wir. Darum diese Strophe nun noch einmal - gesungen von einem großen Chor. Und die Sopranstimme kann nicht anders, als über die Choralmelodie hinaus schon einmal ein wenig in´s Himmelreich empor zu fliegen:

Musik 2: Amen zu aller Stund sprech ich aus Herzensgrund; du wollest selbst uns leiten, Herr Christ, zu allen Zeiten, auf dass wir deinen Namen ewiglich preisen. Amen.

Musikinformationen:

Musik I:

CD-Name : Telemanisches Gesangbuch

Titel: Auf meinen lieben Gott

Track-Nr.: 21

Interpret: Klaus Mertens

Komponist: unbekannt

Texter: Sigismund Weingärtner

Verlag: Carus Verlag

Label: Carus

LC-Nr.: 03989

Bestell-Nr.: 83340

EAN: 4009350833401

Musik II:

Büro Archiv 022

CD-Name : Mein Gott, ich will dich loben

Titel: Auf meinen lieben Gott

Track-Nr.: 11

Chor: Jubilate Chor

Leitung: Wilfried Mann

Komponist: Jakob Regnart 1574, geistlich 1578, Johann Herrmann Schein 1627

Texter: Lübeck vor 1603, Wittenberg und Nürnberg 1607

Verlag: Schulte & Gerth Verlag Asslar

Label: 06160

LC-Nr.: SG

Musik III:

CD-Name : WDR-Kompilation

Titel: Auf meinen lieben Gott

Interpret: Martin Rost (Orgel)

Komponist: Dietrich Buxtehude

Texter: unbekannt

Verlag: Peters

Label: Eigenproduktion

LC-Nr.: Z2323

Hinweise zur Textgeschichte:

Jochen Kaiser: "Auf meinen lieben Gott", in:

Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch Heft 21, Göttingen 2015, S.70-73

Der Text "Venus, du und dein Kind"zitiert nach:

http://www.volksliederarchiv.de/venus-du-und-dein-kind/

und http://www.deutsche-liebeslyrik.de/regnart.htm#g8

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